Schäden durch invasive Arten: Warum sie den Globalen Süden viel härter treffen
Invasive Arten richten im Globalen Süden oft schwerere Schäden an als im Norden. Handel und schwache Behörden verschärfen dort die Folgen.
Der Europäische Hase, hierzulande heimisch und harmlos. Doch in Südamerika, wo er eingeschleppt wurde, stellt er als invasive Art eine Bedrohung für einheimische Hasenartige dar. Er konkurriert mit ihnen um Nahrung und schädigt durch den Verbiss von jungen Bäumen die lokale Vegetation. © Pexels
Eine eingeschleppte Pflanze verdrängt heimische Arten, ein fremdes Raubtier plündert Brutkolonien, ein Pilz lässt ganze Bestände lokaler Arten verschwinden. Breitet sich eine invasive Art aus, können heimische Tiere und Pflanzen zurückgedrängt werden oder sogar vollständig verschwinden. Sie haben Folgen, die weit über einzelne Lebensräume hinausreichen. Invasive Arten bedrohen die Vielfalt, schwächen Ökosysteme und können Landwirtschaft sowie Fischerei belasten.
Besonders schwer fallen diese Schäden in Ländern aus, die bislang vergleichsweise wenig in den weltweiten Statistiken auftauchten. Invasive Arten waren an 60 Prozent der weltweit dokumentierten Fälle aussterbender Arten beteiligt. Allein 2019 verursachten sie Kosten von mehr als 400 Milliarden US-Dollar.
Eine Analyse im Fachjournal Science verändert das bisherige Bild. Forscher der Universitäten Freiburg und Gießen sowie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften werteten mehr als 22.000 dokumentierte Auswirkungen aus 172 Ländern aus. Die Daten umfassen über 3300 invasive Pflanzen, Wirbeltiere, Wirbellose und Mikroorganismen. Auffällig ist, dass im Globalen Norden zwar mehr gemeldete Fälle auftraten, im Globalen Süden endeten biologische Invasionen jedoch deutlich häufiger mit schweren ökologischen Schäden.
Wo weniger geforscht wurde, schienen die Auswirkungen geringer
Die bisherige Wahrnehmung entstand vor allem durch eine systematische Verzerrung in der Forschung, einem sogenannten „Research Bias“. Europa, Nordamerika und Australien verfügen über dichte Forschungsnetze, umfangreiche Artenlisten und viele Langzeitbeobachtungen. Dort werden fremde Arten deshalb eher und häufiger entdeckt und ihre Auswirkungen wissenschaftlich erforscht. Eine hohe Zahl an Berichten sagt dennoch wenig darüber aus, wie hart ein Ökosystem tatsächlich getroffen wird.
Das internationale Forschungsteam um Prof. tit. Dr. Sven Bacher (Universität Freiburg, Schweiz), Prof. Dr. Petr Pyšek (Tschechische Akademie der Wissenschaften) und Prof. Seebens (Universität Gießen) betrachtete deshalb nicht allein die Anzahl invasiver Arten in einem Land, es berechnete den Anteil schwerer schädlicher Auswirkungen in der Gesamtheit der Meldungen.
Als schwer gelten Bestandsrückgänge, das lokale Verschwinden heimischer Populationen oder weltweites Aussterben. Mit dieser Kennzahl verschoben sich die Schwerpunkte der Schäden durch invasive Arten auf der Weltkarte deutlich. Besonders hohe Werte fanden sich in Südamerika, Afrika und Asien, außerdem in Mittelamerika, der Karibik und auf mehreren ozeanischen Inseln.
Eine neue Messung korrigiert das globale Bild
Besonders aussagekräftig war ein direkter Vergleich derselben Arten. Für 164 invasive Arten lagen mindestens vier Schadensmeldungen aus beiden Weltregionen vor. Im Globalen Süden fiel ihre durchschnittliche Schadensschwere um 50 Prozent höher aus. Die Unterschiede hängen damit nicht allein davon ab, welche Arten eingeschleppt wurden. Auch die Bedingungen vor Ort beeinflussen, ob Schäden durch eine Invasion begrenzt bleiben oder heimische Bestände zusammenbrechen.
