Noch vor dem ersten Schluck: Was Kaffeeduft mit unserem Gehirn macht
Schon der Geruch von Kaffee kann Stimmung und Gehirnaktivität beeinflussen – noch bevor Koffein wirkt.
Noch bevor der erste Schluck getrunken ist, erreicht der Kaffeeduft das Gehirn. In einer kleinen Studie veränderten sich nach fünf Minuten mehrere Stimmungswerte und ein EEG-Muster. © Pexels
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee gehört für viele zum Morgen dazu. Noch bevor der erste Schluck getrunken ist und Koffein ins Blut gelangt, reagiert bereits unsere Nase – und womöglich auch das Gehirn. Forscher der Showa Pharmaceutical University in Tokio haben untersucht, welche Wirkung Kaffeeduft auf Körper und Stimmung haben kann.
Für ihre im Fachjournal Nutrients veröffentlichte Studie ließen sie 20 junge Erwachsene fünf Minuten lang frisch gebrühten Kaffee riechen und maßen Stimmung, Gehirnaktivität, Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität.
Nach den fünf Minuten berichteten die Teilnehmer über weniger Anspannung, Müdigkeit, Verwirrtheit und Niedergeschlagenheit. Gleichzeitig veränderte sich ein EEG-Muster, das mit Entspannung in Verbindung gebracht wird. Beim Herzen dagegen fanden die Forscher keinen statistisch signifikanten Unterschied.
Kaffeeduft-Wirkung nach nur fünf Minuten messbar
An dem Versuch nahmen zwölf Frauen und acht Männer zwischen 20 und 29 Jahren teil. Die Experimente fanden laut News Medical zwischen März 2024 und März 2026 im Labor der Universität statt.
Für jeden Durchgang wurde frisch gebrühter Kaffee etwa 50 Zentimeter von den Teilnehmern entfernt aufgestellt. Der Raum war zuvor gelüftet worden, weitere Geruchsquellen sollten möglichst ausgeschlossen werden. Die Probanden saßen fünf Minuten lang dort, atmeten normal und rochen den Kaffee.
Vor und nach diesen fünf Minuten erfassten die Forscher die Stimmung mit dem standardisierten Fragebogen „Profile of Mood States“. Mehrere Werte für negative Stimmung gingen anschließend zurück:
- Anspannung und Angst
- Müdigkeit
- Verwirrtheit
- Niedergeschlagenheit
Auch Ärger und Feindseligkeit nahmen zunächst ab. Nach einer strengeren statistischen Korrektur war dieser Unterschied jedoch nicht mehr signifikant. Der zusammengefasste Wert für die gesamte negative Stimmungsbelastung sank ebenfalls. Die als „Vigor“ bezeichnete Dimension für Tatkraft und Energie veränderte sich dagegen nicht signifikant.
Auch die Gehirnaktivität veränderte sich
Parallel zur Stimmung untersuchten die Wissenschaftler die elektrische Aktivität des Gehirns per EEG. Aus den aufgezeichneten Hirnwellen berechneten sie einen sogenannten Relaxationsindex.
Dieser stieg im Mittel von rund 0,74 auf 0,78. Der Unterschied war zwar klein, zeigte sich aber über die Gruppe hinweg. Der Wert bedeutet allerdings nicht, dass die Teilnehmer dadurch nachweislich entspannter waren. Er beschreibt ein bestimmtes Muster der EEG-Aktivität, das mit Entspannung in Verbindung gebracht wird. Welche physiologische Bedeutung die kleine Veränderung tatsächlich hat, ist noch offen.
Beim Herzen zeigte sich ein anderes Bild. Weder die Herzfrequenz noch die Herzfrequenzvariabilität veränderten sich statistisch signifikant. Letztere beschreibt die Schwankungen der zeitlichen Abstände zwischen einzelnen Herzschlägen und wird genutzt, um Reaktionen des autonomen Nervensystems zu untersuchen.
Stimmung und Gehirn reagierten nicht im Gleichschritt
Gerade der Vergleich dieser unterschiedlichen Messwerte war ein wichtiger Teil der Untersuchung. Frühere Arbeiten zu Kaffeeduft hatten häufig einzelne Bereiche wie Stimmung, Arbeitsgedächtnis, Cortisol oder Gehirnaktivität betrachtet. Das japanische Team erfasste dagegen mehrere psychologische und körperliche Reaktionen bei denselben Menschen unter denselben Bedingungen.
Die Forscher prüften deshalb auch, ob die Veränderungen miteinander zusammenhingen. Das Ergebnis: Zwischen Stimmung, EEG, Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität fanden sie keine statistisch signifikanten Zusammenhänge.
Ein Teilnehmer, der sich nach den fünf Minuten deutlich weniger angespannt oder müde fühlte, zeigte also nicht automatisch die stärkste Veränderung im EEG. Ebenso ließ sich aus der Gehirnaktivität nicht ableiten, wie stark sich die Stimmung verändert hatte.
Damit könnten die einzelnen Messmethoden unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Situation erfassen. Ein gemeinsamer Mechanismus, der gleichzeitig Stimmung, Gehirn und Herz beeinflusst, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten.
Der Versuch hat einen entscheidenden Haken
Die Untersuchung hatte keine Kontrollbedingung. Die Teilnehmer verbrachten also nicht zusätzlich fünf Minuten ohne Kaffeeduft oder mit einem anderen Geruch unter denselben Bedingungen. Deshalb lässt sich nicht beweisen, dass tatsächlich der Kaffee die beobachteten Veränderungen ausgelöst hat. Auch fünf Minuten Ruhe, Erwartungen oder die Gewöhnung an die Laborumgebung könnten eine Rolle gespielt haben.
Hinzu kommt die kleine Gruppe von nur 20 jungen Erwachsenen. Kaffeevorlieben, gewohnter Kaffeekonsum und Geruchsempfindlichkeit wurden nicht systematisch erfasst. Auch die Konzentration des Aromas in der Luft wurde nicht gemessen.
Die Ergebnisse liefern damit einen ersten Hinweis darauf, dass schon fünf Minuten Kaffeeduft mit Veränderungen bei Stimmung und Gehirnaktivität einhergehen können – noch bevor überhaupt ein Schluck Kaffee getrunken wurde. Ob tatsächlich der Duft selbst dafür verantwortlich ist, müssen größere kontrollierte Untersuchungen klären.
Kurz zusammengefasst:
- Fünf Minuten Kaffeeduft gingen in der kleinen Studie mit weniger Anspannung, Müdigkeit, Verwirrtheit und Niedergeschlagenheit sowie mit einer leichten Veränderung der EEG-Aktivität einher.
- Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität veränderten sich dagegen nicht messbar; zudem liefen Stimmung, Gehirnaktivität und Herzreaktionen nicht erkennbar im Gleichschritt.
- Weil nur 20 junge Erwachsene untersucht wurden und eine Kontrollbedingung fehlte, liefern die Ergebnisse einen interessanten Hinweis, aber noch keinen Beweis dafür, dass allein der Kaffeeduft diese Veränderungen verursacht hat.
Übrigens: Kaffee kann auch nach dem Trinken die Stimmung beeinflussen – besonders am Morgen und bei Müdigkeit. Warum Kaffeetrinker dann häufig von besserer Laune berichten, lesen Sie in unserem Artikel.
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