Teure Lebensmittel machen Kinder dick – die Folgen bleiben ein Leben lang
Teure Lebensmittel verschlechtern die Ernährung von Kindern. Eine Langzeitstudie zeigt mehr Wachstumsstörungen und ein erhöhtes Übergewichtsrisiko.
Steigende Preise zwingen Familien zum Sparen an Nährstoffen und prägen die Gesundheit von Kindern langfristig. © Unsplash
Steigende Preise im Supermarkt setzen viele Haushalte unter spürbaren Druck. Familien merken es sofort, wenn Grundnahrungsmittel teurer werden und jeder Einkauf genauer durchdacht sein muss. Im Alltag rutschen dann oft Lebensmittel in den Korb, die zwar satt machen, aber weniger Nährstoffe liefern. Die Menge bleibt gleich, doch die Qualität verändert sich – leise, aber wirkungsvoll. Für Kinder kann dieser Wandel weitreichende Folgen haben. Eine große Langzeitstudie zeigt nun, wie stark teure Lebensmittel die Gesundheit schon in jungen Jahren prägen.
Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn untersuchten, welche Spuren stark steigende Lebensmittelpreise hinterlassen. Im Mittelpunkt standen Kinder, die eine schwere Wirtschaftskrise erlebten – und deren Körper diese Erfahrung bis heute zeigen.
Teure Grundnahrungsmittel führen zu Mangel
Im Zentrum der Analyse steht die Asienkrise Ende der 1990er-Jahre. In Indonesien verteuerten sich Grundnahrungsmittel damals massiv. Besonders Reis, das wichtigste Lebensmittel des Landes, wurde für viele Familien kaum noch bezahlbar. Die Wissenschaftler werteten umfangreiche Haushalts- und Gesundheitsdaten aus und verfolgten die Entwicklung von mehr als 2.000 Kindern über viele Jahre.

Der Kern der Ergebnisse ist klar: Familien sparten nicht an Kalorien, sondern an Qualität. Günstige, stark sättigende Lebensmittel blieben auf dem Speiseplan. Teurere Produkte mit Vitaminen, Eiweiß und Mineralstoffen verschwanden häufiger. Einer beteiligten Wissenschaftlerin zufolge sparen Familien in Krisen weniger bei Kalorien als bei nährstoffreichen Lebensmitteln.
Das führt zu einem versteckten Mangel. Kinder nehmen genug Energie auf, bekommen aber zu wenig von dem, was Wachstum und Stoffwechsel brauchen.
Frühe Mängel hinterlassen sichtbare Spuren
Die körperlichen Folgen lassen sich deutlich messen. Kinder, die während der Krise aufwuchsen, blieben häufiger kleiner als Gleichaltrige. Gleichzeitig stieg ihr Risiko für Übergewicht. Das wirkt widersprüchlich, folgt aber einem bekannten Muster. Fehlen wichtige Nährstoffe, leidet das Längenwachstum. Das Körpergewicht kann trotzdem zunehmen.
Die Studie liefert dafür konkrete Zahlen: Ein starker Anstieg der Lebensmittelpreise ging mit einem Anstieg der Wachstumsverzögerung um 3,5 Prozentpunkte einher, bei gleichzeitig messbar mehr übergewichtigen Kindern. Die Erstautorin Elza S. Elmira erklärt: „Der krisenbedingte Preisanstieg erhöhte die chronische Unterernährung deutlich“ und betont, dass stark betroffene Kinder später nicht nur kleiner bleiben, sondern auch anfälliger für Fettleibigkeit sind
Besonders empfindlich reagierten Kinder im Vorschulalter. In dieser Phase werden wichtige Grundlagen gelegt. Was hier fehlt, lässt sich später kaum nachholen.
Soziale Unterschiede verstärken die Effekte
Die Auswirkungen trafen Familien unterschiedlich stark. Besonders ausgeprägt waren sie in Städten. Dort sind Haushalte fast vollständig auf den Zukauf von Lebensmitteln angewiesen. Auf dem Land konnten viele Familien einen Teil ihrer Nahrung selbst erzeugen. Das wirkte als Schutz vor steigenden Preisen.
