Singapur vs. Berlin – Wo sind die Menschen mehr in Bewegung?

Singapur fördert Bewegung im Alltag erfolgreicher als Berlin – das zeigen neue Daten zum Aktivitätsverhalten beider Städte im direkten Vergleich.

Menschen in Singapur sind mehr in Bewegung als Berlin

Ob Menschen sich bewegen, entscheidet oft die Stadt – Berlin und Singapur gehen dabei ganz unterschiedliche Wege. © Pexels

Die Menschen in Singapur sind täglich deutlich mehr in Bewegung als die Bewohner von Berlin. Das zeigt eine neue Analyse, für die 3.255 Personen aus beiden Metropolen über eine Woche hinweg einen Bewegungssensor trugen. Ein Forschungsteam der National University of Singapore und der Charité Berlin hat die Daten ausgewertet und deutliche Unterschiede festgestellt.

Dabei erfassten die Wissenschaftler nicht nur objektiv gemessene Werte mit einem Hüftgurt-Akzelerometer, sondern auch Angaben zu Lebensstil, Gewicht, Bildung, chronischen Krankheiten und Alltag. Grundlage waren die Singapore Population Health Studies und die Berliner Teilnehmer der NAKO Gesundheitsstudie.

Singapur punktet mit mehr Alltagsbewegung

Die Auswertung ergab: Die Personen in Singapur bewegten sich täglich rund 14 Minuten mehr mit mittlerer bis hoher Intensität. Zusätzlich kamen sie auf über eine Stunde mehr leichter körperlicher Aktivität pro Tag. Im Gegenzug verbrachten die Berliner rund 80 Minuten mehr in inaktiven Zustände, also sitzend oder liegend, ohne zu schlafen.

Wöchentliche Minuten an moderater bis intensiver sowie leichter körperlicher Aktivität und an Inaktivität in Singapur (hellere Balken) und Berlin (dunklere Balken). © Studie
Wöchentliche Minuten an moderater bis intensiver sowie leichter körperlicher Aktivität und an Inaktivität in Singapur (hellere Balken) und Berlin (dunklere Balken). © Studie

Privatdozentin Dr. Lilian Krist von der Charité in Berlin erläutert: „Bei Inaktivität handelt es sich um sitzende oder ruhende Positionen, aber keine Schlafenszeiten; leichte Bewegung entsteht bei Alltagstätigkeiten und moderate bis intensive Bewegung beschreibt Aktivitäten, bei denen man ins Schwitzen kommt, z.B. beim Joggen.“

In Berlin fehlt Bewegung – vor allem bei Älteren, Arbeitslosen und Übergewichtigen

Auch nach Berücksichtigung von Alter, Bildungsstand, Geschlecht und Körpergewicht blieben die Unterschiede bestehen. Ein klarer Geschlechterunterschied zeigt sich in Singapur: Hier waren Männer in allen drei Intensitätsstufen aktiver als Frauen. In Berlin dagegen gab es keinen klaren Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dort zeichnen sich dennoch Risikogruppen ab.

Jüngere Menschen, Berufstätige, Nichtraucher und Normalgewichtige sind in Berlin aktiver. Besonders wenig bewegten sich Arbeitslose, ältere Menschen sowie übergewichtige oder adipöse Teilnehmer.

Dr. Krist

Aktivität ist in Berlin Bildungssache

In Berlin fiel zudem auf: Menschen mit niedriger Bildung bewegten sich tendenziell weniger. Vor allem die Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren zeigte in dem Spektrum die geringste Menge an leichter Aktivität. In Singapur spielte der Bildungsgrad weniger eine Rolle. Hier war körperliche Aktivität häufiger mit Berufstätigkeit und Normalgewicht verknüpft.

Die Daten sollen nun helfen, gefährdete Gruppen besser zu erreichen und gezielte Bewegungsstrategien zu entwickeln – angepasst an die lokalen Bedingungen.

Gesundheitspolitik in Singapur setzt auf Bewegung

Ein möglicher Grund für die höheren Aktivitätswerte in Singapur liegt nach Einschätzung der Forscher in der dortigen Gesundheitspolitik. Seit 2015 läuft etwa die National Steps Challenge, ein staatliches Programm, das mit Belohnungen zu mehr Bewegung motiviert. Zudem investierte die Stadt konsequent in gut erreichbare Parks und grüne Wege.

Körperliche Aktivität ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gesunde Bevölkerung. Singapur hat mit der langfristigen Planung von Bewegungsräumen klare Vorteile geschaffen.

Studienautor Prof. Falk Müller-Riemenschneider

Klimabedingungen und Stadtplanung beeinflussen Bewegungsverhalten

Ein weiterer Faktor könnten die klimatischen Unterschiede sein. Während Berlin kalte Winter kennt, liegt Singapur in den Tropen mit ganzjährig warmem Wetter. Auch stadtplanerisch setzen beide Städte unterschiedliche Prioritäten: In Singapur ist die Infrastruktur auf kurze Wege und leicht zugängliche Grünflächen ausgerichtet.

Dennoch sehen die Wissenschaftler in beiden Städten Verbesserungspotenzial. Die vorliegenden Ergebnisse seien eine gute Grundlage, um Programme gezielt weiterzuentwickeln. In Berlin fehlen in vielen Stadtteilen wohnortnahe und sichere Orte für Bewegung, besonders in benachteiligten Vierteln. Hier könnten gezielte Investitionen in grüne Bewegungsangebote im öffentlichen Raum und quartiersnahe Gesundheitsförderung helfen. Auch in Singapur könnten künftige Programme noch stärker auf individuelle Lebensbedingungen, Arbeitszeiten oder körperliche Einschränkungen zugeschnitten sein.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Einwohner von Singapur bewegen sich im Alltag deutlich mehr als die Menschen in Berlin – mit rund 14 Minuten mehr intensiver Aktivität und über 60 Minuten mehr leichter Bewegung pro Tag.
  • In Berlin sind vor allem junge Erwachsene, Übergewichtige, Arbeitslose und Menschen mit niedriger Bildung besonders inaktiv.
  • Stadtplanung, Gesundheitsprogramme und Klima wirken sich messbar auf das Bewegungsverhalten aus – hier kann Berlin von Singapur lernen.

Übrigens: Singapur liegt nicht nur bei der Bewegung vorn – auch im Bildungsbereich lässt der Stadtstaat andere Länder hinter sich. Doch der schulische Erfolg hat einen Preis: enormem Leistungsdruck. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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