Archäologen finden Kindergrab in antiker Latrine – der Fund erzählt eine bewegende Geschichte
In Ephesos fanden Archäologen zwei frühgeborene Kinder in einer stillgelegten Latrine – sorgfältig bestattet statt entsorgt.
In einem stillgelegten Latrinenkanal von Ephesos fanden Archäologen das sorgfältig angelegte Grab zweier Neugeborener – vermutlich Zwillinge. © OeAW-OeAI/L. Zabrana
Zwischen alten Ziegeln und Steinen lagen zwei winzige Körper nebeneinander. Ihre Köpfe zeigten nach Westen, ihre Beine nach Osten. Archäologen haben ein Kindergrab in einer antiken Latrine entdeckt. Es stammt aus dem 8. oder 9. Jahrhundert. Vermutlich ruhten dort zwei Frühgeborene, die kurz vor, während oder nach der Geburt starben.
Gefunden wurde die Grabstätte bereits 2010 im antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersuchten sie später erneut. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Childhood in the Past. Der Fundort liegt im ehemaligen heiligen Bezirk des Artemistempels.
Kindergrab in antiker Latrine wurde sorgfältig angelegt
Die kleine Grabkammer befand sich in einem stillgelegten Abwasserkanal des römischen Odeions. Dieses Gebäude entstand im 1. Jahrhundert nach Christus. Dort fanden einst Musik-, Theater- und Dichteraufführungen statt. Im 2. oder 3. Jahrhundert richteten die Bewohner in einem Nebenraum eine öffentliche Toilette mit etwa 30 Sitzen ein.
Als die Kinder dort bestattet wurden, war die Latrine längst außer Betrieb. Auch das Odeion nutzte damals niemand mehr für Veranstaltungen. Dennoch war der Kanal noch zugänglich. Angehörige bauten aus Ziegeln, Steinplatten und Bruchstücken eine feste Grabkammer. Sie legten die beiden Kinder nebeneinander hinein und verschlossen die Konstruktion sorgfältig.
Angehörige behandelten die Toten ungewöhnlich behutsam
Die Lage in einer früheren Toilette könnte zunächst an eine achtlose Beseitigung denken lassen. Dafür fanden die Forscher jedoch keine Hinweise. Caroline Partiot, Anthropologin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, verweist auf den aufwendigen Aufbau und die übliche christliche Ausrichtung des Grabes.
„Im Odeion ist jedoch bemerkenswert, dass an einem Ort, der sonst Ausgrenzung symbolisieren könnte, ein Grab mit allen Merkmalen einer regulären Erwachsenenbestattung angelegt wurde“, sagt Partiot. „Das spricht für eine besondere Fürsorge der Angehörigen und dafür, dass der Tod der Kinder die Gemeinschaft berührt hatte.“
Beide Körper lagen mit den Köpfen nach Westen. Diese Ausrichtung war bei frühchristlichen Bestattungen verbreitet. Grabbeigaben fehlten, doch auch das entsprach den damaligen Gepflogenheiten. Knochenbewegungen im Inneren deuten zudem auf eine textile Hülle hin. Möglicherweise wickelten die Angehörigen jedes Kind in ein Leichentuch.
Eine eiserne Nadel könnte ein Tuch gehalten haben
In der Nähe der Köpfe entdeckte das Grabungsteam einen kleinen Gegenstand aus Eisen. Er könnte als Nadel gedient und die Stoffhülle zusammengehalten haben. Sicher belegen lässt sich diese Funktion nicht. Wasser drang später in die Grabkammer ein und verschob mehrere Knochen. Die Körper blieben dennoch über Jahrhunderte weitgehend ungestört.
Die beiden Kinder waren etwa 43 und 44 Zentimeter groß. Daraus ergibt sich ein Alter von ungefähr 33 bis 34 Schwangerschaftswochen. Sie kamen demnach mehrere Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt oder starben noch im Mutterleib. Ob sie nach der Geburt kurz lebten, ließ sich nicht feststellen.

Fast gleiche Körpergrößen sprechen für Zwillinge
Die ähnlichen Maße und die gemeinsame Bestattung lassen eine Zwillingsgeburt möglich erscheinen. Ein Beweis fehlt allerdings. Dafür wäre eine genetische Untersuchung notwendig. Die Experten konnten eine solche Analyse bislang nicht durchführen. Deshalb sprechen sie ausdrücklich nur von möglichen Zwillingen.
Bei einem der Kinder fand Partiot außerdem eine zusätzliche Halsrippe. Solche wenige Millimeter großen Knochen treten nur selten auf. Bei Erwachsenen bleiben sie meist ohne Folgen. Bei ungeborenen Kindern können sie mit Entwicklungsstörungen, Fehlbildungen oder einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten zusammenhängen.
Für ein perinatal verstorbenes Kind ist der Befund besonders selten. Weltweit handelt es sich laut ÖAW erst um den zweiten veröffentlichten archäologischen Nachweis dieser Art. Andere sichtbare Verletzungen oder krankhafte Veränderungen fanden sich an den Knochen nicht. Die Todesursache blieb daher offen.
Der alte Tempelbezirk bot dem Grab Schutz
Der Fund unterscheidet sich deutlich von bekannten Ansammlungen toter Säuglinge in antiken Abwasseranlagen. In Aschkelon im heutigen Israel lagen die Überreste von fast 100 Kindern ungeordnet in einem Kanal. Auch im Athener Agora-Brunnen fanden Archäologen Hunderte Säuglingsknochen. Solche Fundorte gelten teilweise als Hinweise auf Kindstötungen oder die Beseitigung ungewollter Neugeborener.
In Ephesos sprechen die feste Grabkammer, die geordnete Lage und die christliche Ausrichtung dagegen. Der ehemalige Tempelbezirk könnte trotz seiner Aufgabe noch als geschützter Ort gegolten haben. Die Mauern des Kanals bewahrten das Grab zusätzlich vor Zerstörung. Erst Überschwemmungen bedeckten das Gelände im 13. oder 14. Jahrhundert mit sechs bis acht Metern Flusssediment.
Ungetaufte Kinder durften in manchen christlichen Gemeinschaften möglicherweise nicht auf regulären Friedhöfen liegen. Ob dieser Umstand die Wahl des Ortes beeinflusste, bleibt unklar. Schriftliche Quellen aus dem frühmittelalterlichen Ephesos liefern dazu keine eindeutigen Angaben.
Die Angehörigen fanden offenbar eine eigene Lösung. Sie bestatteten die Kinder außerhalb eines bekannten Friedhofs, behandelten sie aber nach vertrauten Regeln. Die beiden kleinen Körper lagen gemeinsam, geschützt von Stein, Ziegeln und den Mauern eines längst aufgegebenen Kanals.
Kurz zusammengefasst:
- In Ephesos fanden Archäologen zwei perinatal verstorbene Kinder in einer stillgelegten antiken Latrine.
- Die sorgfältige Grabkammer, die Lage der Körper und die christliche Ausrichtung sprechen gegen eine bloße Entsorgung.
- Die fast gleich großen Frühgeborenen könnten Zwillinge gewesen sein, doch ohne DNA-Analyse bleibt das unbewiesen.
Übrigens: Latrinen beschäftigen Wissenschaftler nicht nur in der Archäologie – auch heute fehlen die Emissionen von Kläranlagen oft in den offiziellen Klimabilanzen. Weltweit könnten dadurch jährlich bis zu 150 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente übersehen werden. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © OeAW-OeAI/L. Zabrana
