Zu laut, zu stressig: Warum das Großraumbüro so vielen auf die Nerven geht
Das Großraumbüro gilt als modern, sorgt aber für Stress, Konflikte und Konzentrationsprobleme – mit Folgen, nicht nur für die Gesundheit.

Lärm, Gespräche, ständiges Kommen und Gehen: Im Großraumbüro wird jeder Gedanke zum Drahtseilakt – zulasten von Fokus, Nerven und Gesundheit. © Pexels
Wer in einem Großraumbüro arbeitet, kennt die täglichen Kompromisse: Der eine möchte das Fenster öffnen, der anderen ist es zu kalt. Die eine zieht die Jalousien runter, weil sie die Sonne blendet, anderen wird es zu dunkel. Für jedes noch so kurze Gespräch muss ein Meetingraum oder eine Box gebucht werden – nur sind diese oft überbelegt. Selbst leise Teams-Calls gelten als störend. Und durch die sogenannte „Shared Desk“-Politik hat niemand mehr einen festen Platz. Auch nicht die Geschäftsführung. Die Folge: Man sitzt nicht mit dem eigenen Team, was Absprachen verkompliziert und die Zusammenarbeit hemmt.
Besonders belastend wird es, wenn konzentriertes Arbeiten gefragt ist – etwa bei komplexen Aufgaben oder kreativen Projekten. Doch wer mitten in einem offenen Büro sitzt, wird ständig unterbrochen: durch Gespräche, Geräusche, Bewegungen. Der Output leidet – nicht, weil die Mitarbeiter sich nicht bemühen, sondern weil das Umfeld sie sabotiert.
Forscher warnen: Großraumbüros überfordern das Gehirn
Neurowissenschaftlerin Laura Wünsch bringt es im Gespräch mit dem Standard auf den Punkt: „Ein Großraumbüro ist ungeheurer Stress für Hirn und Herz.“ Was wir für geistige Arbeit brauchen, ist Fokus. Doch unser Gehirn scannt ständig die Umgebung – das war evolutionär überlebenswichtig. In einem offenen Büro sorgt diese Daueraufmerksamkeit für Stress. Jede Bewegung lenkt ab, jedes Gespräch zieht Energie.
Wer sich nicht zurückziehen kann, wird krank – das zeigen auch Zahlen. Studien belegen: Der typische Lärmpegel in Großraumbüros erhöht die negative Stimmung um 25 Prozent und die Schweißreaktion um 34 Prozent. Chronischer Stress schlägt auf die Psyche und den Körper. Produktivität und Wohlbefinden sinken.
Stresspegel steigt – Produktivität sinkt
Das Großraumbüro wird gerne als Ort der Offenheit und Zusammenarbeit verkauft. Tatsächlich dient es oft nur einem Zweck: möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Fläche unterzubringen. Diese Strategie spart Mietkosten – kostet Unternehmen aber an anderer Stelle: Konzentration, Teamzusammenhalt und Motivation gehen verloren.
Besonders problematisch ist laut dem Standard das Prinzip des „Desk Sharing“. Niemand weiß morgens, wo er sitzen wird. Kolleginnen und Kollegen werden zu Zufallsnachbarn. Ein Teamgefühl entsteht so nicht. Gespräche werden kürzer, Absprachen seltener. Und der viel beschworene Austausch? Bleibt auf der Strecke.
Shared Desks erschweren Teamarbeit
Dabei gibt es längst bessere Konzepte, wie der Standard berichtet. Beim Architekturfestival „Turn On“ präsentierten Architekten und Stadtplaner in Salzburg das Projekt „Science City“: Rückzugsorte, flexible Räume, eine Lounge, ein Outdoor-Gym, sogar eine Kletterwand – alles per App buchbar. Firmen teilen sich die Räume, arbeiten aber individuell. Die Idee: mehr Freiheit, weniger Störung.
Auch kreative Lösungen wie ein Telefongang oder gemütlichere Sitzmöbel können das Arbeiten angenehmer machen. Wer beim Sprechen lieber geht oder nicht auf einem Standardstuhl sitzen möchte, sollte die Wahl haben. Büroflächen können das leisten – wenn man sie entsprechend gestaltet.
Alternativen zum Großraumbüro schaffen Freiraum
Neben dem Homeoffice gibt es zahlreiche Möglichkeiten, produktives Arbeiten im Büro zu ermöglichen. Private Büros bieten volle Konzentration und Ruhe für wichtige Aufgaben. Moderne Cubicles – abgetrennte Arbeitsplätze mit Schallschutz – lassen sich individuell anpassen und kombinieren Rückzug mit Nähe.
Activity-Based Workspaces schaffen unterschiedliche Zonen für verschiedene Aufgaben. Wer kreative Ideen braucht, setzt sich in die Lounge. Wer fokussiert schreiben muss, zieht sich zurück. Satellitenbüros oder das „Office-in-an-Office“-Modell bieten weiteren Spielraum – mit klaren Strukturen, aber ohne ständigen Lärm.
Wer arbeitet, braucht Raum – geistig wie räumlich. Das Großraumbüro nimmt beides. Dabei gäbe es genügend bessere Ideen. Wichtig ist, dass Unternehmen sie ernst nehmen. Wer zuhört, wie Menschen wirklich arbeiten wollen, wird schnell erkennen: Die Lösung liegt oft nur ein paar Wände entfernt.
Kurz zusammengefasst:
- Großraumbüros stören Konzentration und erhöhen nachweislich den Stress – Lärm, ständige Ablenkung und fehlende Rückzugsorte belasten die Gesundheit.
- Konflikte entstehen durch unterschiedliche Bedürfnisse, fehlende feste Arbeitsplätze und schlechte Bedingungen für die Zusammenarbeit im Team.
- Bessere Alternativen sind private Büros, flexible Raumkonzepte und individuell anpassbare Arbeitsplätze, die Fokus und Wohlbefinden fördern.
Übrigens: Wer im Großraumbüro ständig von Gesprächen und Geräuschen aus dem Takt gebracht wird, kann mit der richtigen Musik gezielt gegensteuern. Forscher haben herausgefunden, welche Art von Playlist die Konzentration tatsächlich verbessert – mehr dazu in unserem Artikel.
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