Schon eine Stunde mehr Bildschirmzeit erhöht bei Kindern das Herz-Kreislauf-Risiko
Eine neue Langzeitstudie zeigt: Jede zusätzliche Stunde Bildschirmzeit verschlechtert bei Kindern Blutdruck, Blutfette und Insulinwerte.
Schon kurze zusätzliche Bildschirmzeiten können bei Kindern messbare Veränderungen von Blutwerten und Stoffwechselprozessen auslösen – besonders dann, wenn der Schlaf zu kurz kommt. © Pexels
Die Zeit, die Kinder und Jugendliche mit Handys, Spielkonsolen oder anderen digitalen Bildschirmgeräten verbringen, steht in engem Zusammenhang mit ihrer Herz- und Stoffwechselgesundheit. Bereits jede zusätzliche Stunde täglicher Bildschirmzeit geht mit messbar ungünstigeren Werten einher.
Die Auswertung zweier großer dänischer Geburtskohorten mit mehr als 1.000 Teilnehmern zeigt, wie früh diese Effekte einsetzen. Blutdruck, Blutfette, Blutzucker und Entzündungswerte reagieren sensibel auf digitale Freizeit. Besonders deutlich fällt der Zusammenhang aus, wenn Bildschirmzeit mit wenig oder spätem Schlaf zusammenkommt.
Mehr Bildschirmzeit lässt bei Kindern das Herz-Kreislauf-Risiko steigen
Berechnet wurde ein sogenannter kardiometabolischer Risikowert. Er bündelt Taillenumfang, systolischen Blutdruck, HDL-Cholesterin, Triglyzeride und Blutzucker. Jede zusätzliche Stunde täglicher Bildschirmzeit ließ diesen Wert steigen – bei Zehnjährigen um etwa 0,08 Standardabweichungen, bei 18-Jährigen sogar um rund 0,13. Das klingt technisch, lässt sich aber übersetzen.
Studienleiter David Horner bringt es so auf den Punkt: „Ein Kind mit drei zusätzlichen Stunden Bildschirmzeit pro Tag hat ein um etwa ein Viertel bis eine halbe Standardabweichung höheres Risiko als Gleichaltrige.“ Das bedeutet keine akute Erkrankung. Es bedeutet jedoch eine frühe Verschiebung biologischer Risikowerte, die sich über Jahre fortsetzen kann.
Wie sich kleine Effekte über viele Stunden summieren
Gerade im Jugendalter steigt die tägliche Bildschirmzeit stark an. Während Sechsjährige im Schnitt etwa zwei Stunden pro Tag vor Bildschirmen verbringen, sind es mit zehn Jahren gut drei Stunden. Mit 18 Jahren lag der Durchschnitt in der dänischen Kohorte bereits bei rund 6,1 Stunden täglich. Genau hier greift der Summeneffekt.
„Es ist ein kleiner Effekt pro Stunde, aber wenn Bildschirmzeit drei, fünf oder sogar sechs Stunden pro Tag erreicht, addiert sich das“, sagt Horner. „Über eine ganze Generation hinweg ergibt sich so eine relevante Verschiebung früher Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiken.“ Die Veränderungen bleiben nicht auf einen einzelnen Blutwert beschränkt, sondern betreffen mehrere Systeme gleichzeitig.
Wenig Schlaf verstärkt die Wirkung
Ein zentraler Befund der Analyse betrifft den Schlaf. Kürzere Schlafdauer und spätes Einschlafen verschärfen die Effekte der Bildschirmzeit deutlich. Kinder und Jugendliche mit wenig Schlaf zeigen bei gleicher Bildschirmzeit ungünstigere Werte als Altersgenossen mit ausreichender Nachtruhe.
