Fliegender Handymast überquert den Pazifik und bringt Smartphones aus 16 Kilometern Höhe ins Netz
Sceyes Luftschiff testete in Japan erfolgreich Internet, Telefonie und Video-Streaming direkt aus der Stratosphäre.
Am 9. August 2026 startet Sceyes ST1-HAPS in New Mexico – vor ihm liegen mehr als 15.000 Kilometer bis nach Japan. © Sceye
Ein 85 Meter langes Luftschiff zieht mehr als 16 Kilometer über der Erde durch die Stratosphäre. An Bord sitzen keine Passagiere. Stattdessen trägt es Mobilfunktechnik, die Smartphones am Boden mit dem Netz verbindet. Der fliegende Handymast des US-Unternehmens Sceye hat nun einen besonders langen Test absolviert: Das Luftschiff flog von New Mexico über den Pazifik bis nach Japan.
Am 9. August startete die Plattform in den USA. Nach 13 Tagen und mehr als 15.000 Kilometern erreichte sie Japan. Dort blieb das Luftschiff länger als sieben Tage auf rund 16,5 Kilometern Höhe. Sceye bezeichnet den Test als einen „bahnbrechenden Meilenstein“. Das Unternehmen will mit solchen Plattformen künftig Mobilfunknetze aus der Stratosphäre ergänzen.
Fliegender Handymast verbindet Smartphones direkt aus der Stratosphäre
Technisch gehört das Luftschiff zur Klasse der sogenannten High-Altitude Platform Systems, kurz HAPS. Die Plattform schwebt weit oberhalb des normalen Flugverkehrs, bleibt aber deutlich unter klassischen Satelliten. Von dort kann sie Funksignale zu Bodenstationen, Satelliten und mobilen Geräten weiterleiten. Für Smartphones ist keine spezielle Technik nötig. Sie verbinden sich nach Angaben von Sceye ähnlich wie mit einem Mobilfunkmast am Boden.
In Japan arbeitete Sceye dafür mit SoftBank zusammen. Das Luftschiff wurde in das Mobilfunknetz des japanischen Anbieters eingebunden. Bei dem Test liefen Textnachrichten, Telefongespräche, Internetverbindungen und Video-Streaming über die Plattform. Auch Notrufe und Warnmeldungen gehörten zum Programm. Zusätzlich erprobten die Partner die Kommunikation mit Drohnen.
Ein Luftschiff könnte Hunderte Mobilfunkmasten ergänzen
Sceye spricht deshalb von einem „Handymast im Himmel“. Die Reichweite könnte deutlich größer ausfallen als bei einer einzelnen Mobilfunkstation am Boden. Nach Angaben des Unternehmens soll ein HAPS in einer Höhe von etwa 18 bis 19 Kilometern ein Gebiet versorgen können, für das sonst bis zu 500 Mobilfunkmasten nötig wären. Bei dem aktuellen Test schwebte die Plattform allerdings niedriger. Die genannte Zahl beschreibt daher die geplante Leistungsfähigkeit des Systems und nicht das Ergebnis des Japan-Flugs.
Ein solches Netz könnte vor allem dort helfen, wo Mobilfunkinfrastruktur fehlt oder kurzfristig ausfällt. Nach Naturkatastrophen könnten HAPS etwa beschädigte Funkmasten überbrücken. Gleichzeitig steigt in solchen Situationen der Datenbedarf. Rettungskräfte telefonieren, senden Bilder und koordinieren Drohnen oder Roboter. Auch bei großen Sportveranstaltungen oder Festivals könnte ein Luftschiff vorübergehend zusätzliche Kapazität bereitstellen.
Solarstrom soll den fliegenden Handymast monatelang in der Luft halten
Für solche Einsätze muss die Plattform möglichst lange in der Stratosphäre bleiben. Solarzellen liefern dafür Energie und laden die Akkus an Bord. Sie versorgen den Antrieb, die Elektronik und die Kommunikationstechnik. Auf der Reise nach Japan musste das Luftschiff weder landen noch auftanken. Nach Abschluss der Tests trat es erneut den Weg in Richtung USA an.
Langfristig verfolgt Sceye ein noch größeres Ziel. Die Luftschiffe sollen Monate oder möglicherweise Jahre nahezu an derselben Position über einem Gebiet bleiben. Damit würden sie ähnlich wie ein stationärer Satellit arbeiten, allerdings in wesentlich geringerer Höhe. Sceye erwartet dadurch niedrigere Anschaffungs- und Betriebskosten als bei klassischen Satelliten.
Was HAPS von Satelliten unterscheidet
HAPS bleiben in der Stratosphäre, Satelliten kreisen dagegen im Weltraum.
- Näher am Boden: kürzere Funkwege zu Smartphones und Bodenstationen
- Flexibler einsetzbar: HAPS können landen, gewartet und erneut gestartet werden
- Kein Raketenstart nötig: Das senkt den technischen Aufwand
- Satelliten decken größere Gebiete ab: Dafür sind sie deutlich weiter von den Nutzern entfernt
HAPS verbinden damit Eigenschaften von Funkmast und Satellit.
HAPS sollen Funklöcher schließen und ab 2027 regulär starten
Ein Netz aus solchen Plattformen könnte sowohl ländliche Regionen als auch dicht besiedelte Gebiete versorgen. Auf dem Land fehlt oft die nötige Infrastruktur. In Städten erschweren hohe Kosten und begrenzter Platz den Bau zusätzlicher Mobilfunkstandorte. HAPS sollen diese Lücken aus der Luft schließen oder bestehende Netze entlasten.
Der Flug nach Japan war dafür ein wichtiger Praxistest. Nach dem erfolgreichen Service Test 1 will Sceye weitere Versuche durchführen und die Technik für den kommerziellen Einsatz vorbereiten. Läuft die Entwicklung nach Plan, könnten erste HAPS nach Angaben des Unternehmens ab 2027 regulär als fliegende Mobilfunkstationen eingesetzt werden.
Kurz zusammengefasst:
- Ein 85 Meter langes HAPS-Luftschiff flog mehr als 15.000 Kilometer bis nach Japan und stellte dort aus rund 16,5 Kilometern Höhe Mobilfunk bereit.
- Getestet wurden Telefonie, SMS, Internet und Video-Streaming mit normalen Smartphones – ohne spezielle Umbauten an den Geräten.
- Sceye will solche solarbetriebenen Plattformen künftig als Ergänzung zu Funkmasten und Satelliten einsetzen; erste reguläre Einsätze sind ab 2027 geplant.
Übrigens: Während Sceye Mobilfunk aus der Stratosphäre erprobt, kämpft Russlands geplante Starlink-Alternative mit Problemen im Orbit. Zwei Satelliten drohen bereits zu verglühen – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Sceye
