Binge Eating: Verarbeitete Lebensmittel stehen hinter vielen Essanfällen
Eine Auswertung von 41 Studien zeigt: Bei Essanfällen dominieren stark verarbeitete Lebensmittel wie Kuchen, Eis und Kekse deutlich.
Die häufigsten Lebensmittel bei Essanfällen sind stark verarbeitet und im Alltag leicht verfügbar, etwa Eis, Kekse, Pizza, Chips und Burger. © Unsplash
Bei Essanfällen landen selten Obst oder Gemüse auf dem Teller. Stattdessen tauchen immer wieder dieselben Produkte auf: Kuchen, Kekse, Eiscreme und Schokolade. Dass das kein Zufall sein könnte, legt eine neue Studie der University of Michigan nahe.
Der Befund ist so relevant, weil Binge Eating lange vor allem als psychisches oder persönliches Problem galt. Die ausgewerteten Studien aus den Jahren 1973 bis 2023 richten den Blick nun stärker auf das, was bei Essanfällen tatsächlich gegessen wird. Dabei tauchen auffallend oft verarbeitete Lebensmittel auf, die viel Zucker, Weißmehl und Fett enthalten.
Verarbeitete Lebensmittel führen oft zu Binge Eating
In allen 41 ausgewerteten Studien tauchte bei einem Essanfall mindestens ein stark verarbeitetes Lebensmittel auf. Insgesamt erfassten die Autoren 404 verschiedene Lebensmittel. Davon ordneten sie 70,3 Prozent als stark verarbeitet ein. Nur 14,9 Prozent galten als wenig verarbeitet.
Auch bei der Auswahl zeigt sich ein klares Muster. Besonders oft genannt wurden:
- Kuchen (20 Nennungen)
- Eiscreme (19)
- Kekse (18)
- Schokolade (16)
- Sandwiches (13)
- Gebäck (12)
- Pizza (11)
- Chips (10)
Frische Lebensmittel spielen dagegen kaum eine Rolle. Obst und Gemüse wurden jeweils nur neunmal genannt. Auffällig ist außerdem: Kein Datensatz beschreibt Essanfälle, die ausschließlich aus wenig verarbeiteten Lebensmitteln bestehen.
Immer wieder dieselben Produkte tauchen bei Essanfällen auf
„Wenn Menschen Essanfälle haben, stehen selten Brokkoli oder Äpfel auf dem Speiseplan“, sagt die leitende Autorin Ingrid Worth. Das zeigt sich durch die gesamte Auswertung: Immer wieder tauchen dieselben stark verarbeiteten Produkte auf.
Das Bild bleibt dabei über Länder und Jahrzehnte hinweg erstaunlich ähnlich. Die meisten Studien stammen zwar aus den USA und aus Großbritannien. Am Ergebnis ändert das aber wenig. Auch in neueren Arbeiten dominieren stark verarbeitete Lebensmittel.
Die Zahlen der Auswertung:
- In 100 Prozent der Studien tauchen stark verarbeitete Lebensmittel auf
- Nur 31,7 Prozent nennen überhaupt wenig verarbeitete Produkte
- 56,1 Prozent enthalten unklare Angaben wie „Snacks“ oder „Brot“
- 14,9 Prozent der Lebensmittel lassen sich nicht eindeutig einordnen
Seit den 1970ern verändert sich die Ernährung grundlegend
Parallel dazu hat sich auch das Lebensmittelangebot stark verändert. Seit den 1970er-Jahren breiten sich industriell hergestellte Produkte immer weiter aus. Sie sind billig, lange haltbar und fast überall sofort verfügbar.
Zur gleichen Zeit taucht Binge Eating auch in der Fachliteratur deutlich häufiger auf. Diese zeitliche Entwicklung fällt auf. Sie liefert den Rahmen für das Muster, das sich durch die Auswertung zieht.
Warum stark verarbeitete Lebensmittel besonders häufig gewählt werden
„Diese Lebensmittel sind gezielt so entwickelt, dass sie besonders auf das Belohnungszentrum wirken und man sich daran leicht überessen kann“, erklärt Ashley Gearhardt von der University of Michigan. Gemeint sind Produkte mit raffinierten Kohlenhydraten und Fetten, die schnell Energie liefern und besonders intensiv schmecken.
Hinzu kommt die ständige Verfügbarkeit. Supermärkte, Lieferdienste und Automaten bieten rund um die Uhr Zugang zu solchen Lebensmitteln. Entscheidungen fallen oft spontan – und unter Stress.
Persönliche Faktoren bleiben wichtig. Emotionen, Anspannung oder Gewohnheiten spielen eine Rolle. Doch die Auswahl der Lebensmittel folgt offenbar einem klaren Muster. Sie ist eng mit dem Angebot verbunden, das jederzeit greifbar ist.
Forschung kämpft mit unklaren Angaben zu Lebensmitteln
Ein Problem steckt in den Daten selbst. Viele Studien beschreiben die gegessenen Lebensmittel nur sehr grob. Oft stehen dort nur Begriffe wie „Fast Food“ oder „Snack“. Was genau auf dem Teller lag, bleibt damit häufig offen.
Das erschwert die Auswertung deutlich. In mehr als der Hälfte der Studien lassen sich einzelne Lebensmittel deshalb nicht sauber einordnen. Häufig fehlen auch Angaben dazu, wie viel gegessen wurde.
Weitere Schwächen kommen hinzu:
- 65,9 Prozent der Studien machen keine genaueren Angaben zur Herkunft der Teilnehmer
- Nur 12,2 Prozent enthalten Informationen zum Einkommen
- 82,9 Prozent untersuchen Erwachsene
- 38 von 41 Studien arbeiten mit überwiegend weiblichen Teilnehmern
- In 68,3 Prozent der Fälle beruhen die Angaben auf Erinnerungen aus Interviews
Diese Lücken ziehen sich durch viele Arbeiten. Die Autoren verlangen deshalb präzisere Angaben dazu, was genau gegessen wurde, in welcher Menge und unter welchen klinischen und persönlichen Voraussetzungen die Daten erhoben wurden. Nur so können die Daten verlässliche Ergebnisse liefern.
Kurz zusammengefasst:
- Eine Auswertung von 41 Studien zeigt: Bei Binge Eating werden besonders oft stark verarbeitete Lebensmittel wie Kuchen, Eis, Kekse und Schokolade gegessen.
- Essanfälle hängen damit nicht nur mit Gefühlen und Kontrollverlust zusammen, sondern auffällig oft auch mit Lebensmitteln selbst.
- Von 404 erfassten Lebensmittelangaben waren 70,3 Prozent stark verarbeitet, nur 14,9 Prozent wenig verarbeitet, und in allen 41 Studien tauchte mindestens ein stark verarbeitetes Produkt auf.
Übrigens: Während bei Binge Eating oft immer dieselben stark verarbeiteten Produkte auftauchen, zeigt eine weitere Studie, wie gezielt die Lebensmittelindustrie genau solche Produkte für junge Menschen attraktiv macht. Schon ein kurzes Video über diese Strategien kann die Sicht auf Chips, Pommes und Fertigpizza verändern. Mehr dazu in unserem Artikel.
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