Auch der Bildungsstand der Mütter spielte eine zentrale Rolle. Kinder von Frauen mit geringer Schulbildung litten stärker unter den Preissteigerungen. „In derselben Krise können Unterernährung und Übergewicht gleichzeitig zunehmen“, sagt Prof. Dr. Matin Qaim, Ko-Autor der Studie. Auffällig ist zudem, dass nicht nur arme Haushalte betroffen waren. Auch Familien mit etwas mehr Einkommen spürten die Effekte. Preissteigerungen wirken breit, nicht nur am unteren Rand.
Bildung spielte jedoch eine entscheidende Rolle. Mütter mit mehr Erfahrung und Wissen rund um Ernährung trafen in der Krise oft andere Entscheidungen – sie fanden günstigere, aber dennoch nährstoffreiche Alternativen oder strukturierten die Mahlzeiten bewusster. Dadurch litten ihre Kinder weniger stark unter dem Qualitätsverlust der Nahrung. Qaim erklärt, dass Ernährungskompetenz ein wichtiger Puffer sein kann: Sie ersetzt keine finanziellen Mittel, aber sie hilft, die Auswirkungen knapper Ressourcen zumindest etwas abzufedern.
Folgen bis ins Erwachsenenalter
Die Forscher begleiteten die Kinder bis ins junge Erwachsenenalter. Mit 17 bis 23 Jahren ließen sich langfristige Effekte erkennen. Das Bild blieb eindeutig. Wer als Kind stark betroffen war, blieb auch später kleiner. Im Durchschnitt fehlten mehrere Millimeter an Körpergröße.
Am deutlichsten zeigen sich die Folgen beim späteren Gewicht. Für eine bestimmte Gruppe – Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren während der Krise – hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für Adipositas im Erwachsenenalter. Der Körper stellt sich auf Knappheit ein. Wird später wieder reichlich Energie verfügbar, steigt das Risiko für Fettansatz und Folgekrankheiten.
Teure Lebensmittel erfordern mehr als Kalorienhilfe
Die Ergebnisse haben klare Konsequenzen für die Ernährungspolitik. Es reicht nicht, Menschen in Krisen satt zu machen. Entscheidend ist die Qualität der Nahrung. Vitamine, Proteine und Mineralstoffe sind für Kinder unverzichtbar. Die Studie hebt mehrere Punkte hervor, die in Krisenzeiten besonders wichtig sind:
- gezielte Unterstützung für Familien mit kleinen Kindern
- Fokus auf nährstoffreiche Lebensmittel statt nur auf Kalorien
- besondere Aufmerksamkeit für Städte und bildungsferne Haushalte
Prof. Dr. Matin Qaim warnt:
Wenn Ernährungspolitik nur Kalorien absichert, kann sie am eigentlichen Problem vorbeigehen.
Kurz zusammengefasst:
- Steigende Preise verändern vor allem die Qualität der Ernährung: Teure Lebensmittel führen dazu, dass Familien an Vitaminen, Eiweiß und Mineralstoffen sparen, nicht an Kalorien.
- Die Folge ist ein doppelter Effekt: Kinder wachsen schlechter, bleiben häufiger kleiner und haben gleichzeitig ein höheres Risiko für Übergewicht, besonders im Vorschulalter.
- Diese frühen Einschnitte wirken lange nach: Eine Langzeitstudie zeigt, dass Betroffene auch als junge Erwachsene kleiner bleiben und teils ein erhöhtes Adipositas-Risiko tragen, weshalb reine Kalorienhilfe nicht ausreicht.
Übrigens: Wie teure, stark verarbeitete Ernährung den Körper langfristig prägt, zeigt sich nicht nur bei Kindern, sondern auch tief im Inneren der Leber. Eine neue Studie erklärt, warum fettreiches Essen Zellen über Jahre umbaut und das Krebsrisiko erhöht – mehr dazu in unserem Artikel.
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