Bis 11. April arbeiten Deutsche nur für den Sozialstaat

Sozialstaat in Deutschland wird teurer: Vor allem Pflege, Gesundheit und Rente treiben die Kosten bis weit in die Zukunft.

Bis zum 11. April ist rechnerisch genug erwirtschaftet, um Renten, Pflege, Gesundheit und andere Sozialleistungen eines Jahres zu finanzieren. © Unsplash

Bis zum 11. April ist rechnerisch genug erwirtschaftet, um Renten, Pflege, Gesundheit und andere Sozialleistungen eines Jahres zu finanzieren. © Unsplash

Bis zum 11. April arbeitet Deutschland in diesem Jahr rechnerisch nur für den Sozialstaat. Erst dann ist genug erwirtschaftet, um Renten, Pflege, Gesundheit, Bürgergeld und andere Sozialleistungen zu finanzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse der Stiftung Marktwirtschaft. Im Vorjahr lag dieser Zeitpunkt noch am 9. April.

Dass sich der Termin um zwei Tage nach hinten verschiebt, hat einen klaren Grund: Vor allem Gesundheit und Pflege werden deutlich teurer. Dort schlagen Alterung und medizinischer Fortschritt immer stärker zu Buche. Das treibt die Kosten nach oben. Die Autoren der Studie, Bernd Raffelhüschen, Sebastian Schultis und Sebastian Stramka, haben den 11. April deshalb zum diesjährigen Sozialabgabengedenktag erklärt.

Mehr als drei Monate gehen rechnerisch an soziale Leistungen

Der Sozialabgabengedenktag übersetzt ein kompliziertes Finanzierungssystem in ein Datum. Gemeint ist der Tag, bis zu dem eine statistische Durchschnittsperson rechnerisch so viel erarbeitet hat, wie der Staat und die Sozialversicherungen für sämtliche Sozialleistungen eines Jahres ausgeben. 2026 fällt dieser Tag auf den 11. April. Im Vorjahr war es noch der 9. April.

Dahinter steht auch eine gestiegene Belastungsquote. Sie erhöht sich von 27,0 auf 27,6 Prozent. Anders gesagt: Mehr als ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung fließt inzwischen in soziale Sicherung.

Für alle Sozialleistungen zusammen summieren sich die Ausgaben 2025 auf 1001,2 Milliarden Euro.

Steuerfinanzierte Leistungen bleiben auf Januar-Niveau

Daneben gibt es einen zweiten Stichtag. Der Sozialleistungsgedenktag ist weiterhin der 31. Januar. Er bezieht sich nur auf jene Leistungen, die nicht durch äquivalente Beiträge gedeckt sind, also vor allem auf steuerfinanzierte und beitragsfremde Sozialleistungen.

2025 summieren sich diese steuerfinanzierten und beitragsfremden Leistungen auf 304,4 Milliarden Euro. Dazu gehören etwa die Grundsicherung im Alter, die Sozialhilfe, Jugend- und Eingliederungshilfen sowie versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente.

Dass der zweite Stichtag unverändert geblieben ist, liegt laut Studie im kräftigeren Wachstum des Nettonationaleinkommens, das die höheren Ausgaben rechnerisch ausgleicht. Entlastung bedeutet das aber nicht.

Der Sozialstaat wird langfristig deutlich teurer. Die künftigen finanziellen Lasten steigen sowohl bei allen Sozialleistungen zusammen als auch bei den steuerfinanzierten und beitragsfremden Leistungen spürbar an. © Stiftung Marktwirtschaft
Der Sozialstaat wird langfristig deutlich teurer. Die künftigen finanziellen Lasten steigen sowohl bei allen Sozialleistungen zusammen als auch bei den steuerfinanzierten und beitragsfremden Leistungen spürbar an. © Stiftung Marktwirtschaft

Pflege, Gesundheit und Rente treiben die Ausgaben spürbar

Besonders stark steigen die Kosten in den Bereichen, die seit Jahren unter Druck stehen. In der gesetzlichen Krankenversicherung wachsen die Ausgaben um 21,5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 7,5 Prozent. Vor allem Arzneimittel und Krankenhausleistungen schlagen stärker zu Buche.

Noch kräftiger fällt der Zuwachs in der Pflege aus. Dort steigen die Ausgaben um 9,4 Milliarden Euro. Das sind 16,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem in den Pflegegraden 3 und 4 wird es deutlich teurer.

Auch die gesetzliche Rentenversicherung legt kräftig zu. Sie verzeichnet ein Plus von 22,2 Milliarden Euro, also 6,0 Prozent. In der Arbeitslosenversicherung steigen die Ausgaben um 5,1 Milliarden Euro oder 18,5 Prozent. Mehrere große Systeme verteuern sich also gleichzeitig.

Die Summe erreicht mehr als 1,3 Billionen Euro

Wie groß der Sozialstaat inzwischen ist, zeigen die Gesamtausgaben. Im Jahr 2024 liegen sie laut Studie bei rund 1.345,4 Milliarden Euro. Das sind 83,2 Milliarden Euro mehr als 2023.

Damit fließt fast ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung in soziale Sicherung. Die Sozialleistungsquote liegt bei 31,2 Prozent. Nur in den Corona-Jahren fiel sie noch höher aus.

Auch bei den Sozialbeiträgen gibt es seit Jahrzehnten nur die Richtung nach oben. Der kombinierte Satz für Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung liegt 2026 bei 42,5 Prozent. 1990 waren es noch 35,8 Prozent. Mehrere im Text genannte Projektionen rechnen für die kommenden Jahrzehnte mit Werten um 50 Prozent.

