Menschen beschleunigen Bodenerosion in Europa um 73 Prozent – 213 Seen liefern Belege
Sedimente aus 213 Seen belegen: Seit Jahrtausenden verstärkt menschliche Landnutzung die Bodenerosion in Europa erheblich.
Regen spült fruchtbare Erde von den Feldern und hinterlässt tiefe Rinnen. Menschliche Eingriffe verstärken die Bodenerosion in Europa seit Jahrtausenden erheblich. © Pexels
Regen spült fruchtbare Erde von den Feldern, Flüsse tragen sie davon. Was heute weltweit Böden gefährdet, hat in Europa vor Jahrtausenden begonnen. Durch menschliche Eingriffe in die Landschaft fällt die Bodenerosion seit rund 3.000 Jahren rechnerisch um 73,1 Prozent höher aus als unter natürlichen Bedingungen. In Asien beträgt der zusätzliche Effekt sogar 117,6 Prozent.
Wissenschaftler der University of Science and Technology of China (USTC) haben für ihre Untersuchung Ablagerungen aus 213 Seen auf der Nordhalbkugel ausgewertet. Die Sedimente bewahren Spuren der vergangenen 11.700 Jahre. Die Ergebnisse im Fachjournal Earth-Science Reviews belegen, wie früh der Mensch durch Landwirtschaft und Veränderungen der Vegetation in natürliche Erosionsprozesse eingriff.
Bodenerosion durch Menschen begann in Europa besonders früh
Der menschliche Einfluss auf den Boden setzte auf den Kontinenten zu unterschiedlichen Zeiten ein. Während sich in Europa bereits vor rund 3.400 Jahren deutliche Veränderungen abzeichneten, folgte Asien vor etwa 3.100 Jahren. In Nordamerika wurde eine vergleichbare Entwicklung erst vor rund 400 Jahren erkennbar.
Entscheidend war die zunehmende Nutzung der Landschaft. Menschen rodeten Wälder, legten Felder an und veränderten die natürliche Vegetation. Auch Bevölkerungswachstum und die Häufigkeit von Bränden standen mit dem Bodenabtrag in Zusammenhang. Je stärker die Menschen in die Landschaft eingriffen, desto mehr veränderten sich die natürlichen Erosionsprozesse.
Landwirtschaft verstärkt den Verlust fruchtbarer Böden
Eine geschlossene Pflanzendecke schützt den Boden vor Regen und abfließendem Wasser. Blätter bremsen die auftreffenden Regentropfen, Wurzeln halten die Erde zusammen. Fehlen Bäume, Sträucher und Gräser, liegt der Boden vielerorts ungeschützt. Bei starken Niederschlägen können dann größere Mengen Erde weggeschwemmt werden.
Vor allem die Umwandlung natürlicher Landschaften in landwirtschaftliche Flächen veränderte die Erosion langfristig. In stark vom Menschen beeinflussten Gebieten wurde die Landnutzung schließlich wichtiger als natürliche Klimaschwankungen. Allerdings entwickelte sich die Bodenerosion regional sehr unterschiedlich. Landwirtschaftliche Eingriffe führten deshalb keineswegs überall zu einer gleich starken Zunahme.
Früher bestimmten Regen und Vegetation den Bodenabtrag
In den ersten Jahrtausenden nach der letzten Eiszeit war vor allem das Klima für die Bodenerosion verantwortlich. In Asien beeinflussten die Monsunregen die Entwicklung erheblich. Während niederschlagsreicher Phasen wurde mehr Boden abgetragen. Schwächte sich der Monsun ab, verringerte sich auch die Erosion.
In Europa hing der natürliche Bodenabtrag eng mit der Vegetation zusammen. Breiteten sich Pflanzen aus, ging die Erosion zurück. Verschwand dagegen schützender Bewuchs, nahm sie zu. Im späteren Verlauf des Holozäns lösten sich diese natürlichen Zusammenhänge in vielen besiedelten Regionen zunehmend auf.
Sedimentschichten bewahren die Geschichte der Landschaft
Wenn Regen Erde von einem Hang spült, gelangt ein Teil davon über Bäche und Flüsse in Seen. Dort sinken die mitgeführten Partikel zum Grund. Über Jahrtausende entstehen Ablagerungen, deren Zusammensetzung und Alter Rückschlüsse auf frühere Umweltbedingungen erlauben.
Allerdings lässt sich aus der Dicke einer Sedimentschicht allein nicht zuverlässig auf den ursprünglichen Bodenverlust schließen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Verdichtung: Ältere Ablagerungen werden durch darüberliegende Schichten zusammengedrückt und nehmen weniger Raum ein.
- Biologische Prozesse: Organisches Material entsteht teilweise direkt im See und stammt nicht aus erodierten Böden.
- Unterschiedliche Materialeinträge: Nicht alles, was sich am Seegrund ablagert, wurde zuvor aus dem umliegenden Boden ausgewaschen.
Die Wissenschaftler berücksichtigten diese Einflüsse bei ihren Berechnungen. Mithilfe einer sogenannten Massenbilanz schätzten sie, wie viel Bodenmaterial ursprünglich aus den jeweiligen Einzugsgebieten stammte. Dadurch ließen sich frühere Erosionsraten besser miteinander vergleichen.
In vielen Regionen ging die Bodenerosion sogar zurück
Die langfristige Entwicklung verlief keineswegs überall in dieselbe Richtung. Unter den europäischen Seen verzeichneten 44,4 Prozent einen statistisch signifikanten Rückgang der rekonstruierten Erosionsraten. Bei 34,9 Prozent stiegen die Werte dagegen signifikant an.
Auch zwischen den Kontinenten gab es erhebliche Unterschiede. In Asien wiesen 44,9 Prozent der untersuchten Seen rückläufige und 36,2 Prozent steigende Erosionsraten auf. In Nordamerika war der Rückgang besonders verbreitet: Dort nahmen die Werte bei 70,4 Prozent der Seen signifikant ab, während 19,8 Prozent einen signifikanten Anstieg verzeichneten.
Diese Entwicklungen erstrecken sich über Jahrtausende. Veränderungen der Niederschläge, Temperaturen und Vegetation konnten den Bodenabtrag zeitweise verringern. Gleichzeitig verstärkten menschliche Eingriffe die Erosion gegenüber den jeweiligen natürlichen Ausgangsbedingungen. Beide Entwicklungen konnten deshalb innerhalb derselben Großregion auftreten.
Kurz zusammengefasst:
- Der Mensch verstärkt die Bodenerosion seit Jahrtausenden: In Europa liegt der berechnete Bodenabtrag durch menschliche Eingriffe seit rund 3.000 Jahren um 73,1 Prozent über dem natürlichen Niveau, in Asien um 117,6 Prozent.
- Landwirtschaft und Abholzung fördern den Bodenverlust: Ohne schützende Pflanzen und Wurzeln können Regen und fließendes Wasser fruchtbare Erde leichter abtragen.
- Früher bestimmte vor allem das Klima die Bodenerosion: Heute beeinflusst die menschliche Landnutzung den Bodenabtrag in vielen veränderten Landschaften stärker als natürliche Klimaschwankungen.
Übrigens: Nicht nur Bodenerosion bedroht unsere Lebensgrundlage – weltweit werden Lebensmittel verschwendet, für deren Produktion eine Fläche fast so groß wie Russland benötigt wird. Wie weniger Lebensmittelabfälle Millionen Quadratkilometer Land entlasten könnten, mehr dazu in unserem Artikel.
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