Wir müssen uns vom Traum verabschieden, 100 Jahre alt zu werden

Trotz moderner Medizin rückt der 100. Geburtstag in weite Ferne. Neue Daten zeigen, warum die Lebenserwartung längst nicht mehr wächst wie früher.

Lebenserwartung stagniert – Der Traum von 100 zerplatzt

Die Spuren des Alters sind sichtbar, doch die Studie zeigt: Künftige Generationen werden nicht automatisch immer älter. © Pexels

Die Vorstellung, dass jedes neue Jahrzehnt ein paar Jahre Lebenszeit obendrauf legt, ist in vielen Köpfen fest verankert. Bessere Medizin, weniger Kindersterblichkeit, gesündere Lebensweise – all das hat in den vergangenen hundert Jahren dafür gesorgt, dass Menschen deutlich älter wurden als ihre Eltern und Großeltern. Doch genau dieser Trend stockt inzwischen. Eine internationale Studie der University of Wisconsin-Madison zeigt: Der Traum im Durchschnitt 100 Jahre alt zu werden, wird sich nicht erfüllen.

Seit 1939 wächst die Lebenserwartung deutlich langsamer

Zwischen 1900 und 1938 machte die Lebenserwartung in wohlhabenden Ländern große Sprünge. In diesen Jahrzehnten nahm sie im Schnitt um 5,5 Monate pro Generation zu. Menschen lebten also fast ein halbes Jahr länger als ihre Vorgänger.

Doch ab dem Jahrgang 1939 änderte sich das: Die Zuwächse waren nicht mehr so stark und sanken auf 3,5 Monate, teilweise sogar auf nur knapp 3 Monate pro Generation. Das entspricht einem Rückgang von bis zu 52 Prozent im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kindersterblichkeit war früher der entscheidende Hebel

Früher starben viele Kinder in den ersten Lebensjahren. Als Impfungen, Antibiotika und Hygiene besser wurden, sank die Kindersterblichkeit rapide – und die Lebenserwartung stieg.

Heute überleben in reichen Ländern fast alle Kleinkinder. Die großen Sprünge sind also längst gemacht. Laut Studie erklärt allein die Altersgruppe unter fünf Jahren über die Hälfte des verlangsamten Wachstums. Zählt man die Altersgruppe bis 20 Jahre hinzu, sind es sogar 70 Prozent.

Beispiel Schweiz: Frühes Überleben bringt kaum noch Zugewinn

Besonders deutlich zeigt sich das in der Schweiz: Zwischen 1900 und 1938 gewann jede Generation dort im Schnitt über 6 Monate hinzu – fast die Hälfte davon, weil Kleinkinder länger überlebten.

Seit 1939 ist dieser Effekt fast verschwunden. Der Beitrag der Jüngsten liegt nur noch bei etwas über 3,5 Wochen. Für große Sprünge bleibt kaum noch Luft.

Selbst große Fortschritte können das nicht ändern

Was wäre, wenn Gesundheit in Zukunft deutlich schneller besser würde – durch neue Therapien, Medikamente, gesünderen Lebensstil? Auch dieses Szenario rechnete die Studie durch. Ergebnis: Die Lebenserwartung würde zwar wieder stärker steigen, auf rund 0,32 Jahre (3,84 Monate) pro Generation. Doch selbst das liegt klar unter dem früheren Rekordwert.

Die Forscher fassen zusammen:

Auch bei einer Verdopplung der Verbesserungen bleibt die Lebenserwartung deutlich hinter früheren Zuwächsen zurück.

Keiner der untersuchten Jahrgänge erreicht 100 Jahre

Die optimistischsten Hochrechnungen hätten dem Jahrgang 1980 ein Leben bis 100 Jahre versprochen – wenn das frühere Tempo gehalten worden wäre. Doch das ist nicht mehr möglich. Die nüchterne Bilanz der Forscher lautet:

Keiner der untersuchten Jahrgänge wird eine Lebenserwartung von 100 Jahren erreichen.

Was das für die Gesellschaft bedeutet

Die verlangsamte Entwicklung hat konkrete Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen. Denn viele Entscheidungen hängen davon ab, wie alt Menschen im Schnitt werden.

Besonders betroffen sind diese Bereiche:

  • Planungssicherheit: Politik und Verwaltung brauchen verlässliche Daten. Eine überschätzte Lebenserwartung führt zu Fehlplanungen – etwa bei Altersvorsorge oder Arbeitsmarktstrategien.
  • Gesundheitssysteme: Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter. Doch mit der Zahl der Hochaltrigen steigen auch chronische Erkrankungen, Pflegebedarf und Kosten.
  • Renten- und Sozialpolitik: Wenn Menschen nicht so lange leben wie gedacht, entlastet das kurzfristig Rentenkassen. Gleichzeitig müssen Sozialversicherungen besser mit realistischen Prognosen arbeiten.

Kurz zusammengefasst:

  • Seit den Geburtsjahrgängen ab 1939 steigt die Lebenserwartung deutlich langsamer – die früheren Zuwächse durch sinkende Kindersterblichkeit sind größtenteils ausgeschöpft.
  • Laut Studie wird keiner der untersuchten Jahrgänge im Durchschnitt 100 Jahre alt – selbst doppelt so starke medizinische Fortschritte könnten das nicht ausgleichen.
  • Die verlangsamte Entwicklung beeinflusst Renten, Pflege, Gesundheitssysteme und Altersvorsorge – für Politik und private Planung sind realistische Erwartungen entscheidend.

Übrigens: Wer länger zur Schule ging, stirbt nach einer Demenzdiagnose oft früher – ein paradoxer Effekt der sogenannten kognitiven Reserve. Warum Bildung bei Demenz zunächst schützt, dann aber zum Risiko wird, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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