Sozialstaat Deutschland – Kosten wachsen im Hintergrund noch schneller

Am 11. April lässt sich ablesen, wie stark die laufende Belastung inzwischen gestiegen ist. Noch schwerer wiegt aber der Blick nach vorn. Denn die langfristigen Finanzierungsrisiken fallen deutlich größer aus, als es das Datum zunächst vermuten lässt.

Für alle Sozialleistungen zusammen liegt die implizite Verschuldung bei 204,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Vorjahr waren es 166,4 Prozent. Das ist ein Anstieg um 38,5 Prozentpunkte binnen eines Jahres.

Dabei geht es nicht um sofort fällige Schulden, sondern um künftige Verpflichtungen, die im heutigen System bereits angelegt sind. Vor allem Rente, Gesundheit und Pflege treiben diese Lasten. Die steuerfinanzierten und beitragsfremden Leistungen allein kommen auf 64,6 Prozent des BIP. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 52,3 Prozent.

Langfristige Lasten steigen deutlich kräftiger

Politisch brisant ist vor allem dieser Widerspruch: Im Kalender verschiebt sich der Stichtag nur um zwei Tage. Die langfristigen Finanzierungslasten steigen dagegen deutlich stärker.

Einen großen Teil davon tragen Bund, Länder und Gemeinden. Bei den Gebietskörperschaften steigt die implizite Verschuldung aus steuerfinanzierten Sozialleistungen von 28,9 auf 35,3 Prozent des BIP. Die Pflegeversicherung kommt insgesamt auf 48,8 Prozent des BIP, die gesetzliche Krankenversicherung auf 58,0 Prozent. In der Rentenversicherung liegt der Gesamtwert sogar bei 82,9 Prozent.

Darum dreht sich die Debatte längst nicht mehr nur um einzelne Beitragssätze. Es geht um die Frage, wie lange sich das heutige Leistungsniveau in einer alternden Gesellschaft mit weiter steigenden Kosten pro Kopf noch halten lässt.

Immer mehr Steuereinnahmen werden gebunden

Auch im Staatshaushalt wächst der Druck. Schon 2026 werden rund 22,4 Prozent aller Steuereinnahmen benötigt, um die steuerfinanzierten Sozialausgaben zu decken.

Bis 2050 könnte dieser Anteil auf 25,4 Prozent steigen, bis 2080 auf mehr als 27,2 Prozent. Dabei geht es zunächst nur um den steuerfinanzierten Teil des Sozialstaats.

Noch deutlicher fällt ein weiteres Szenario der Studie aus. Wenn der künftige Ausgabenanstieg aller Sozialleistungen über Steuern finanziert werden müsste, damit die Beitragssätze stabil bleiben, wären ab 2075 mehr als 40 Prozent der Steuereinnahmen gebunden. Für 2080 nennt die Studie einen Wert von 40,7 Prozent. Für andere staatliche Aufgaben bliebe dann deutlich weniger Spielraum.

Raffelhüschen fordert schnelle Reformen

Bernd Raffelhüschen leitet aus den Zahlen klare politische Forderungen ab. „Angesichts der bereits bestehenden Rekordbelastung durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge müssen wir dabei die Ausgabenseite sehr viel stärker in den Blick nehmen“, sagt er.

In Bezug auf die Alterung der Gesellschaft formuliert er es noch schärfer: „Wir können in einer dramatisch alternden Gesellschaft nicht länger sämtliche Lebensrisiken vollständig durch den Staat absichern, wenn wir die jungen Generationen finanziell nicht überfordern wollen.“

Er fordert unter anderem eine schnelle Anhebung des Rentenzugangsalters sowie höhere Selbstbeteiligungen in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der sozialen Pflegeversicherung. Damit bekommt die Debatte über die künftige Finanzierung des Sozialstaats eine klare politische Richtung.

Alterung und Medizin machen das System teurer

Der Kostendruck hat klare Ursachen: Die Bevölkerung altert, mehr Menschen brauchen Pflege, medizinische Versorgung und Renten. Zugleich wird Medizin besser, aber oft auch teurer.

Die Studie bringt das so auf den Punkt: Gesundheit und Pflege seien „in zunehmendem Masse von den Folgen der demografischen Alterung in Verbindung mit dem kostentreibenden medizinisch-technischen Fortschritt betroffen“. Und das treibt die Ausgaben seit Jahren nach oben.

Kurz zusammengefasst:

  • Bis zum 11. April arbeitet Deutschland 2026 rechnerisch nur für den Sozialstaat. Der Stichtag lag im Vorjahr noch beim 9. April, weil vor allem Pflege und Gesundheit deutlich teurer werden.
  • Die laufenden Kosten steigen kräftig: Alle Sozialleistungen zusammen summieren sich 2025 auf 1001,2 Milliarden Euro, während Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung besonders stark zulegen.
  • Noch schwerer wiegt der Blick nach vorn: Die langfristigen Finanzierungslasten steigen deutlich schneller als der Stichtag im Kalender, und ohne Reformen könnte der Sozialstaat in einigen Jahrzehnten mehr als 40 Prozent der Steuereinnahmen binden.

Übrigens: Während der Sozialstaat immer teurer wird, zeigt eine große Studie aus Dänemark noch eine andere Seite der Rechnung: Nach einer Diagnose knickt bei vielen das Einkommen über Jahre weg, besonders stark bei psychischen Erkrankungen und bei jungen Menschen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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