Europas Fische fliehen in tiefere Gewässer – doch dort wartet das nächste Problem
Eine Analyse von 92.961 Proben zeigt: 60 Prozent der europäischen Fischbestände wandern tiefer – mit Folgen für Nahrung und Schutz.
Der Kabeljau gehört zu den Arten, die Europas Meere besonders stark verändern: Viele Bestände werden kleiner, während sich ihre Lebensräume zunehmend in tiefere Wasserschichten verlagern. © Hans-Petter Fjeld via Wikimedia unter CC BY-SA 2.5
Wenn sich das Meer erwärmt, müssten Fische eigentlich nach Norden ausweichen. Doch Europas Fische wählen häufiger einen anderen Fluchtweg: Sie ziehen in tiefere Gewässer. Dort ist es kühler, aber Nahrung und Sauerstoff sind nicht überall ausreichend vorhanden.
Die Größenordnung ist enorm: 92.961 Grundschleppnetz-Proben aus vier Jahrzehnten bilden die Bewegungen von 607 Fischarten ab. Wie Inside Climate News berichtet, verlagerten 60 Prozent der untersuchten Bestände ihren Lebensraum nach unten. Pro Jahrzehnt sank ihre mittlere Aufenthaltstiefe um knapp 18 Meter.
Warum Fische immer tiefere Gewässer aufsuchen
Bei den Bewegungen nach Norden oder Süden entstand dagegen kein klarer Trend. 49 Prozent der Populationen wanderten polwärts, 51 Prozent in Richtung Äquator. Die im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Ergebnisse widersprechen damit der verbreiteten Vorstellung, Meerestiere würden bei Erwärmung vor allem in Richtung der Pole ausweichen.
Mehr als 60 Prozent der untersuchten Bestände vergrößerten zugleich ihr bisheriges Verbreitungsgebiet. Im Mittelmeer breiteten sich einige Arten sogar nach Süden aus. Dort fanden sie Meeresregionen mit größerer Wassertiefe und damit kühlere Rückzugsorte. Entscheidend war also nicht allein der Breitengrad, sondern auch die Beschaffenheit des Meeresbodens.
Der Meeresboden lenkt die Flucht nach unten
Die meisten Fische können ihre Körpertemperatur nicht selbst regeln. Sie sind auf Wasser angewiesen, dessen Temperatur zu ihrem Stoffwechsel passt. Tiefere Zonen bieten deshalb oft günstigere Bedingungen. Doch Temperatur ist nur ein Teil der Rechnung.
Auch der Sauerstoffgehalt, der Salzgehalt und die verfügbare Nahrung beeinflussen die Wanderung. Die Konzentration von Chlorophyll-a liefert Hinweise auf die Menge des Phytoplanktons und damit auf die Basis vieler mariner Nahrungsketten. Die Forscher beschreiben Europas Meere als ein kleinteiliges Mosaik sehr unterschiedlicher Lebensbedingungen. Für jede Art fällt die Suche nach einem geeigneten Rückzugsraum daher anders aus.
Große Raubfische tauchen besonders schnell ab
Vor allem langsam wachsende und langlebige Raubfische verlagerten ihren Lebensraum in größere Tiefen. Sie stehen weit oben in der Nahrungskette und können meist größere Strecken zurücklegen. Kleinere und schnell wachsende Arten reagierten weniger ausgeprägt.
Doch der Weg nach unten löst nicht jedes Problem. Beutetiere müssen denselben Kurs einschlagen, sonst verlieren Räuber ihre Nahrungsgrundlage. „Man kann tiefer gehen, aber wenn die Beute nicht folgt, was bleibt den Fischen dann zu fressen?“, sagt Mitautor Camille Pierre Albouy von der ETH Zürich.
In der Tiefe könnte das Futter fehlen
Neben der Erwärmung verändert die Fischerei die Verteilung der Bestände. Rund 40 Prozent der Populationen bewegten sich entgegen dem Haupttrend wieder in flachere Bereiche. Albouy vermutet, dass einige Arten frühere Lebensräume zurückerobern, weil der Fischereidruck in manchen europäischen Küstenzonen gesunken ist.
Bei vielen Arten nahm zwar die Zahl der Tiere zu. Das bedeutet jedoch nicht automatisch mehr Fischmasse. Die Meeresökologin Asta Audzijonyte verweist auf den Größenverlust zahlreicher Bestände. In der Ostsee erreichte ein großer Kabeljau früher Längen von mehr als 90 Zentimetern. Heute bleiben viele Tiere kaum größer als ein Essteller.
Fischerei lässt viele Bestände schrumpfen
Die industrielle Fischerei entnimmt häufig die größten und am schnellsten wachsenden Exemplare. Dadurch pflanzen sich häufiger kleinere und langsamer wachsende Tiere fort. „Wir züchten praktisch Zwerge, weil wir alle schnell wachsenden Fische herausnehmen und nur die langsam wachsenden zur Fortpflanzung übrig lassen“, erklärt Audzijonyte laut Inside Climate News.
Schutzmodelle bilden solche Veränderungen bislang oft nur auf einer flachen Karte ab. Die Wassertiefe fehlt in vielen Berechnungen. Studienleiter Arnaud Auber vom französischen Meeresforschungsinstitut Ifremer fordert deshalb, die Beschaffenheit des Meeresbodens stärker einzubeziehen. Künftige Fangquoten und Schutzgebiete müssten berücksichtigen, wohin sich Arten langfristig verlagern.
Schutzgebiete müssen auch die Tiefe erfassen
Weniger als ein Prozent der europäischen Meeresflächen steht laut Audzijonyte unter vollständigem oder strengem Schutz. Für wandernde Fischbestände reicht es daher kaum, einzelne Flächen an der Oberfläche auszuweisen. Schutzräume müssten verschiedene Tiefenzonen, Laichplätze und Nahrungsgebiete miteinander verbinden.
Tieferes Wasser und kleinere Körper können Fischen vorübergehend helfen, wärmeren Meeren und Fangnetzen auszuweichen. Beide Anpassungen stoßen jedoch an Grenzen. Audzijonyte hält eine Erholung dennoch für möglich: „Wenn wir unser Fischereimanagement in Ordnung bringen und die Bestände in Ruhe lassen, könnten sie sich innerhalb von fünf Jahren erholen.“
Kurz zusammengefasst:
- 60 Prozent der untersuchten Fischbestände verlagerten sich in tiefere Gewässer – im Schnitt um knapp 18 Meter pro Jahrzehnt.
- Nach Norden wanderten die Arten nicht geschlossen: 49 Prozent zogen polwärts, 51 Prozent in Richtung Äquator.
- Kühlere Tiefen bieten vorübergehend Schutz, doch Sauerstoff, Nahrung und geeigneter Lebensraum können dort knapp werden.
Übrigens: Nicht nur Meere geraten durch steigende Temperaturen unter Druck – weltweit verlieren fast 80 Prozent der untersuchten Flüsse Sauerstoff. Hitzewellen, Erwärmung und Staudämme verschärfen den Rückgang. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Hans-Petter Fjeld via Wikimedia unter CC BY-SA 2.5