Auffällig betroffen waren große Schwellenländer wie Brasilien, Indien, Südafrika, Argentinien, China, Chile und Mexiko. Dort gab es eine hohe Zahl dokumentierter Schäden mit überdurchschnittlich schweren Folgen. Wachsende Wirtschaft und intensiver Handel öffnen in Schwellenländern zusätzliche Wege für Samen, Insekten, Krankheitserreger oder Wirbeltiere. Gleichzeitig fehlen vielerorts aber Geld, Personal und verlässliche Behördenstrukturen für frühe Kontrollen.
„Das steigende wirtschaftliche Potenzial der Schwellenländer wirkt wie ein Beschleuniger für die Einführung invasiver Arten, während die institutionelle Fähigkeit, darauf zu reagieren, hinterherhinkt“, sagt Sven Bacher von der Universität Freiburg.
Gute Verwaltung kann die Folgen invasiver Arten begrenzen
Auch in wohlhabenden Ländern gelangen viele fremde Arten in neue Lebensräume. Häfen, Flughäfen, Warenströme und Tourismus schaffen ständig neue Einfallstore. Doch dort können handlungsfähige Behörden durch bessere Kontrollen und klare Zuständigkeiten Schäden früher bremsen. In der statistischen Auswertung ging eine schwächere Regierungsführung mit einer höheren durchschnittlichen Schadensschwere einher. Dieser Zusammenhang betrifft Pflanzen, Wirbeltiere und Wirbellose in Meeren, Binnengewässern und an Land.
Weitere Faktoren spielen eine Rolle für die Folgen invasiver Besiedelung. In kleineren Staaten fällt die Schadensschwere tendenziell höher aus. Wenig veränderte Lebensräume und eine große Bevölkerung gehen ebenfalls mit stärkeren Auswirkungen einher.
Für manche Länder blieb die Datenbasis allerdings dünn. Regionen mit weniger als fünf Schadensmeldungen erlaubten keine belastbare Bewertung. Zudem fehlten weltweit einheitliche Daten darüber, welche Gesetze und Gegenmaßnahmen langfristig wirken.
Wirksamstes Mittel bleibt die Prävention
„Prävention ist der effizienteste Weg, die Folgen von invasiven Arten zu verhindern“, sagt Bacher. Dafür brauche jedes Land belastbare Strukturen und eine enge internationale Zusammenarbeit. Hanno Seebens von der Universität Gießen warnt vor irreversiblen Schäden in Regionen mit besonders hoher Artenvielfalt. Dort fehlen bislang oft die Mittel, um neue Eindringlinge früh zu entdecken und rasch zu stoppen.
Kontrollen an Häfen, stenge Regeln für Handel und Transport sowie schnelle Meldesysteme können eine invasive Art aufhalten, bevor sie sich ausbreitet. Nach einer Etablierung steigen Aufwand und Kosten für eine Eindämmung, manchmal ohne Erfolg: In Meeresgebieten scheitern spätere Bekämpfungsversuche besonders häufig. Besonders dort zählt also frühes Handeln.
Kurz zusammengefasst:
- Invasive Arten richten im Globalen Süden im Durchschnitt schwerere ökologische Schäden an als im Globalen Norden, obwohl dort deutlich weniger Fälle dokumentiert sind.
- Besonders gefährdet sind Schwellenländer, weil intensiver Handel neue Arten einschleppt, während Behörden, Kontrollen und Management oft nicht Schritt halten.
- Am wirksamsten sind frühe Prävention, internationale Zusammenarbeit und stabile staatliche Strukturen, bevor invasive Arten heimische Populationen stark verkleinern oder lokal auslöschen.
Übrigens: Invasive Arten bedrohen nicht nur Ökosysteme im Globalen Süden, sondern bringen auch in Europa Allergene, Parasiten und Krankheitserreger mit. Tigermücke, Ragweed und Waschbär zeigen, welche Risiken durch sie entstehen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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