In der Kindheit ließ sich ein Teil des Zusammenhangs sogar rechnerisch erklären. „Etwa 12 Prozent der Verbindung zwischen Bildschirmzeit und kardiometabolischem Risiko wurden durch kürzere Schlafdauer vermittelt“, sagt Horner. „Unzureichender Schlaf verstärkt nicht nur die Wirkung, sondern könnte ein zentraler Mechanismus sein.“
Warum Bewegung das Problem nicht einfach ausgleicht
Auffällig ist, was keinen großen Unterschied machte. Der Zusammenhang blieb bestehen, auch wenn körperliche Aktivität berücksichtigt wurde. Bildschirmzeit wirkte als eigenständiger Faktor – unabhängig davon, ob Kinder sich sonst viel oder wenig bewegten.
Das widerspricht der verbreiteten Annahme, Sport könne längere Bildschirmphasen automatisch neutralisieren. Die Daten deuten darauf hin, dass digitale Nutzung eigene biologische Prozesse anstößt, etwa über Schlafrhythmus, Stressregulation oder hormonelle Abläufe am Abend.
Ein Blick ins Blut zeigt frühe Warnsignale
Neben klassischen Blutwerten nutzten die Forscher eine detaillierte Analyse von Blutmetaboliten. Mithilfe maschinellen Lernens ließ sich ein charakteristisches Muster identifizieren – eine Art biologischer Fingerabdruck erhöhter Bildschirmzeit.
Horner beschreibt das so: „Wir konnten Veränderungen im Blut erkennen, einen metabolischen Fingerabdruck der Bildschirmzeit.“ Diese Veränderungen standen bei Jugendlichen sogar mit einem erhöhten, rechnerisch prognostizierten Herz-Kreislauf-Risiko in Verbindung, das auf Daten aus der britischen UK-Biobank basiert. Die Signale tauchen also früh auf.
Was Experten Eltern raten – ohne Alarmismus
Für die Praxis liefern die Ergebnisse einen klaren Ansatzpunkt. Amanda Marma Perak von der Northwestern University, die nicht an der Untersuchung beteiligt war, sieht den Schlaf als Hebel: „Wenn es schwerfällt, Bildschirmzeit zu reduzieren, kann ein Anfang sein, sie früher am Tag zu nutzen und früher ins Bett zu gehen.“
Ebenso wichtig bleibt das Vorbild. „Erwachsene können gesunde Nutzung vorleben – wann Geräte weggelegt werden und warum“, sagt Perak. Und sie ergänzt einen Gedanken, der im Familienalltag oft verloren geht: „Langeweile fördert Kreativität. Man muss sie nicht sofort mit einem Bildschirm füllen.“
Warum das Thema weit über den Alltag hinausreicht
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen für Krankheit und vorzeitigen Tod. Dass sich relevante Risikowerte bereits im Kindes- und Jugendalter verschieben, verleiht der Debatte um Bildschirmnutzung neues Gewicht. Es geht nicht um Verbote oder Technikfeindlichkeit, sondern um Tagesrhythmen, Schlaf und Gewohnheiten.
Die Ergebnisse der Studie ordnen Bildschirmzeit als eigenständigen Gesundheitsfaktor ein. Früh erkannt, lässt sich hier ansetzen – bevor aus unsichtbaren Zahlen langfristige Belastungen werden.
Kurz zusammengefasst:
- Bereits eine zusätzliche Stunde täglicher Bildschirmzeit geht bei Kindern und Jugendlichen mit messbar ungünstigeren Werten für Blutdruck, Blutfette und Insulinregulation einher.
- Schlaf spielt eine Schlüsselrolle: Kurze Schlafdauer und spätes Einschlafen verstärken den negativen Effekt der Bildschirmzeit deutlich, unabhängig von Bewegung oder Sport.
- Die Risiken beginnen früh: Die Veränderungen betreffen mehrere Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Faktoren zugleich und können sich bis ins Jugendalter weiter verstärken.
Übrigens: Auch bei Kleinkindern hinterlässt Bildschirmzeit messbare Spuren – sie kann die Hirnentwicklung verändern und steht später mit Angstsymptomen in Verbindung. Überraschend ist, dass regelmäßiges Vorlesen viele dieser Effekte deutlich abmildern kann – mehr dazu in unserem Artikel.
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