Aus „Guten Tag“ wird „Gat Netug“ – warum Rückwärts sprechen erstaunlich viel über unser Gehirn verrät
Wer rückwärts sprechen kann, nutzt eine ungewöhnliche Fähigkeit des Gehirns – und liefert Hinweise darauf, wie Sprache verarbeitet wird.
Beim phonetischen Rückwärtssprechen werden nicht Buchstaben, sondern die tatsächlichen Sprachlaute in umgekehrter Reihenfolge gesprochen. © Pexels
Wir verstehen Sprache selbst dann, wenn sie undeutlich ist, Laute verschluckt werden oder Teile davon akustisch durcheinandergeraten. Wie robust unser Gehirn dabei arbeitet, wird besonders deutlich, wenn Menschen rückwärts sprechen oder kurze Lautabschnitte rückwärts abgespielt werden. Erstaunlich viel bleibt trotzdem verständlich. Offenbar muss das Gehirn nicht jeden Laut millisekundengenau verfolgen, sondern erkennt vor allem größere sprachliche Muster.
Wie weit diese erstaunliche Robustheit reicht, hat der Phonetiker Prof. Dr. Mathias Scharinger von der Philipps-Universität Marburg anhand des bisherigen Forschungsstands untersucht. Seine systematische Studie erschien im Fachjournal Psychonomic Bulletin & Review. Rückwärtssprache eignet sich dabei als ungewöhnliches Experimentierfeld, weil sie offenlegt, welche zeitlichen Informationen für das Verstehen wirklich nötig sind. „Rückwärtssprache ist ein faszinierendes Fenster in die zeitliche Organisation von Sprache“, sagt Scharinger.
Beim Rückwärts sprechen arbeitet das Gehirn erstaunlich flexibel
Gesprochene Sprache besteht aus einem fortlaufenden akustischen Signal, dessen Bestandteile in sehr kurzen Abständen aufeinanderfolgen. Werden kleine Zeitfenster daraus umgedreht, bricht das Sprachverständnis nicht sofort zusammen. Offenbar muss das Gehirn nicht jede kurze Lautinformation exakt in ihrer ursprünglichen Reihenfolge bewahren. Größere Einheiten wie Silben und zusammengehörende Lautfolgen bleiben stabiler.
Für das Gehirn könnte diese Vereinfachung hilfreich sein. Das Arbeitsgedächtnis kann nur begrenzt Informationen kurzfristig festhalten. Einzelne akustische Details verlieren deshalb rasch an Bedeutung, sobald größere sprachliche Muster erkannt sind. Wie gut das funktioniert, hängt auch von der jeweiligen Sprache und ihren typischen Lautkombinationen ab.
Rückwärts sprechen beginnt oft mit geschriebenen Wörtern
Wer selbst rückwärts sprechen lernt, orientiert sich zunächst häufig an der Schrift. Aus „Guten Tag“ wird dann etwa „Gat Netug“. Das ist einfach nachvollziehbar, weil lediglich die Reihenfolge der Buchstaben wechselt. Bei gesprochener Sprache funktioniert dieses Prinzip jedoch nur begrenzt. Buchstaben und Laute entsprechen einander nicht immer eins zu eins, weshalb eine reine Umkehr oft schwer aussprechbare Folgen erzeugt.
Anspruchsvoller ist das phonetische Rückwärtssprechen. Dabei werden nicht die Buchstaben, sondern die tatsächlich gesprochenen Laute in umgekehrter Reihenfolge artikuliert. Beim Wort „Tauschgeschäft“ führt eine reine Buchstabenumkehr zu einer kaum flüssig sprechbaren Folge. Wird dagegen die Lautstruktur umgedreht, entsteht ungefähr „Tfäschegschaut“. Dafür muss das Wort zunächst in seine akustischen Bestandteile zerlegt und anschließend neu zusammengesetzt werden.
Ein starkes Arbeitsgedächtnis kann die Fähigkeit erleichtern
Menschen, die diese Form des Rückwärtssprechens sehr gut beherrschen, verfügen vermutlich über ein gut ausgeprägtes Arbeitsgedächtnis und ein feines Gespür für Sprachlaute. So können sie mehrere Lautinformationen kurzfristig festhalten und anschließend in neuer Reihenfolge wiedergeben. Als Beispiel führt die Forschung den professionellen Sprecher und Autor Bernhard Wolff an, der Wörter auch phonetisch korrekt rückwärts sprechen kann.
Für Sprachwissenschaftler eröffnet diese Fähigkeit einen ungewöhnlichen Zugang zu Sprachproduktion und Sprachwahrnehmung. Beim Rückwärtssprechen muss die gewohnte Lautfolge bewusst aufgebrochen und neu geordnet werden. „Sie zeigt uns, dass Sprachverarbeitung weder eine einfache Aneinanderreihung einzelner Laute ist noch die exakte zeitliche Information des akustischen Signals zu jedem Zeitpunkt vollständig bewahren muss“, sagt Scharinger über die Rückwärtssprache.
Auch neuronale Rhythmen könnten Sprache ordnen
Hinter dieser zeitlichen Sortierung könnten neuronale Rhythmen stehen. Verschiedene Aktivitätsmuster im Gehirn reagieren auf unterschiedliche sprachliche Einheiten wie Laute, Silben und längere Phrasen. Werden kurze Abschnitte rückwärts abgespielt, verändert sich ihre zeitliche Struktur. Das Gehirn kann solche Störungen jedoch teilweise ausgleichen.
Menschen, die besonders gut rückwärts sprechen können, machen einzelne Schritte der Sprachverarbeitung ungewöhnlich sichtbar. Dadurch lässt sich untersuchen, welche Lautinformationen das Gehirn kurzfristig festhält und welche es schnell wieder verwirft.
Kurz zusammengefasst:
- Das Gehirn kann kurze rückwärts abgespielte Sprachabschnitte teilweise verarbeiten, obwohl ihre zeitliche Reihenfolge verändert wurde.
- Rückwärts sprechen verlangt vor allem beim phonetischen Umkehren ein gutes Arbeitsgedächtnis und ein feines Gespür für Lautfolgen.
- Die Forschung untersucht damit, wie das Gehirn Sprache zeitlich organisiert und welche akustischen Informationen es tatsächlich dauerhaft benötigt.
Übrigens: Nicht nur rückwärts sprechen fordert das Gehirn auf ungewohnte Weise – auch rückwärts gehen kann Koordination, Haltung und Gedächtnis beeinflussen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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