Forscher rechnen neu: Sonne verschluckt Erde vielleicht doch nicht

Neue Modelle deuten an, dass die Erde der sterbenden Sonne entkommen könnte. Bewohnbar wäre sie dann aber längst nicht mehr.

So könnte die Erde in fünf bis sieben Milliarden Jahren aussehen: Die Sonne ist dann zum Roten Riesen angeschwollen und macht unseren Planeten zur verbrannten Felswelt.

So könnte die Erde in fünf bis sieben Milliarden Jahren aussehen: Die Sonne ist dann zum Roten Riesen angeschwollen und macht unseren Planeten zur verbrannten Felswelt. © Wikimedia

In etwa fünf Milliarden Jahren wird die Sonne nicht mehr aussehen wie heute. Sie bläht sich auf, wird zum Roten Riesen und später zu einem noch größeren alternden Stern. Lange galt dabei eine düstere Möglichkeit: Die Sonne verschluckt Erde, während sie ihren äußeren Rand immer weiter ausdehnt.

Ein Team um Mats Esseldeurs, Stéphane Mathis und Leen Decin vom KU Leuven Department of Physics and Astronomy und CEA Paris-Saclay kommt nun zu einer vorsichtig anderen Einschätzung. In der Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics rechnen die Forscher das späte Schicksal der Erde mit neuen Modellen durch. Demnach könnte unser Planet der aufgeblähten Sonne knapp entkommen. Sicher ist das aber nicht.

Warum die Sonne die Erde vielleicht knapp verfehlt

Entscheidend ist ein Kräftemessen in extremer Zeitlupe. Wenn die Sonne altert, verliert sie große Mengen Materie über starke Sternwinde. Ihre Schwerkraft lässt dadurch nach. Die Erde kann dann auf eine weitere Umlaufbahn nach außen wandern.

Gleichzeitig zerren Gezeitenkräfte an der Erde. Die aufgeblähte Sonne zieht am Planeten und bremst seine Bewegung. Dadurch kann die Erde nach innen geraten. „Dieses empfindliche Gleichgewicht zwischen diesen Effekten ist entscheidend“, sagt Esseldeurs laut Brussels Times. „Wenn die Gezeitenkräfte überwiegen, wird die Erde von der sterbenden Sonne verschluckt. Wenn der Masseverlust überwiegt, kann der Planet auf eine weitere Umlaufbahn entkommen.“

Wie neue Modelle das Schicksal der Erde verändern

Ältere Berechnungen kamen teils zu einem anderen Ergebnis. Sie gingen von stärkeren Gezeitenwirkungen aus. Dann rückt die Erde zu nah an die alternde Sonne heran und wird in der späten Riesenphase verschluckt. Die neuen Rechnungen bewerten diese Gezeitenkräfte schwächer.

Mit dieser Annahme wandert die Erde weit genug nach außen. Sie übersteht erst die Phase des Roten Riesen und später auch die AGB-Phase, in der die Sonne erneut stark anschwillt und Masse verliert. Am Ende könnte die Erde weiter um den ausgebrannten Rest der Sonne kreisen. Aus der Sonne wäre dann ein Weißer Zwerg geworden.

Sonne verschluckt Erde nicht sicher – doch Merkur und Venus trifft es

Für die innersten Planeten fällt das Ergebnis härter aus. Merkur und Venus entkommen in den Berechnungen nicht. Sie liegen zu nah an der Sonne und werden während der Riesenphasen verschluckt. Mars bleibt dagegen weit genug entfernt.

Die Erde liegt in der heiklen Übergangszone. Kleine Änderungen im Modell können über ihr Ende entscheiden. Besonders unsicher bleibt, wie viel Masse die Sonne in der AGB-Phase tatsächlich verliert. Bei niedrigen Masseverlusten wächst die Gefahr, dass die Erde doch in die Sonne gerät. Bei höheren Masseverlusten weicht ihre Umlaufbahn stärker nach außen aus.

In der Milchstraße, rund 12.000 Lichtjahre entfernt, fand das Webb-Teleskop 2025 Spuren einer Verschlingungsphase: Der Stern schwoll nicht an, vielmehr geriet ein jupitergroßer Planet immer enger auf ihn zu. © NASA
© NASA In der Milchstraße, rund 12.000 Lichtjahre entfernt, fand das James-Webb-Teleskop 2025 Spuren einer Verschlingungsphase: Der Stern schwoll nicht an, vielmehr rückte ein jupitergroßer Planet immer enger an ihn heran. © NASA

Warum ein überlebender Planet trotzdem keine Rettung bedeutet

Das Wort „überleben“ klingt tröstlicher, als es ist. Die Berechnungen handeln von der Bahn der Erde, nicht von Ozeanen, Atmosphäre oder Leben.

„Das bedeutet nicht, dass die Erde bewohnbar bleibt“, warnt Astronomieprofessorin Leen Decin von der KU Leuven. „Lange bevor die Riesenphase der Sonne beginnt, werden die Temperaturen auf der Erde so drastisch steigen, dass Leben unmöglich wird.“ Der Planet könnte also noch Milliarden Jahre als verbrannte Felskugel existieren, auch wenn Leben dort längst verschwunden wäre.

Eine ferne Sternen-Zukunft wird genauer berechenbar

Für ihre Abschätzung nutzten die Forscher unter anderem L2 Puppis als Vergleich. Dieser alternde Stern besitzt fast die gleiche Anfangsmasse wie die Sonne. Er dient deshalb als eine Art Blick in die mögliche Zukunft unseres Sonnensystems. Allerdings messen verschiedene Methoden seinen Masseverlust sehr unterschiedlich. Das erklärt, warum auch die Prognose für die Erde unsicher bleibt.

Mehr Klarheit könnten neue Beobachtungen alternder Sterne bringen. Die europäische Raumsonde PLATO soll viele Planeten um Sterne in späten Lebensphasen finden. Dann lässt sich besser prüfen, wie oft Planeten solche Sternenalter überstehen. Für die Erde bleibt vorerst ein schmales Fazit: Die Sonne verschluckt sie vielleicht nicht. Für das Leben auf ihr käme diese Rettung aber viel zu spät.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Sonne wird in rund fünf Milliarden Jahren stark anschwellen; neue Berechnungen sprechen dafür, dass die Erde ihr knapp entkommen könnte.
  • Entscheidend ist das Verhältnis aus Gezeitenkräften und Masseverlust: Je mehr Masse die Sonne verliert, desto eher wandert die Erde nach außen.
  • Für Leben wäre das keine Rettung, denn die Erde wird schon viel früher zu heiß und damit unbewohnbar.

Übrigens: Nicht nur unsere Sonne könnte eines Tages Planeten verschlingen – in der Milchstraße haben Astronomen womöglich die chemischen Spuren eines Sterns gefunden, der sich einst ganze Welten einverleibte. Milliarden Jahre später verraten ungewöhnliche Mengen an Eisen und Lithium, was dort passiert sein könnte. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Celestia via Wikimedia unter GNU General Public License

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