Selbst Bienen und Kolibris trinken Alkohol – er steckt im Nektar
Blütennektar enthält oft Alkohol: Bienen und Kolibris nehmen ihn täglich auf, teils in Mengen wie ein Getränk beim Menschen.
Ein Anna-Kolibri (Calypte anna) trinkt Nektar aus einer Island-Mallow-Blüte (Malva assurgentiflora) – einer Pflanzenart, in deren Nektar ebenfalls Alkohol nachgewiesen wurde. © Ammon Corl/UC Berkeley
Bienen und Kolibris fliegen von Blüte zu Blüte und nehmen dabei fortlaufend Nektar auf. Was dabei leicht übersehen wird: In vielen Blüten steckt neben Zucker auch Alkohol. Die Mengen sind gering. Doch weil die Tiere den ganzen Tag trinken, summiert sich die Aufnahme spürbar. Nektar ist damit mehr als nur eine Energiequelle.
Eine Untersuchung der University of California, Berkeley liefert klare Zahlen. Die Forscher analysierten 147 Nektarproben aus 29 Pflanzenarten. In 26 dieser Arten fanden sie Alkohol. In fast jeder zweiten Probe war Ethanol nachweisbar. Die Werte bleiben niedrig, aber messbar. Im Schnitt liegt der Anteil bei etwa 0,010 Prozent. Proben mit Alkohol erreichen rund 0,016 Prozent. Einzelne Werte steigen bis auf 0,056 Prozent. Die Ursache liegt im Nektar selbst. Er enthält viel Zucker. Gelangen Hefen hinein, beginnt ein Gärprozess. Dabei entsteht Ethanol – ganz natürlich und offenbar in vielen Blüten gleichzeitig.
Für Kolibris kann sich das auf ein „Getränk pro Tag“ summieren
Entscheidend ist nicht die einzelne Blüte, sondern die tägliche Gesamtmenge. Kolibris trinken enorme Mengen Nektar. Sie nehmen täglich bis zu 150 Prozent ihres Körpergewichts an Flüssigkeit auf. Die Forscher berechneten daraus konkrete Werte:
- Kolibris: etwa 0,19 bis 0,20 Gramm Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht täglich
- Sonnenvögel: bis zu 0,27 Gramm pro Kilogramm
- Honigbienen: etwa 0,05 Gramm pro Kilogramm
Bei kleinen Vögeln entspricht das ungefähr einem alkoholischen Getränk pro Tag beim Menschen. Die Forscher sprechen von einer „beachtlichen“ Menge. Trotzdem zeigen die Tiere keine offensichtlichen Einschränkungen. Sie fliegen präzise, sammeln Nahrung und bleiben aktiv.
Tiere vertragen Alkohol in Nektar erstaunlich gut
Die Daten zeigen eine klare Anpassung. Kolibris bauen Alkohol offenbar sehr schnell ab. Ihr Stoffwechsel arbeitet extrem effizient. Auch Bienen kommen mit niedrigen Mengen gut zurecht.
Experimente zeigen zudem ein differenziertes Verhalten. Kolibris akzeptieren geringe Alkoholkonzentrationen im Nektar. Steigt der Anteil über etwa 1 Prozent, meiden sie die Quelle deutlich häufiger. Bei rund 2 Prozent besuchen sie Futterstellen nur noch halb so oft. Das deutet darauf hin, dass die Tiere Alkohol wahrnehmen und aktiv bewerten. Sie regulieren ihre Aufnahme.
Alkohol könnte Verhalten und Vorlieben steuern
Noch ist unklar, welche Effekte Alkohol im Detail hat. Andere Stoffe im Nektar liefern Hinweise. Koffein oder Nikotin beeinflussen nachweislich das Verhalten von Insekten. Sie verändern, welche Blüten bevorzugt werden. Die Forscher vermuten ähnliche Effekte beim Alkohol. „Wir wissen nicht, welche Signalwirkung Alkohol hat oder ob er das Verhalten beeinflusst“, erklärt Studienautor Aleksey Maro. Es gehe nicht nur um Rausch, sondern auch um mögliche Effekte auf Appetit oder Orientierung.
Auch Evolutionsfragen rücken in den Fokus. Die Daten zeigen, dass viele Tiere Alkohol regelmäßig aufnehmen und verstoffwechseln. Rückstände eines Abbauprodukts fanden Forscher sogar in Federn von Kolibris. Das spricht dafür, dass ihr Körper Ethanol ähnlich verarbeitet wie der von Säugetieren.
Laut Studienleiter Robert Dudley gebe es im Tierreich vermutlich „eine breite Palette physiologischer Anpassungen“ an den allgegenwärtigen Alkohol in der Nahrung. Die Reaktionen des Menschen ließen sich darauf nicht einfach übertragen. Stattdessen könnten Tiere eigene Entgiftungswege entwickelt haben oder Alkohol sogar als Teil ihrer Ernährung nutzen. Klar ist vor allem: Sie nehmen ihn nicht gelegentlich auf, sondern regelmäßig – über den ganzen Tag hinweg und ein Leben lang.
Kurz zusammengefasst:
- Nektar von Blüten enthält häufig geringe Mengen Alkohol, die durch natürliche Gärung entstehen und von Tieren täglich aufgenommen werden.
- Trotz niedriger Konzentrationen summiert sich die Aufnahme bei Nektarfressern deutlich und erreicht Mengen, die beim Menschen etwa einem Getränk pro Tag entsprechen.
- Der Alkohol könnte Verhalten, Vorlieben und Orientierung von Tieren beeinflussen, da Nektar nicht nur Energie liefert, sondern ein komplexes chemisches Gemisch ist.
Übrigens: Bienen sehen Blüten ganz anders als Menschen – mit UV-Mustern, die direkt zum Nektar führen und für uns unsichtbar bleiben. Eine neue Kameratechnik macht diese verborgenen Farben erstmals sichtbar und zeigt die Welt aus Sicht der Tiere. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Ammon Corl/UC Berkeley
