Hitzegerechtigkeit: Warum sich nicht jeder gleich vor extremen Temperaturen schützen kann

Hitzegerechtigkeit hängt auch von Einkommen, Wohnung und Arbeit ab – und davon, wer sich bei extremer Hitze wirksam schützen kann.

Mehr Grün kühlt Städte, kann aber Mieten treiben und ärmere Bewohner verdrängen. Forscher fordern deshalb einen gerechteren Hitzeschutz.

Mehr Grün schützt Städte vor Hitze, kann aber unbeabsichtigte soziale Folgen haben: In aufgewerteten Vierteln können Mieten steigen und einkommensschwächere Bewohner verdrängt werden. © Unsplash

30 Grad sind für alle 30 Grad – könnte man meinen. Doch Hitze trifft Menschen sehr unterschiedlich. Wer im klimatisierten Büro sitzt, eine gut gedämmte Wohnung hat oder seine Arbeitszeit verschieben kann, kommt leichter durch heiße Tage. Wer auf dem Bau arbeitet, im Dachgeschoss wohnt oder kaum Geld für Kühlung hat, besitzt diese Möglichkeiten oft nicht. Hitzegerechtigkeit beginnt deshalb bei einer einfachen Frage: Wer kann sich tatsächlich vor extremer Hitze schützen – und wer nicht?

Wissenschaftler der ETH Zürich, des Wasserforschungsinstituts Eawag und internationaler Partnerinstitutionen haben diese Ungleichheit unter dem Begriff „Thermal Justice“ zusammengefasst. Im Fachjournal Nature Climate Change beschreiben sie Hitze damit nicht allein als meteorologisches oder gesundheitliches Problem.

Hitzegerechtigkeit entscheidet über Schutz im Alltag

„Es zählt nicht nur, ob eine Maßnahme die Temperatur senkt, sondern auch, ob Menschen während einer Hitzewelle tatsächlich schlafen, arbeiten, sich bewegen, sich um andere kümmern und gesund bleiben können“, sagt Hauptautor Lucas Gobatti. Selbst eine Maßnahme, die einen Ort kühlt, kann dabei neue Belastungen schaffen – etwa für andere Bewohner, andere Stadtteile oder kommende Generationen.

Um solche Unterschiede sichtbar zu machen, unterscheiden die Wissenschaftler fünf Bereiche:

  • Gerechte Verteilung von Hitzebelastungen und Möglichkeiten zur Abkühlung
  • Anerkennung struktureller Benachteiligungen
  • Beteiligung der Betroffenen an Entscheidungen über Hitzeschutz und Stadtplanung
  • Sichere Lebens- und Arbeitsbedingungen trotz Hitze
  • Schutz von Ökosystemen und künftigen Generationen

Wie ungleich die Möglichkeiten im Alltag verteilt sind, zeigt sich schon bei einfachen Empfehlungen. Wer flexible Arbeitszeiten hat, kann körperlich belastende Tätigkeiten auf kühlere Stunden verlegen. Beschäftigte im Freien oder in überhitzten Hallen haben diese Freiheit häufig nicht. Auch eine kühle Wohnung ist keine Selbstverständlichkeit. Besonders ältere oder allein lebende Menschen können während länger anhaltender Hitze zusätzliche Unterstützung benötigen.

Klimaanlagen verlagern Hitze nach draußen

Auch technische Lösungen haben Nebenwirkungen. Eine Klimaanlage senkt die Temperatur im Innenraum, gibt ihre Abwärme jedoch nach draußen ab. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch. Zudem können sich Haushalte mit wenig Geld Anschaffung und Betrieb einer solchen Anlage oft schlechter leisten.

Damit entsteht ein grundsätzliches Problem: Eine Maßnahme kann einen Menschen schützen und zugleich die Belastung an anderer Stelle erhöhen. Die Wissenschaftler sprechen deshalb von einer Verlagerung der Hitzelasten. Betroffen sein können andere Bewohner, andere Stadtteile, Ökosysteme oder spätere Generationen.

Ähnliche Konflikte entstehen bei Kühlsystemen, die viel Wasser benötigen oder von anfälligen Stromnetzen abhängig sind. Eine kurzfristige Entlastung kann dadurch neue Abhängigkeiten schaffen. Städte sollen deshalb prüfen, wer von einer Maßnahme profitiert und wer deren Folgen trägt.

Mehr Stadtgrün kann Bewohner verdrängen

Selbst Bäume, Parks und andere Grünflächen lösen nicht jedes Problem automatisch. Sie spenden Schatten und können aufgeheizte Viertel angenehmer machen. Zugleich steigt mit einem attraktiveren Wohnumfeld häufig der Wert von Immobilien. Höhere Mieten können einkommensschwächere Bewohner verdrängen.

Im ungünstigsten Fall ziehen gerade jene Menschen aus einem begrünten Quartier weg, die besonders von der Abkühlung profitieren würden. Sie landen dann womöglich in günstigeren, heißeren und weniger grünen Stadtteilen. Hitzeschutz und soziale Stadtplanung lassen sich deshalb kaum voneinander trennen.

Während akuter Hitzewellen empfehlen die Wissenschaftler öffentlich zugängliche und barrierefreie Räume zum Abkühlen. Hinzu kommen Schutzkonzepte für Beschäftigte, schattige Wege zu wichtigen Einrichtungen und bezahlbare Möglichkeiten zur Kühlung von Innenräumen.

Städte müssen Hitze langfristig anders planen

Zwischen den Hitzewellen beginnt die langfristige Arbeit. Schlecht isolierte Gebäude können saniert, Parks und Gewässer ausgebaut und Bäume an die verfügbaren Wasserressourcen angepasst werden. Gleichzeitig sollen Städte verhindern, dass ökologische Aufwertungen die bisherigen Bewohner aus ihren Vierteln verdrängen.

Erfolg ließe sich dann nicht allein an der Zahl neuer Bäume, Hitzewarnungen oder Kühlräume messen. Entscheidend wäre, ob Menschen und Ökosysteme mit hohen Temperaturen zurechtkommen, ohne dass die Risiken lediglich an einen anderen Ort verschoben werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Hitzegerechtigkeit bedeutet, dass alle Menschen möglichst ähnliche Chancen haben sollen, sich vor extremer Hitze zu schützen – unabhängig von Einkommen, Wohnsituation oder Beruf.
  • Klimaanlagen, Parks und andere Kühlmaßnahmen können zwar helfen, zugleich aber neue Belastungen schaffen oder Hitzerisiken auf andere Menschen und Stadtteile verlagern.
  • Gerechter Hitzeschutz verbindet deshalb akute Hilfe mit langfristiger Stadtplanung, bezahlbarer Kühlung, besseren Gebäuden und Schutz vor Verdrängung.

Übrigens: Hitzegerechtigkeit entscheidet sich auch daran, wie sicher Menschen durch aufgeheizte Städte kommen – ein neues Schatten-Navi berechnet dafür in 80 deutschen Städten kühlere Fußwege. Welche Strecken mehr Schatten bieten und wie die Daten auch Kommunen beim Hitzeschutz helfen können, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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