Warum sich Kindheitserinnerungen anders anfühlen, wenn das Verhältnis zu den Eltern bröckelt

Wie junge Erwachsene ihre Kindheit erinnern, hängt von heutigen Beziehungen ab. Besonders Nähe oder Distanz zu den Eltern wirkt sich aus.

Zwei Frauen blättern in einem Fotoalbum

Kindheitserinnerungen verändern sich, je nachdem, wie junge Erwachsene ihre aktuellen Beziehungen erleben – besonders das Verhältnis zu den Eltern wirkt dabei prägend. © Freepik

Erinnerungen an die eigene Kindheit prägen unser Selbstbild, Beziehungen und psychische Gesundheit bis ins Erwachsenenalter. Viele Menschen betrachten ihre Kindheitserinnerungen deshalb als verlässliche Grundlage ihrer Lebensgeschichte. Doch dieser Eindruck trügt. Der Blick zurück verändert sich mit durch die Lebensumstände. Nähe, Unterstützung oder Konflikte im Erwachsenenalter beeinflussen, wie frühere Erfahrungen bewertet werden.

Besonders das Verhältnis zu den eigenen Eltern wirkt dabei nach. Wer sich heute unterstützt fühlt, stuft belastende Erlebnisse aus der Kindheit häufig weniger stark ein. Wer Distanz oder Spannungen erlebt, erinnert kritischer. Diese Verschiebungen entstehen nicht bewusst. Sie entwickeln sich im Alltag und verändern, wie Vergangenes eingeordnet wird.

Beziehungen verändern den Blick auf Kindheitserinnerungen

Grundlage dieser Beobachtungen ist eine Untersuchung der Michigan State University, die knapp 1.000 junge Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von rund 20 Jahren über einen Zeitraum von zwei Monaten begleitete. Die Teilnehmenden beantworteten in diesem Zeitraum dreimal dieselben Fragen. Sie berichteten sowohl über belastende Erfahrungen aus ihrer Kindheit als auch über ihre aktuellen Beziehungen zu Eltern, Freunden und Partnern.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Die Angaben zur Kindheit blieben insgesamt stabil. Gleichzeitig traten innerhalb weniger Wochen kleine, aber systematische Unterschiede auf. Entscheidend war dabei nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die Qualität der aktuellen Beziehungen.

Besonders deutlich wirkte sich das Verhältnis zu den Eltern aus. In Phasen mit mehr Unterstützung und weniger Konflikten berichteten die Befragten seltener von emotionaler Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. Verschlechterte sich das Verhältnis, nahmen solche Erinnerungen wieder mehr Raum ein. „Menschen erinnern ihre Vergangenheit meist sehr ähnlich, doch kleine Verschiebungen sind bedeutsam“, sagt Studienleiter William Chopik.

Erinnerungen bleiben stabil – aber nicht starr

Diese Veränderungen bedeuten nicht, dass Erinnerungen unzuverlässig sind. Sie erfüllen eine Funktion. Erinnerungen helfen, das eigene Leben zu ordnen und Erfahrungen einzuordnen. „Das macht Menschen nicht zu unzuverlässigen Erzählern. Es zeigt, dass das Gedächtnis frühere Erfahrungen mit der heutigen Lebenssituation verbindet“, erklärt Chopik. Die Forschung spricht daher von einer doppelten Natur solcher Angaben. Sie enthalten stabile Informationen über frühe Erfahrungen. Gleichzeitig spiegeln sie aktuelle Lebensumstände wider. Beides existiert nebeneinander und beeinflusst sich gegenseitig.

Diese Sichtweise ist wichtig, weil Angaben zu belastenden Kindheitserfahrungen in vielen Bereichen eine Rolle spielen, zum Beispiel in der psychologischen Beratung, in der medizinischen Anamnese und in der Forschung zur psychischen Gesundheit.

Eltern wirken stärker als Freunde

Auch Freundschaften und Partnerschaften beeinflussen den Blick auf die Kindheit. Wer sich insgesamt sicher gebunden fühlt, berichtet im Durchschnitt weniger von traumatischen Erfahrungen. Kurzfristige Schwankungen zeigen sich hier jedoch schwächer als bei den Eltern. Das überrascht kaum. Viele belastende Kindheitserlebnisse stehen in direktem Zusammenhang mit dem familiären Umfeld. Veränderungen in dieser Beziehung treffen den Kern der Erinnerung.

Stress wirkt ebenfalls mit. Hoher Leistungsdruck, etwa im Studium, geht mit etwas kritischeren Rückblicken einher. Die Effekte bleiben klein, sind aber messbar. Belastung lenkt die Aufmerksamkeit stärker auf schwierige Lebenskapitel. Entlastung schafft Abstand. Für den Alltag lassen sich daraus mehrere Punkte ableiten:

  • Aussagen über die Kindheit sagen auch etwas über die aktuelle Lebenslage aus.
  • Veränderungen in Nähe oder Konflikte färben alte Erinnerungen.
  • Mehrere Erhebungen liefern ein vollständigeres Bild als eine einzelne Momentaufnahme.

Das Gedächtnis ordnet Kindheitserinnerungen immer wieder neu

Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie ein Archiv mit unveränderlichen Akten. Persönliche Erinnerungen werden immer wieder neu zusammengesetzt. Stimmung, Beziehungen und Erwartungen wirken dabei mit. Gerade im jungen Erwachsenenalter, wenn man sich von den Eltern abnabelt und neue Rollen entstehen, ordnen viele ihre Lebensgeschichte neu.

Für Beratung und Therapie ergibt sich daraus ein wichtiger Hinweis. Angaben zur Kindheit gelten oft als einmalige Bestandsaufnahme. Die neuen Daten sprechen für einen differenzierteren Umgang. Wiederholte Befragungen können Hinweise darauf geben, wie Menschen aktuell mit ihrer Lebensgeschichte umgehen.

Auch im Alltag hilft diese Perspektive. Wer heute anders auf die eigene Kindheit blickt als früher, täuscht sich nicht zwangsläufig. Vielmehr verändert sich der Maßstab. Nähe kann scharfe Kanten abschleifen. Distanz kann sie wieder hervorholen. Erinnerungen passen sich an das Leben an, das gerade geführt wird.

Kurz zusammengefasst:

  • Kindheitserinnerungen bleiben im Kern stabil, verändern sich aber je nach aktueller Lebenslage und Beziehungsqualität, besonders im jungen Erwachsenenalter.
  • Das Verhältnis zu den Eltern wirkt dabei am stärksten: Mehr Unterstützung geht mit milderen Rückblicken einher, Konflikte mit kritischeren Erinnerungen.
  • Auch Stress spielt eine Rolle, da Belastung negative Erfahrungen präsenter macht, während Entlastung Abstand schafft und den Blick zurück verändert.

Übrigens: Warum manche Menschen emotional stabiler sind als andere, hat oft frühe Ursachen, besonders in der Pubertät – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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