Global Greening: Klimawandel verändert die Landkarte – der grüne Schwerpunkt der Erde verschiebt sich nach Norden

Satellitendaten zeigen: Der Schwerpunkt der globalen Vegetation wandert seit 1983 nach Norden und zunehmend nach Osten – im Südsommer teils um 14 km pro Jahr.

Das Bild zeigt saisonale Veränderungen der Landvegetation. Aus Satellitendaten berechnen Forschende den globalen grünen Schwerpunkt und dokumentieren seine langfristige Verschiebung nach Nordosten.

Im Jahresverlauf verändert sich das Grün der Landvegetation sichtbar. Forschende berechnen daraus den globalen grünen Schwerpunkt und verfolgen ihn seit Jahrzehnten. Dabei zeigt sich, dass sich dieser Schwerpunkt allmählich nach Nordosten verschiebt. © Ida Flik

Die Erderwärmung wird meist in Grad Celsius gemessen. Doch sie lässt sich auch anders sichtbar machen – in Kilometern. Ein unsichtbarer Punkt auf der Weltkarte zeigt, wohin sich das Pflanzenwachstum verschiebt. Dieser Schwerpunkt der globalen Vegetation macht deutlich, wie sich das sogenannte Global Greening räumlich verändert – und er bewegt sich seit Jahrzehnten in eine klare Richtung.

Forschende unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und der Universität Leipzig, haben diesen „grünen Schwerpunkt“ erstmals systematisch berechnet. Die Studie erschien im Fachjournal PNAS.

Satellitendaten machen Vegetation vergleichbar

Erstautor Prof. Miguel Mahecha erklärt die Idee mit einem einfachen Bild: „Stellen Sie sich vor, Sie halten einen perfekt runden Globus in Ihren Händen. Daran befestigen Sie kleine Gewichte, welche die grünen Pflanzenteile auf dem Festland repräsentieren. Wenn Sie den Globus in ruhiges Wasser legen, wird der Schwerpunkt immer nach unten zeigen.“

Und diesen Schwerpunkt berechnete das Team mithilfe von Satellitendaten seit den frühen 1980er-Jahren. Die Daten erfassen Blattflächen, Vegetationsindizes und die Photosyntheseleistung weltweit. So lässt sich bestimmen, wo die meiste pflanzliche Aktivität konzentriert ist.

Eine grüne Welle über den Planeten

Im Jahreslauf bewegt sich dieser Schwerpunkt wie eine Welle zwischen Nord und Süd. Mitte Juli erreicht er seinen nördlichsten Punkt im Nordatlantik nahe Island. Im März liegt er am südlichsten Punkt vor der Küste Liberias – noch immer auf der Nordhalbkugel. Danach wandert er wieder nach Norden.

Doch langfristig verändert sich diese Bewegung. Seit 1983 verschiebt sich der Schwerpunkt im Nordsommer im Schnitt um etwa 2 Kilometer pro Jahr nach Norden. Im Südsommer beträgt der Trend rund 2,4 Kilometer pro Jahr. Besonders auffällig war der Zeitraum zwischen 2010 und 2020. In diesen Jahren beschleunigte sich die Nordverschiebung im Südsommer zeitweise auf bis zu 14 Kilometer pro Jahr. Die Forschenden stellten fest: „Die grüne Welle verschiebt sich.“ Und weiter:

Entgegen unserer Erwartung bewegt sich der Schwerpunkt in beiden Sommerperioden nach Norden.

Satellitendaten zeigen: Der Schwerpunkt der globalen Vegetation wandert seit 1983 nach Norden und zunehmend nach Osten – messbar in km/Jahr.
Im Frühjahr treiben die Wälder Mitteleuropas aus. In dieser Phase verschiebt sich der grüne Schwerpunkt der Erde weiter nach Norden. Das Foto zeigt den Nationalpark Hainich in Thüringen. © Stefan Bernhardt

Unerwartete Norddrift im Südsommer

Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass sich der Schwerpunkt im Südsommer nach Süden verlagert. Doch genau das geschieht nicht. Auch dann wandert er weiter nach Norden. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Mahecha. „Längere Vegetationsperioden und mildere Winter könnten die Grünphase auf der Nordhalbkugel verlängern und die globale Vegetationsverschiebung nach Norden auch im Süd-Sommer erklären. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Hypothese, die wir noch prüfen müssen.“

Ein Grund liegt in der ungleichen Landverteilung. Die Nordhalbkugel besitzt deutlich mehr Landflächen. Mildere Winter verlängern dort das Pflanzenwachstum. Selbst kleine zusätzliche Grünphasen wirken sich global aus.

