Depression bei Kindern: Was mehr über das spätere Risiko verrät als die Gene
Eine Studie mit fast 10.000 Kindern zeigt: Schlaf, Ernährung und familiäre Belastungen liefern bessere Hinweise als Gene allein.
Schon im Grundschulalter können Schlaf und familiäre Belastungen Hinweise auf spätere Depressionen liefern. © Pexels
Ob ein Kind später an einer Depression erkrankt, hängt nicht allein von seinen Genen ab. Auch Schlaf, Essverhalten und die Verhältnisse zu Hause können früh Hinweise auf psychische Probleme liefern. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass zwölf solcher Risikofaktoren spätere Depressionen bei Kindern teilweise besser vorhersagen können als genetische Informationen allein. Grundlage ist eine Untersuchung mit fast 10.000 Kindern aus den USA.
Für die im Fachjournal Molecular Psychiatry veröffentlichte Studie wertete ein Forschungsteam der University of Edinburgh Daten von 9.797 Kindern aus. Zu Beginn waren sie zwischen neun und elf Jahre alt, zwei Jahre später wurde ihre psychische Gesundheit erneut untersucht. Besonders auffällig waren Depressionen der Eltern, das Miterleben häuslicher Gewalt und Ernährung. Auch die Schlafdauer erwies sich als wichtiger Hinweis: Kinder, die länger schliefen, zeigten später tendenziell weniger depressive Symptome.
Depression bei Kindern hängt eng mit familiären Belastungen zusammen
Besonders hoch waren die späteren Depressionswerte bei Kindern, deren Eltern selbst depressive Beschwerden hatten. Auch das Miterleben häuslicher Gewalt ging mit einem erhöhten Risiko einher. Solche Erfahrungen können Kinder über Jahre belasten. Allerdings lässt sich aus den Daten nicht ableiten, wie viele der betroffenen Kinder tatsächlich eine Depression entwickeln.
Auffällig war zudem der Zusammenhang mit Diäten. Kinder, die bereits im Grundschulalter versuchten, ihr Gewicht durch eine Diät zu verändern, zeigten später häufiger depressive Symptome. Ob das Diätverhalten selbst dazu beiträgt, ist unklar. Auch ein negatives Körperbild oder bereits vorhandene psychische Probleme könnten eine Erklärung sein.
Warum Schlaf und elterliche Begleitung das Depressionsrisiko beeinflussen können
Neben den familiären Belastungen standen mehrere alltägliche Faktoren mit den späteren Depressionswerten in Verbindung:
- Schlafdauer: Kinder mit längeren Schlafzeiten zeigten zwei Jahre später tendenziell weniger depressive Symptome. Der statistische Zusammenhang war allerdings vergleichsweise schwach.
- Elterliche Begleitung: Kinder, deren Eltern besser über ihre Aktivitäten Bescheid wussten, hatten im Durchschnitt niedrigere Depressionswerte.
- Bewegung und Körpergewicht: Auch körperliche Aktivität und der Body-Mass-Index gehörten zu den berücksichtigten Einflussgrößen. Ihre Bedeutung fiel geringer aus als die der wichtigsten familiären Belastungen.
Insgesamt berücksichtigte das Vorhersagemodell zwölf Einflussgrößen. Neben Schlaf, Ernährung und familiären Belastungen flossen auch das Alter der Kinder und die soziale Benachteiligung im Wohnumfeld ein. Körperliche Aktivität und Body-Mass-Index wurden ebenfalls berücksichtigt. Die Faktoren wurden gemeinsam ausgewertet, weil einzelne Merkmale nur begrenzte Rückschlüsse auf spätere Depressionen erlauben.
Lebensumstände sagen Depression bei Kindern besser voraus als Gene allein
Zum Vergleich berechneten die Wissenschaftler genetische Risikowerte. Dafür fassten sie zahlreiche Erbgutvarianten zusammen, die mit Depressionen in Verbindung stehen. Jede einzelne Variante trägt nur einen kleinen Teil zum erblichen Risiko bei.
Bei der Unterscheidung zwischen Kindern mit und ohne elternberichtete Depression erreichte das Modell mit den Lebensumständen einen AUC-Wert von 0,69. Das genetische Modell kam auf 0,64. Dieser Kennwert beschreibt die Fähigkeit eines Verfahrens, zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen zu unterscheiden. Ein Wert von 0,5 entspricht dem Zufallsniveau, ein Wert von 1,0 einer perfekten Unterscheidung. Für eine verlässliche individuelle Diagnose reichen die Ergebnisse nicht aus.
Gene und Lebensumstände verbessern gemeinsam die Vorhersage
Die Kombination beider Ansätze lieferte die besten Ergebnisse. Bei den Angaben der Eltern stieg der AUC-Wert auf 0,71. Für Depressionen, über die die Kinder selbst berichteten, erreichte das kombinierte Modell einen Wert von 0,70. Genetische Veranlagung und Lebensumstände lieferten somit zusätzliche, sich ergänzende Informationen.
Trotzdem blieb die Vorhersage begrenzt. Die zwölf Risikofaktoren erklärten lediglich 12,3 Prozent der Unterschiede bei den späteren Depressionssymptomen. Zudem handelt es sich um statistische Zusammenhänge, nicht um nachgewiesene Ursachen. Ob mehr Schlaf oder veränderte Ernährungsgewohnheiten Depressionen verhindern können, lässt sich daraus nicht bestimmen.
Ergebnisse aus den USA sind noch nicht auf Deutschland übertragbar
Die untersuchten Kinder stammten ausschließlich aus den USA. Familien mit höherem Einkommen und besserer Bildung waren überdurchschnittlich vertreten. Zudem wurde das Modell bisher nicht an einer unabhängigen Kindergruppe überprüft. Ob es bei Kindern in Deutschland vergleichbare Ergebnisse liefert, ist offen.
Die Wissenschaftler halten insbesondere Schlaf und Diätverhalten für mögliche Ansatzpunkte zur Vorbeugung. Allerdings liefern die bisherigen Erkenntnisse dafür noch keine ausreichende Grundlage. Auch die Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen müsste in weiteren Untersuchungen überprüft werden.
Kurz zusammengefasst:
- Lebensumstände können mehr verraten als Gene: Eine US-Studie mit 9.797 Kindern ergab, dass familiäre und persönliche Risikofaktoren spätere Depressionen teilweise besser vorhersagen als genetische Risikowerte allein.
- Familie, Schlaf und Ernährung hängen mit dem Risiko zusammen: Depressionen der Eltern, häusliche Gewalt und Diätverhalten gingen mit mehr depressiven Symptomen einher, längerer Schlaf dagegen mit weniger.
- Eine sichere Vorhersage ist noch nicht möglich: Die untersuchten Risikofaktoren erklären nur einen kleinen Teil der Unterschiede, und ob Veränderungen im Alltag Depressionen verhindern können, ist bislang nicht geklärt.
Übrigens: Viel Bildschirmzeit allein erklärt offenbar nicht, warum Jugendliche Depressionen entwickeln. Eine Studie mit 21.797 Zwillingen ergab, dass der Zusammenhang deutlich schwächer ausfällt, sobald gemeinsame genetische und familiäre Einflüsse berücksichtigt werden. Mehr dazu in unserem Artikel.
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