Buchführung im Kopf: Warum 100 Euro für uns plötzlich nicht mehr 100 Euro sind
Studie mit 5.589 Menschen zeigt: Derselbe Geldbetrag wird je nach Herkunft, Zweck und Situation unterschiedlich bewertet.
100 Euro bleiben 100 Euro – trotzdem geben Menschen denselben Betrag je nach Herkunft und Zweck ganz unterschiedlich aus. © Pexels
100 Euro sind 100 Euro. Das klingt banal. Doch im Kopf gilt diese Rechnung erstaunlich oft nicht. Eine Steuerrückzahlung fühlt sich schnell wie zusätzliches Geld an, während derselbe Betrag aus dem Monatsgehalt fest für Miete, Strom oder Lebensmittel eingeplant bleibt.
Diese Buchführung im Kopf nennen Psychologen und Ökonomen „Mental Accounting“. Wissenschaftler der Columbia University untersuchten das Prinzip mit 5.589 Erwachsenen aus 21 Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz. In sieben unterschiedlichen Entscheidungssituationen tauchte derselbe Mechanismus immer wieder auf: Nicht nur die Summe zählt. Auch Herkunft, Zweck und Situation verändern, wie Menschen Geld bewerten.
Buchführung im Kopf macht fünf Dollar plötzlich unterschiedlich wertvoll
Besonders deutlich wird das beim Einkaufen. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, eine Jacke und einen Bluetooth-Lautsprecher zu kaufen. In beiden Fällen konnten sie fünf Dollar sparen, wenn sie dafür 20 Minuten zu einer anderen Filiale fuhren.
Einmal sank der Preis eines 15-Dollar-Produkts um fünf Dollar. Im anderen Fall verbilligte sich ein Produkt für 125 Dollar um denselben Betrag. Die Ersparnis blieb identisch, die Entscheidung nicht. Beim günstigeren Produkt wog der Rabatt stärker. Fünf Dollar wirken bei 15 Dollar erheblich größer als bei 125 Dollar.
Ein verlorenes Ticket verändert die nächste Entscheidung
Auch Verluste landen offenbar in unterschiedlichen gedanklichen Töpfen. In einem Szenario hatten die Teilnehmer bereits 40 Dollar für eine Eintrittskarte bezahlt und verloren sie vor dem Einlass. Danach waren sie weniger bereit, weitere 40 Dollar für ein neues Ticket auszugeben.
Anders fiel die Entscheidung aus, wenn stattdessen 40 Dollar Bargeld verloren gingen. Dann kauften die Teilnehmer die Eintrittskarte eher trotzdem. Finanziell war der Schaden gleich groß. Beim verlorenen Ticket waren die ersten 40 Dollar jedoch bereits der Veranstaltung zugerechnet. Ein zweiter Kauf belastete denselben gedanklichen Topf erneut.
Auch der Verkaufsort verändert den akzeptierten Preis
Selbst die Umgebung beeinflusst, welcher Preis angemessen erscheint. Dafür versetzten sich die Teilnehmer gedanklich an einen heißen Strand. Sie sollten angeben, wie viel sie für ein kaltes Getränk bezahlen würden.
Einmal sollte es aus einem luxuriösen Hotel kommen, einmal aus einem kleinen, heruntergekommenen Laden. Für das Getränk aus dem Hotel akzeptierten die Teilnehmer einen höheren Preis. Der Nutzen blieb derselbe. Verändert hatte sich lediglich der Ort, an dem das Getränk gekauft wurde.
Kai Ruggeri von der Columbia University Mailman School of Public Health verweist auf den Wandel beim Bezahlen. „Angesichts der großen Veränderungen dabei, wie wir Geld erhalten und ausgeben, insbesondere durch die starke Verbreitung automatisierter digitaler Zahlungen, war eine große und robuste Untersuchung des Mental Accounting nicht nur angemessen, sondern notwendig.“
Klassische Geldmuster bleiben erstaunlich stabil
Trotz Onlinebanking, Kartenzahlungen und automatischer Abbuchungen blieben die klassischen Muster stabil. Insgesamt prüften die Wissenschaftler sieben unterschiedliche Mental-Accounting-Effekte:
- Gewinne und Verluste werden unterschiedlich verarbeitet, je nachdem, ob sie getrennt oder zusammen auftreten.