Zusätzlich driftet das Grün nach Osten

Neben der Nordverschiebung entdeckte das Team eine zweite Bewegung: Der Schwerpunkt wandert auch nach Osten. Diese Entwicklung war bislang nicht beschrieben. Als mögliche Ursachen gelten regionale „Greening-Hotspots“:

  • Intensivere Landwirtschaft in China
  • Starkes Pflanzenwachstum in Indien
  • Veränderungen in Russland

Diese Regionen verstärken die Bewegung nach Nordosten. In Südamerika wirken teilweise gegensätzliche Effekte.

Global Greening verschiebt die ökologische Landkarte

Der Begriff „Global Greening“ beschreibt die weltweite Zunahme grüner Vegetation. Dieses Phänomen hängt stark mit menschlichen Einflüssen zusammen. Steigendes CO₂ wirkt wie Dünger für Pflanzen und fördert die Photosynthese. Gleichzeitig verlängern höhere Temperaturen in vielen Regionen die Wachstumsperioden. Global Greening bedeutet also nicht nur „mehr Grün“. Es verändert die räumliche Verteilung der biologischen Aktivität auf dem Planeten.

Vegetation beeinflusst zentrale Prozesse:

  • Sie bindet CO₂ aus der Atmosphäre.
  • Sie reguliert den Wasserkreislauf.
  • Sie beeinflusst regionale Temperaturen.
  • Sie wirkt auf Dürren, Brände und Tierwanderungen.

Wenn sich der Schwerpunkt der Vegetation verschiebt, verändern sich auch diese Wechselwirkungen. Landwirtschaftliche Zonen können sich verschieben. Ökosysteme reorganisieren sich. Tierarten reagieren auf neue Bedingungen. Klimamodelle bestätigen den Trend. In Szenarien mit hohen Emissionen verstärkt sich besonders die Ostverschiebung. Selbst bei moderaten Entwicklungen bleibt die Norddrift bestehen.

Klimawandel ordnet die Vegetation geografisch neu

Bisher wurde Global Greening meist über Blattmengen beschrieben. Die neue Methode fügt eine räumliche Dimension hinzu. Veränderungen lassen sich in Kilometern pro Jahr ausdrücken. Der grüne Schwerpunkt funktioniert damit wie ein Kompass für das Pflanzenwachstum. Er zeigt, wo sich die biologische Aktivität der Erde konzentriert. Und er macht sichtbar, dass der Klimawandel nicht nur Temperaturen erhöht, sondern die Landkarte der Vegetation neu zeichnet.

Kurz zusammengefasst:

  • Der Schwerpunkt der weltweiten Vegetation verschiebt sich seit 1983 messbar nach Norden – im Nordsommer um rund 2,0 Kilometer pro Jahr, im Südsommer sogar um 2,4 Kilometer, mit einer deutlichen Beschleunigung seit 2010.
  • Entgegen früherer Annahmen wandert der grüne Mittelpunkt selbst im Südsommer weiter nach Norden und zusätzlich nach Osten, wodurch die Nord-Süd-Amplitude der „grünen Welle“ schrumpft und sich die globale Vegetationsverteilung dauerhaft verändert.
  • Diese räumliche Verschiebung des Global Greening beeinflusst Klima, Wasserhaushalt und Landwirtschaft, weil sich damit die Orte verändern, an denen CO₂ gebunden, Wachstum konzentriert und ökologische Prozesse besonders wirksam werden.

Übrigens: Während sich – wie beim Global Greening – ganze Vegetationszonen nach Norden verschieben, folgen auch Tiere dem veränderten Klima. In Indien wandern gefährliche Giftschlangen in neue Regionen, wodurch das Risiko schwerer Schlangenbisse stark steigen könnte – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Ida Flik / Stefan Bernhardt

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