Wenn Frauen in der Schwangerschaft plötzlich schlechter sehen: Hormone oder Warnsignal?

Wer in der Schwangerschaft plötzlich schlechter sieht, muss sich meist keine Sorgen machen. Doch Flimmern oder Gesichtsfeldausfälle können Warnzeichen sein.

In der Schwangerschaft kann sich die Sehstärke vorübergehend verändern – die gewohnte Brille passt dann mitunter nicht mehr so gut wie zuvor. © Pexels

In der Schwangerschaft kann sich die Sehstärke vorübergehend verändern – die gewohnte Brille passt dann mitunter nicht mehr so gut wie zuvor. © Pexels

Dass der Körper sich in der Schwangerschaft verändert und ungewöhnliche Symptome auftreten ist bekannt – egal wie unangenehm oder seltsam sie sein mögen, meistens sind sie unproblematisch und verschwinden nach der Schwangerschaft auch wieder. Wenn aber plötzlich die gewohnte Brille zu schwach erscheint, die Kontaktlinsen kratzen, die Augen sich trocken und gereizt anfühlen oder gar Sehstörungen auftreten, wirkt das für Schwangere irritierend. Meist handelt es sich bei diesen Augenveränderungen um eine vorübergehende Folge der hormonellen Umstellung. Doch wann sind diese Symptome harmlos und wann könnte ein ernsthafteres Problem dahinterstecken?

Professor Thomas Neß vom Universitätsklinikum Freiburg nennt im Symposium „Auge und Schwangerschaft“ anlässlich des 124. Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) vor allem unscharfes Sehen, trockene Augen und Probleme mit Kontaktlinsen als typische Schwangerschaftsbeschwerden.

Hinzu kommen bei manchen Frauen geschwollene Lider oder dunklere Hautstellen rund um die Augen. „Das Auge ist kein isoliertes Organ – es reagiert auf die Schwangerschaft mit,“ sagt der Augenarzt. „Augenveränderungen in der Schwangerschaft sind häufig, bilden sich aber meist nach Geburt und Stillzeit zurück.“

Hinter vielen Beschwerden steckt also keine dauerhafte Verschlechterung der Augen. Doch plötzliches Flimmern, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder stark verschwommenes Sehen sollten medizinisch abgeklärt werden. Denn die Ursache für diese Symptome kann in seltenen Fällen auch eine Präeklampsie sein, umgangssprachlich Schwangerschaftsvergiftung genannt.

Warum manche Frauen in der Schwangerschaft schlechter sehen

Bei Augenveränderungen in der Schwangerschaft wirken mehrere Hormone zusammen. Dazu zählen Östrogen, Progesteron, hCG, Prolaktin, Relaxin und Aldosteron. Sie verändern unter anderem den Wasserhaushalt, den Tränenfilm sowie die Struktur von Hornhaut und Linse. Auch das autonome Nervensystem reagiert auf die hormonelle Umstellung. Dadurch kann sich sogar die Brechkraft des Auges verschieben.

Ein Grund für die unschärfere Sicht sind Wassereinlagerungen. Sie können die Hornhaut verdicken und ihre Krümmung verändern. Im zweiten und dritten Trimester nimmt die Dicke der zentralen Hornhaut teils um 10 bis 30 Mikrometer zu. Dadurch verschiebt sich mitunter auch die Sehstärke. Häufig handelt es sich um eine leichte Zunahme der Kurzsichtigkeit um etwa 0,25 bis 0,75 Dioptrien.

Eine neue Brille ist deshalb aber nicht sinnvoll. Nach Angaben der DOG normalisiert sich die Sehstärke meist sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt. Bei stillenden Frauen kann das länger dauern. Neß rät daher, mit einer neuen Brillen- oder Kontaktlinsenstärke möglichst zu warten. Eine dauerhafte Anpassung lasse sich zuverlässig erst etwa drei Monate nach dem Abstillen beurteilen. „Wichtig ist, Beschwerden richtig einzuordnen und unnötige Anpassungen zu vermeiden“, sagt er.

Was tun, wenn die Kontaktlinsen plötzlich stören?

Auch routinierte Kontaktlinsenträgerinnen können in der Schwangerschaft diese plötzlich als störend empfinden. Die Linsen sitzen schlechter auf dem Auge, den eine geschwollene oder stärker gekrümmte Hornhaut verändert ihre Auflagefläche. Dazu kommt oft ein Mangel an Tränenflüssigkeit durch den veränderten Wasserhaushalt. Die Linsen trocknen schneller aus, Fremdkörpergefühl und Rötungen nehmen möglicherweise zu. Eine Schwangerschaft spricht zwar nicht grundsätzlich gegen Kontaktlinsen. Die Augenoberfläche reagiert aber bei manchen Frauen empfindlicher.

