Mikroplastik überall – doch Forscher bezweifeln die Gefahr im Körper
Mehrere Studien zu Mikroplastik im menschlichen Körper stehen in der Kritik. Fachleute warnen vor Messfehlern, Überschätzungen und fehlenden Belegen für Gesundheitsrisiken.
Plastikverschmutzung ist allgegenwärtig, doch ob Mikroplastik im Körper tatsächlich krank macht, bleibt nach Einschätzung vieler Fachleute bislang unklar. © Wikimedia
Plastik im Gehirn, im Blut, in inneren Organen – solche Befunde sorgten in den vergangenen Jahren weltweit für Alarm. Doch genau diese Studien geraten nun unter massiven Druck. Immer mehr Fachleute halten zentrale Ergebnisse zur angeblichen Belastung des menschlichen Körpers mit Mikroplastik für unsicher oder stark überschätzt. Sie verweisen auf methodische Schwächen, mögliche Verunreinigungen und Messverfahren, die körpereigene Stoffe mit Plastik verwechseln können. Der Vorwurf wiegt schwer: Ausgerechnet jene Studien, die Ängste befeuerten, könnten auf fehlerhaften Annahmen beruhen.
Kern der Kritik ist weniger böser Wille als die Grenze der heutigen Messtechnik. Die Analysen bewegen sich oft am Rand dessen, was zuverlässig erfassbar ist. Schon kleinste Verunreinigungen, falsche Signale oder ungeeignete Verfahren können ausreichen, um Plastik nachzuweisen, wo tatsächlich keines vorliegt.
Gefahr durch Mikroplastik im Körper – Forscher bezweifeln Gefahr
Kritik kam zunächst aus der Fachwelt selbst. Laut einer Recherche des Guardian wurden mindestens sieben Studien zu Mikroplastik im menschlichen Körper offiziell in wissenschaftlichen Journalen infrage gestellt. Eine weitere Analyse listete 18 Arbeiten auf, bei denen grundlegende Kontrollen fehlten. In mehreren Fällen sollen körpereigene Stoffe fälschlich als Plastik interpretiert worden sein.
Besonders heftig trifft es eine Studie von Anfang 2025, in der von einem starken Anstieg von Mikroplastik im menschlichen Gehirn die Rede war. Sie basierte auf Gewebeproben aus mehreren Jahrzehnten. Später meldeten Wissenschaftler in einem formellen Einwand Zweifel an. Es fehlten systematische Kontrollen gegen Verunreinigungen, zudem seien wichtige Prüfschritte ausgelassen worden.
„Die Studie ist ein Witz“ – ungewöhnlich klare Worte
Einer der schärfsten Kritiker ist Dr. Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Seine Einschätzung fällt ungewöhnlich deutlich aus. „Die Studie zu Mikroplastik im Gehirn ist ein Witz“, sagte er dem Guardian. Sein Hauptargument: Fettgewebe erzeugt leicht Messsignale, die Polyethylen ähneln. Das menschliche Gehirn besteht zu rund 60 Prozent aus Fett.
Damit ließe sich ein Teil der gemessenen Signale erklären, ohne dass tatsächlich Plastikpartikel im Spiel sind. Materić hält es deshalb für plausibel, dass steigende Fettleibigkeit in der Bevölkerung die scheinbar wachsenden Plastikmengen erklären könnte. Er äußerte zudem Zweifel an „mehr als der Hälfte“ hochrangiger Studien zu Mikroplastik in menschlichem Gewebe.
Auch andere Studien geraten in die Kritik
Die Gehirn-Studie ist nicht die einzige, die unter Beschuss geraten ist. Arbeiten zu Mikroplastik in Arterien, Hoden oder Blutproben sehen sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt. In einer Untersuchung zu Halsschlagadern fehlten sogenannte Blindproben aus dem Operationssaal. Solche Proben zeigen, wie stark eine Messung durch die Umgebung verfälscht wird.
Auch eine Studie zu Mikroplastik in den Hoden stieß auf Skepsis. Kritiker schrieben, der analytische Ansatz reiche nicht aus, um solche Aussagen zu tragen. Selbst stark beachtete Arbeiten zu Plastik im Blut oder zu Nanoplastik in Mineralwasser gerieten unter Beschuss. In letzterem Fall meldeten die Autoren bis zu 100.000 Nanoplastikpartikel pro Liter. Kritiker nannten das Ergebnis „grundlegend unzuverlässig“.
Warum gängige Messungen Plastik und Körperfett verwechseln können
Ein häufig genutztes Analyseverfahren namens Py-GC-MS steht besonders in der Kritik. Dabei wird die Probe stark erhitzt, bis sie verdampft, und die entstehenden Gase werden chemisch ausgewertet. Das kann dazu führen, dass Fettbestandteile aus menschlichem Gewebe fälschlich als Kunststoff erkannt werden – und die gemessenen Mengen höher erscheinen, als sie tatsächlich sind.
Darauf weist eine Arbeit unter Leitung von Dr. Cassandra Rauert von der University of Queensland hin. „Das Verfahren ist derzeit nicht geeignet, Polyethylen oder PVC zuverlässig zu erkennen“, schreiben die Autoren. Rauert sagte dem Guardian: „Viele der gemeldeten Konzentrationen halte ich für völlig unrealistisch.“
Hinzu kommt ein biologisches Argument. Mehrere Studien berichten von Partikeln mit Größen zwischen drei und 30 Mikrometern in Organen. Rauert hält das für kaum plausibel. Für solche Partikel fehlt der Nachweis, dass sie überhaupt die Blutbahn erreichen können. Nach heutigem Wissen überwinden eher Nanopartikel biologische Barrieren. Doch gerade diese winzigen Teilchen lassen sich mit aktuellen Instrumenten kaum sicher messen.
Zwischen Alarm und Vorsicht
Einige Autoren der kritisierten Studien widersprechen dem Vorwurf systematischer Fehler. Sie betonen, dass das Forschungsfeld jung sei und verbindliche Standards fehlten. Prof. Marja Lamoree von der Vrije Universiteit Amsterdam erklärte, sie sei überzeugt, Mikroplastik im Blut nachgewiesen zu haben. Die exakten Mengen blieben jedoch unsicher. Abweichungen um den Faktor zehn hält sie für möglich.
Unstrittig ist dagegen die globale Dimension des Plastikproblems. Die Kunststoffproduktion stieg seit den 1950er-Jahren um das 200-Fache. Weniger als zehn Prozent des Plastiks werden recycelt. Bis 2060 könnte die jährliche Produktion auf über eine Milliarde Tonnen anwachsen. Rund acht Milliarden Tonnen Plastik belasten bereits heute Umwelt und Ökosysteme.
Was gesichert ist – und was nicht
Eine Lancet-Übersicht bezeichnet Plastik insgesamt als ernste Gefahr für Umwelt und Gesundheit. Gemeint sind vor allem Emissionen, Schadstoffe und Belastungen entlang des gesamten Lebenszyklus. Die offene Frage betrifft jedoch den menschlichen Körper selbst.
Viele Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass Menschen Mikroplastik aufnehmen. Wie viel davon tatsächlich im Gewebe verbleibt und welche Folgen das hat, bleibt offen. Gerade deshalb mahnen Kritiker zu Zurückhaltung. Übertriebene Zahlen könnten unnötige Angst schüren, falsche politische Entscheidungen begünstigen oder echten Umweltproblemen die Glaubwürdigkeit nehmen.
Was das Deutsche Ärzteblatt zur Lage sagt
Auch in einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt kommen mehrere Autoren zu dem Schluss, dass die Datenlage zu Mikroplastik im menschlichen Körper bislang lückenhaft bleibt. Zwar gelangen Partikel über Atemluft und Nahrung in den Organismus, doch nach heutigem Kenntnisstand wird der weitaus größte Teil wieder ausgeschieden. Nur ein sehr kleiner Anteil, vor allem besonders feiner Partikel, kann überhaupt in Gewebe oder Blut übertreten.
Konkret gehen die Autoren davon aus, dass lediglich rund 0,3 Prozent der Mikroplastikpartikel mit einer Größe zwischen 1 und 10 Mikrometern im Darm aufgenommen werden. Für größere Partikel gilt eine Aufnahme als äußerst unwahrscheinlich. Zwar wurden Mikroplastikspuren in einzelnen Organen, etwa in der Plazenta oder in Gefäßablagerungen, nachgewiesen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen diesen Funden und konkreten Gesundheitsschäden ließ sich bislang jedoch nicht belegen.
Auffällig ist zugleich die Kluft zwischen wissenschaftlichem Kenntnisstand und öffentlicher Wahrnehmung. In einer begleitenden Umfrage gaben 84 Prozent der Befragten an, Mikroplastik im Körper könne bestehende Krankheiten verschlimmern.
Das Ärzteblatt mahnt deshalb zu Zurückhaltung in der Kommunikation. Solange Ursache-Wirkungs-Beziehungen nicht gesichert sind und verlässliche Messstandards fehlen, lasse sich keine belastbare Aussage über Gesundheitsrisiken treffen. Die Aufgabe von Medizin und Forschung bestehe derzeit vor allem darin, Unsicherheiten offen zu benennen – und unbegründete Angst nicht weiter zu verstärken.
Kurz zusammengefasst:
- Viele alarmierende Befunde zu Mikroplastik im menschlichen Körper sind wissenschaftlich umstritten, weil Messungen leicht durch Verunreinigungen, Fettgewebe oder ungeeignete Analyseverfahren verfälscht werden können.
- Für konkrete Gesundheitsgefahren gibt es bislang keinen gesicherten Beleg: Der größte Teil aufgenommener Partikel wird wieder ausgeschieden, nur etwa 0,3 Prozent sehr kleiner Partikel können überhaupt in den Körper gelangen.
- Das eigentliche Risiko liegt derzeit weniger im Körper als im Diskurs: Überschätzte Zahlen schüren Angst, obwohl Fachleute mehr robuste Methoden und belastbare Daten fordern, bevor klare Aussagen möglich sind.
Übrigens: Selbst in der Antarktis taucht Mikroplastik inzwischen im Körper von Lebewesen auf. Forscher fanden Kunststoffpartikel in der einzigen dort heimischen Mückenart. Was das über die Ausbreitung von Plastik und mögliche Folgen verrät, mehr dazu in unserem Artikel.
