Aus Plastikmüll soll künftig Kerosin für Flugzeuge werden – neue Technik könnte zwei große Umweltprobleme zugleich angehen
Eine neue Großanlage soll Plastikmüll in Pyrolyseöl verwandeln, aus dem anschließend nachhaltiges Kerosin für Flugzeuge entsteht.
Aus Plastikmüll soll Flugzeugtreibstoff werden: Niutech liefert die Technik, mit der eine große Raffinerie künftig SAF herstellen soll. © Niutech
Plastikmüll türmt sich weltweit, während Flugzeuge weiterhin enorme Mengen fossiles Kerosin verbrennen. Nun sollen ausgerechnet ausgediente Kunststoffe einen Teil des Treibstoffs liefern. Eine neue Großanlage soll Plastikmüll in Pyrolyseöl verwandeln, das anschließend zu nachhaltigem Kerosin für Flugzeuge verarbeitet werden kann.
Der chinesische Pyrolyse-Spezialist Niutech hat dafür einen Vertrag mit einem großen internationalen Energiekonzern geschlossen. Der Kunde bleibt bislang ungenannt. Eine bestehende Raffinerie soll so umgebaut werden, dass dort eine durchgehende Produktionskette vom Kunststoffabfall bis zum Sustainable Aviation Fuel, kurz SAF, entsteht.
Die Idee dahinter: Plastikabfall soll nicht länger nur entsorgt werden, sondern zugleich Rohstoff für einen Ersatz von fossilem Kerosin liefern.
Wie aus Plastikmüll Kerosin für Flugzeuge werden soll
Direkt vom Plastikbecher zum Flugzeugtreibstoff führt der Weg allerdings nicht. Zunächst zerkleinert und erhitzt die Anlage die Kunststoffabfälle unter Sauerstoffmangel. Bei dieser sogenannten Pyrolyse zerfallen die langen Kunststoffmoleküle in kleinere Kohlenwasserstoffe. Dabei entsteht unter anderem Pyrolyseöl.
Erst danach folgt der entscheidende zweite Schritt. Das Öl wird in der Raffinerie weiter aufbereitet und hydriert. Am Ende kann daraus SAF entstehen. Dieser Flugtreibstoff kann fossiles Kerosin teilweise oder vollständig ersetzen.
Die geplante Anlage soll je nach Ausführung zwischen 10.000 und 50.000 Tonnen Kunststoffabfälle pro Jahr verarbeiten können. Niutech nennt mehrere geeignete Kunststoffarten. Dazu gehören Polyethylen und Polypropylen, die etwa in Verpackungen vorkommen. Auch Polystyrol, ABS und Nylon sollen sich verwerten lassen.
Gemischter Plastikmüll soll direkt in die Pyrolyse
Interessant für große Anlagen ist vor allem der Umgang mit gemischtem Abfall. Die Technik soll verschiedene Kunststoffe gemeinsam verarbeiten können. Aufwendiges Waschen, Sortieren und Trocknen sei laut Niutech nicht in dem Umfang nötig, wie es bei vielen anderen Recyclingverfahren der Fall ist.
Darin könnte ein Vorteil für die industrielle Nutzung liegen. Kunststoffabfälle bestehen in der Praxis selten aus nur einem Material. Lebensmittelreste, verschiedene Kunststoffe und andere Verunreinigungen erschweren ihre Wiederverwertung. Je weniger Vorbehandlung nötig ist, desto einfacher lässt sich eine Anlage kontinuierlich betreiben.
Niutech arbeitet seit fast 40 Jahren mit Pyrolyseverfahren. Anlagen des Unternehmens laufen nach eigenen Angaben bereits in Großbritannien, Südkorea, Dänemark, Thailand, Vietnam und China. Mehrere Projekte erreichen eine Verarbeitungskapazität von rund 10.000 Tonnen pro Jahr.
Fluggesellschaften brauchen immer mehr nachhaltiges Kerosin
Für SAF wächst gleichzeitig ein neuer Markt. Fluggesellschaften suchen nach Treibstoffen, mit denen sie ihre Abhängigkeit von fossilem Kerosin verringern können. Bisher stammen wichtige Ausgangsstoffe etwa aus gebrauchten Speiseölen und anderen Abfallfetten. Diese Rohstoffe stehen jedoch nur begrenzt zur Verfügung.
Plastikabfälle könnten deshalb eine zusätzliche Quelle für die benötigten Kohlenwasserstoffe liefern. Allerdings entsteht auch dabei kein emissionsfreier Flugtreibstoff. Entscheidend für die Klimabilanz sind unter anderem die Herkunft der Kunststoffe, der Energiebedarf der Verarbeitung und die anschließende Herstellung des SAF.
Dauerbetrieb wird zum entscheidenden Härtetest
Für Niutech geht es bei dem Auftrag deshalb um mehr als eine einzelne Anlage. Die Technik muss sich innerhalb einer großen Raffinerie im dauerhaften Betrieb bewähren. Stillstände kosten dort schnell Geld und verringern den Durchsatz.
„Groß angelegte Pyrolyseprojekte stellen hohe Anforderungen an einen kontinuierlichen Betrieb“, erklärte ein Marketingmanager von Niutech. Das Unternehmen verfüge über ausgereifte Anlagen und umfangreiche Erfahrung mit größeren Projekten.
Die neue Produktionslinie soll nun Kunststoffabfälle, Pyrolyseöl und die Herstellung von SAF innerhalb einer Raffinerie miteinander verbinden. Damit könnte Plastikmüll künftig tatsächlich am Anfang einer Produktionskette stehen, an deren Ende Kerosin für Flugzeuge entsteht.
Kurz zusammengefasst:
- Aus Plastikmüll lässt sich durch Pyrolyse zunächst Öl gewinnen, das anschließend zu nachhaltigem Flugtreibstoff weiterverarbeitet werden kann.
- Die geplante Niutech-Anlage soll jährlich bis zu 50.000 Tonnen Kunststoff verarbeiten und auch gemischte Abfälle nutzen können.
- Entscheidend ist, ob sich die Technik dauerhaft und wirtschaftlich in großen Raffinerien betreiben lässt und so zusätzliches SAF bereitstellt.
Übrigens: Plastikmüll ist nicht der einzige ungewöhnliche Rohstoff für künftigen Flugtreibstoff – Forscher haben auch Kokosöl erfolgreich in einem Turbojet getestet. Der Kraftstoff lief fast so effizient wie Kerosin, brauchte aber mehr Menge – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Niutech