Die DOG empfiehlt deshalb kürzere Tragezeiten und bei Bedarf Tageslinsen. Bei anhaltenden Beschwerden kann es auch angenehmer sein, vorübergehend komplett auf die Brille umzusteigen. Trockene Augen sind in der Schwangerschaft weit verbreitet. Je nach Untersuchung berichten etwa 40 bis 70 Prozent der Schwangeren über entsprechende Beschwerden. Konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel, Wärme und Lidmassagen können auch helfen. Präparate mit Benzalkoniumchlorid sollten nach Empfehlung des Experten aber möglichst gemieden werden.

Flimmern und Gesichtsfeldausfälle müssen rasch abgeklärt werden

Doch nicht jede Sehveränderung gehört zu den üblichen harmlosen Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft. Plötzliches Flimmern, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder abrupt verschwommenes Sehen verlangen eine medizinische Abklärung. Solche Beschwerden können zwar auch bei Migräne auftreten, müssten aber dann von Sehstörungen unterschieden werden, die im Zusammenhang mit einer Präeklampsie entstehen können.

„Schwangere sollten nicht zögern, bei akuten oder ungewohnten Symptomen augenärztlichen Rat einzuholen“, sagt Neß. Eine Präeklampsie ist eine schwere Schwangerschaftskomplikation, bei der unter anderem der Blutdruck stark ansteigt und Organe belastet werden. Typische Warnzeichen sind etwa starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerzen oder plötzlich zunehmende starke Schwellungen, beispielsweise in den Beinen.

Ein plötzlich herabhängendes Oberlid sollte ebenfalls neurologisch untersucht werden. Leichte, beidseitige Schwellungen am Morgen sind dagegen häufig harmlos und gehen oft bis zum Mittag zurück. Anders sieht es bei einseitigen, schmerzhaften oder rasch zunehmenden Schwellungen aus.

Auch harmlos: Braune oder grau-braune Hautverfärbungen rund um die Augen. Sie können durch ein Melasma entstehen. Je nach Hauttyp und Sonneneinstrahlung betrifft es bis zu 50 bis 70 Prozent der Schwangeren. Die DOG empfiehlt hier konsequenten Sonnenschutz mit Lichtschutzfaktor 50 plus.

Für die Geburt geben Augenärzte meist Entwarnung

Die hormonbedingten Veränderungen bilden sich nach der Geburt in vielen Fällen von selbst zurück. Planbare Eingriffe wie eine LASIK, eine Augenlaser-Operation zur Korrektur von Fehlsichtigkeit, sollten deshalb ebenso warten wie eine neue Brillen- oder Kontaktlinsenanpassung. „Geduld ist oft die beste Behandlung – ergänzt durch sichere symptomatische Maßnahmen“, fasst Neß zusammen.

Eine natürliche Geburt gilt aus augenärztlicher Sicht auch bei Sehstörungen in der Schwangerschaft in der Regel als unproblematisch. Selbst starke Kurzsichtigkeit, Netzhautveränderungen, ein Glaukom, Diabetes oder frühere Augenoperationen sind laut DOG für sich genommen kein Grund für einen Kaiserschnitt. Über die Art der Entbindung sollten daher geburtshilfliche Gründe entscheiden und nicht die Sorge, dass das Pressen bei der Geburt den Augen schaden könnte, betont der Augenarzt Neß.

Kurz zusammengefasst:

  • In der Schwangerschaft können Hormone und Wassereinlagerungen Hornhaut, Linse und Tränenfilm verändern, sodass Frauen vorübergehend schlechter sehen oder Kontaktlinsen schlechter vertragen.
  • Eine neue Brille oder Kontaktlinsenstärke ist meist nicht sofort nötig, weil sich die Sehstärke nach Geburt und Stillzeit häufig wieder normalisiert.
  • Plötzliches Flimmern, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder stark verschwommenes Sehen sollten ärztlich abgeklärt werden, weil dahinter auch eine Präeklampsie stecken kann.

Übrigens: Rund um Schwangerschaft und Geburt können einen neben körperlichen Veränderungen auch finanzielle Sorgen, Erschöpfung und psychische Belastungen plagen. Babylotsen helfen früh und persönlich, wenn Eltern nicht mehr weiterwissen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

What do you feel about this?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert