Stimmungsschwankungen sind kein Zufall – was Gehirn und Pubertät damit zu tun haben

Stimmungsschwankungen folgen klaren inneren Mustern. Für die psychische Gesundheit zählt weniger Dauerstress als die Frage, wie stark Gefühle von Tag zu Tag schwanken.

Stimmungsschwankungen folgen Mustern: Arbeitsgedächtnis und Pubertät prägen emotionale Stabilität und psychische Gesundheit.

Eine Studie der University of Michigan zeigt, dass Denkfähigkeit und der Zeitpunkt der Pubertät beeinflussen, wie stark Stress, Angst und Stimmung im Erwachsenenalter schwanken. © Pexels

An manchen Tagen fühlen sich innere Anspannung und Sorgen stärker an, an anderen treten sie zurück. Solche Stimmungsschwankungen wirken zufällig. Tatsächlich folgen sie inneren Mustern. Dabei kommt es darauf an, wie das Gehirn mit Informationen umgeht und welche Prägungen aus der Pubertät wirken. Arbeitsgedächtnis und frühe Entwicklung beeinflussen gemeinsam, ob Gefühle im Erwachsenenalter eher stabil bleiben oder stark schwanken. Dabei zählt nicht die durchschnittliche Belastung, sondern ihre tägliche Veränderung.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Schwankungen nur zum Teil aus aktuellen Lebensumständen entstehen. Kognitive Fähigkeiten und frühe biologische Erfahrungen wirken über Jahre nach. Sie bestimmen, wie widerstandsfähig oder anfällig das emotionale Gleichgewicht über längere Zeiträume ist.

100 Tage Gefühlsdaten statt Rückblick

Die Daten stammen aus einer Studie der University of Michigan. 91 Erwachsene berichteten über 100 Tage hinweg täglich, wie stark sie sich belastet fühlten, wie ausgeprägt Angst war und wie häufig niedergeschlagene Stimmung auftrat. Zusätzlich prüfte das Forschungsteam das Arbeitsgedächtnis. Die Teilnehmenden gaben außerdem an, ob sie in der Pubertät früher oder später reiften als Gleichaltrige.

Der Ansatz unterscheidet sich deutlich von klassischen Befragungen. Statt rückblickender Einschätzungen erfasste das Team Gefühle fortlaufend. „Emotionen verändern sich von Tag zu Tag. Eine einzelne Befragung kann diese Dynamik nicht erfassen“, sagt Mitautorin Natasha Chaku.

Arbeitsgedächtnis beeinflusst die emotionale Stabilität

Die Daten machten sichtbar, dass sich Menschen trotz ähnlicher Durchschnittswerte deutlich unterscheiden können. Manche zeigten über Wochen hinweg stabile Verläufe. Andere erlebten starke tägliche Schwankungen. Diese Schwankungen werteten die Forschenden als eigenständiges Merkmal psychischer Gesundheit.

Ein zentraler Befund betrifft das Arbeitsgedächtnis. Es beschreibt die Fähigkeit, Informationen kurzfristig zu speichern und aktiv zu nutzen. In der Untersuchung hing ein stärker ausgeprägtes Arbeitsgedächtnis bei bestimmten Gruppen mit geringeren täglichen Schwankungen der seelischen Belastung zusammen.

Dieser Zusammenhang zeigte sich jedoch nicht isoliert. Die Wirkung des Arbeitsgedächtnisses trat erst im Zusammenspiel mit einem zweiten Faktor deutlich hervor: dem Zeitpunkt der Pubertät. Erst beide Aspekte zusammen erklärten Unterschiede in der täglichen emotionalen Stabilität.

Pubertät wirkt bis ins Erwachsenenalter nach

Ob jemand früher oder später reifte als Gleichaltrige, beeinflusste die späteren Muster deutlich. Die Pubertät ist mehr als ein biologischer Übergang. Sie geht mit sozialen Erfahrungen und individuellen Bewältigungsstrategien einher.

„Pubertät ist kein abgeschlossenes Kapitel der Kindheit“, so Chaku. Körperliche Veränderungen, Reaktionen aus dem Umfeld und eigene Anpassungsprozesse können langfristig prägen, wie Menschen Stress wahrnehmen und emotional einordnen.

Unerwartete Unterschiede zwischen Frauen und Männern

Besonders klar traten die Effekte in bestimmten Gruppen hervor. Frauen, die später in die Pubertät kamen und ein starkes Arbeitsgedächtnis aufwiesen, berichteten über die geringste durchschnittliche seelische Belastung und die stabilsten Verläufe.

Männer, die früh reiften und ein schwächeres Arbeitsgedächtnis hatten, zeigten die stärksten täglichen Schwankungen, vor allem bei Angst und allgemeiner Anspannung.

Stimmungsschwankungen folgen inneren Mustern

Die Ergebnisse ordnen Stimmungsschwankungen neu ein. Sie entstehen nicht zufällig und lassen sich nicht auf einzelne stressige Tage reduzieren. Entscheidend ist, wie Denkfähigkeiten und frühe Entwicklungsprozesse zusammenwirken und die zeitliche Stabilität von Gefühlen prägen. Manche Menschen können Anspannung im Alltag besser abfedern, andere reagieren empfindlicher. Es zählt deshalb weniger das Ausmaß der Belastung als die Frage, ob Gefühle über Tage hinweg stabil bleiben oder stark schwanken.

Zugleich betonen die Autoren, dass Pubertät und Arbeitsgedächtnis die psychische Gesundheit nicht allein bestimmen. Viele biologische, psychologische und soziale Faktoren greifen ineinander. Die Untersuchung macht jedoch deutlich, dass tägliche Schwankungen ein zentraler Baustein sind, um emotionale Muster im Erwachsenenalter genauer zu verstehen.

Kurz zusammengefasst:

  • Stimmungsschwankungen entstehen nicht zufällig, sondern hängen davon ab, wie stark Gefühle von Tag zu Tag schwanken – ein wichtiger Marker für psychische Gesundheit, oft aussagekräftiger als der bloße Durchschnitt von Stress oder Belastung.
  • Eine 100-Tage-Studie mit 91 Erwachsenen zeigt: Arbeitsgedächtnis und Zeitpunkt der Pubertät prägen diese Schwankungen langfristig, wobei späte Pubertät und gutes Denkvermögen mit mehr emotionaler Stabilität einhergehen.
  • Entscheidend für den Alltag ist daher weniger aktueller Stress, sondern die innere Stabilität, die sich über Jahre entwickelt und erklärt, warum manche Menschen gelassener bleiben als andere.

Übrigens: Nicht nur Stimmungsschwankungen geben Hinweise auf die psychische Gesundheit – auch die Stimme verändert sich oft früh und unbemerkt. Eine neue KI erkennt solche Signale in alltäglichen Sprachnachrichten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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