- Beim Weiterverkauf eines Tickets hängt der verlangte Preis davon ab, wie das Ticket ursprünglich erworben wurde.
- Für dasselbe Getränk akzeptieren Menschen je nach Verkaufsort unterschiedliche Preise.
- Dieselbe Ersparnis wird je nach ursprünglichem Kaufpreis unterschiedlich bewertet.
- Nach dem Verlust eines Tickets entscheiden Menschen anders als nach dem Verlust desselben Betrags in bar.
- Bereits bezahlte Leistungen werden anders wahrgenommen, je nachdem, ob sie einzeln oder über eine Pauschale bezahlt wurden.
- Ein kostenlos erhaltener Gutschein wird anders bewertet als ein Gutschein, für den zuvor bezahlt wurde.
In der gemeinsamen Auswertung ließen sich alle sieben Effekte reproduzieren. Bei der getrennten Betrachtung aller Szenarien und Länder bestätigten sich 133 von 147 Effekten. Das entspricht 90,5 Prozent.
In ärmeren Ländern war die Buchführung im Kopf schwächer
Zwischen den Ländern zeigte sich dagegen ein anderes Muster. Mit steigendem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wurden die Mental-Accounting-Effekte zunächst stärker. Ab ungefähr 50.000 US-Dollar pro Kopf flachte dieser Zusammenhang ab. In wirtschaftlich schwächeren Ländern waren die Effekte im Durchschnitt geringer.
Eine mögliche Erklärung lautet: Wer weniger frei verfügbares Geld hat, achtet stärker auf den absoluten Wert eines Betrags. Fünf Dollar bleiben dann eher fünf Dollar, unabhängig davon, ob sie bei einem günstigen oder teuren Produkt eingespart werden. Belegt ist dieser Mechanismus jedoch nicht.
Auch persönlicher Wohlstand macht Menschen laut den Daten nicht automatisch anfälliger für Mental Accounting. Das individuelle Haushaltseinkommen hing nicht verlässlich mit dem Effekt zusammen. Der beobachtete Zusammenhang bestand auf Ebene der Länder. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, kulturelle Unterschiede oder andere Faktoren können deshalb ebenfalls beteiligt sein.
Die getrennten Geldtöpfe prägen trotzdem viele alltägliche Entscheidungen. Eine Steuerrückzahlung kann leichter für eine Reise ausgegeben werden, während derselbe Betrag aus dem Gehalt bereits für laufende Kosten reserviert ist. Die Buchführung im Kopf verändert nicht, wie viel Geld vorhanden ist. Sie beeinflusst aber, welchen Wert und welchen Zweck Menschen demselben Betrag zuschreiben.
Kurz zusammengefasst:
- Menschen bewerten denselben Geldbetrag unterschiedlich, je nachdem, woher er stammt, wofür er gedacht ist und in welchem Zusammenhang sie darüber entscheiden.
- In einer Untersuchung mit 5.589 Erwachsenen aus 21 Ländern bestätigten sich 133 von 147 einzeln geprüften Mental-Accounting-Effekten; Alter, Bildung, Einkommen und Finanzwissen erklärten die Unterschiede kaum.
- In wirtschaftlich schwächeren Ländern waren die Effekte im Durchschnitt geringer, doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass persönlicher Wohlstand Mental Accounting verursacht.
Übrigens: Nicht nur beim Umgang mit Geld führt mehr Nachdenken automatisch zu besseren Entscheidungen – bei Schachprofis waren schnelle Entscheidungen sogar häufig treffsicherer. Warum trainierte Intuition langes Grübeln schlagen kann, mehr dazu in unserem Artikel.
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