Kleine Füße sollten barfuß laufen – Orthopäden erklären, warum das gerade für Kinder so gesund ist
Wenn Kinder barfuß laufen, stärken sie ihre Fußmuskulatur und unterstützen die natürliche Entwicklung des Fußgewölbes.
Barfuß durch flaches Wasser und über kleine Steine: Solche wechselnden Reize fordern und fördern Kinderfüße. © Pexels
Es ist Sommer und viele Eltern kennen die Frage, sobald man am Spielplatz oder im Park angekommen ist: „Darf ich die Schuhe ausziehen?“ Für Kinder bedeutet barfuß zu laufen nicht nur Freiheit. Wenn Kinder mit nackten Sohlen über Gras, Sand oder Waldboden laufen, bekommen ihre Füße deutlich mehr zu tun als in festen Schuhen.
Unebene Flächen reizen die Nerven, kleine Muskeln arbeiten stärker und der Fuß muss sich ständig an den Untergrund anpassen. Das alles unterstützt die natürliche Entwicklung der Füße und fördert Beweglichkeit sowie Stabilität. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hin.
Wenn Kinder barfuß laufen, trainieren ihre Füße ganz natürlich
Das Fußgewölbe eines Kindes ist anfangs nicht vollständig ausgeprägt. „Fast alle Kleinkinder starten mit eher flachen Füßen, das ist völlig normal“, sagt Dr. Jörn Dohle, stellvertretender Präsident der DGOU. Muskeln, Sehnen und Bänder befinden sich noch in der Entwicklung. „Erst durch Bewegung und unterschiedliche Reize bildet sich das Fußgewölbe nach und nach aus. Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen aktiviert die Muskulatur und unterstützt diese Entwicklung“, erklärt der Orthopäde.
Viele Eltern werden dennoch unruhig, sobald die Füße ihres Kindes sichtbar nach innen knicken oder ungewöhnlich flach aussehen. Oft sind die ersten Schuhe an der Innenseite der Sohle stärker abgelaufen als außen. Sehr oft steckt dahinter ein typisch kindlicher Knick-Senkfuß. Dabei kippt die Ferse leicht nach innen. Gleichzeitig erscheint das Längsgewölbe abgeflacht. Nach Angaben der DGOU gehört diese Fußform bei kleinen Kindern in den meisten Fällen zur normalen körperlichen Entwicklung.
Keine Einlagen für flache Kinderfüße
Beschwerden verursacht der flexible Knick-Senkfuß nur selten. Laut der S2k-Leitlinie „Kindlicher Knick-Senkfuß“ treten Schmerzen bei weniger als zwei Prozent der betroffenen Kinder auf. Deshalb benötigen die meisten Kinder weder Einlagen noch eine besondere Behandlung. Anders sieht es bei Schmerzen, einem steifen Fuß oder einem auffälligen Gangbild aus. Auch Kinder, die wegen ihrer Füße nur ungern laufen, sollten ärztlich untersucht werden.
Bestimmte Faktoren können die Entwicklung der Füße ungünstig beeinflussen. „Übergewicht kann die Entwicklung eines Knick-Senkfußes begünstigen, der sich nicht von selbst reguliert“, sagt Prof. Dr. Anna K. Hell, Koordinatorin der Leitlinie. Auch eine schwache Muskulatur oder bestimmte Grunderkrankungen kommen infrage. Eine seltene starre Form des Knick-Senkfußes kann zudem auf strukturelle oder neurologische Ursachen hindeuten.
Das Fußgewölbe braucht viel Zeit
Bis das Fußgewölbe vollständig ausgebildet ist, vergeht viel Zeit. Später verteilt das Gewölbe das Körpergewicht auf dem Fuß und federt Belastungen beim Gehen und Laufen ab. Zudem trägt es zur Stabilität und zum Gleichgewicht bei. „Erst im Laufe der Kindheit und im Jugendalter bildet sich das Fußgewölbe vollständig aus“, erklärt Prof. Dr. Stefan Rammelt von der Deutschen Assoziation für Fuß und Sprunggelenk.
Der Sommer bietet Kindern viele Möglichkeiten, Schuhe zeitweise wegzulassen und die Entwicklung ihrer Füße aktiv zu unterstützen. Dabei sollte der Untergrund aber stets sicher sein. Scherben, scharfkantige Gegenstände und stark erhitzter Asphalt können Verletzungen verursachen. Auf geeigneten Flächen spricht dagegen viel für nackte Füße.
Barfußlaufen fördert ein gutes Gespür
Für gesunde Kinderfüße empfiehlt die DGOU möglichst viel Bewegung im Alltag. Laufen, Springen und Klettern trainieren den gesamten Bewegungsapparat. Barfußlaufen ergänzt diese Aktivität. Wiese, Sand, Kies oder Waldboden stellen jeweils andere Anforderungen an den Fuß.
Die Sohlen nehmen Unebenheiten und Reize unmittelbar wahr. Gleichzeitig passen Muskeln und Gelenke ihre Arbeit laufend an den Untergrund an. Auch die Fußmuskulatur erhält mehr Bewegungsfreiheit. Schuhe können diese Beweglichkeit je nach Bauart begrenzen. Für Kinder empfiehlt die DGOU deshalb weiche und flexible Schuhe mit ausreichend Platz, wenn Schuhe nötig sind.
Nicht nur Kindern tun nackte Sohlen gut
Nicht nur für Kinderfüße, auch erwachsenen Sohlen tut das Barfußlaufen gut. Es kräftigt die Fußmuskulatur und verändert die Art, wie der Fuß auf dem Boden aufsetzt. Ohne feste Schuhsohle nimmt er Unebenheiten direkt wahr und reagiert oft mit kürzeren, vorsichtigeren Schritten. Unterschiedliche Untergründe fördern die Wahrnehmung über die Fußsohlen und machen die Füße mit der Zeit weniger empfindlich.
Das rät auch die Bundesinitiative „In Form“ der Bundesministerien für Gesundheit und für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. „Kältereiz ist Lebensreiz“ wird der Naturheilkundler Sebastian Kneipp zitiert, das Wassertreten im kalten Becken nach Kneipp kennen viele. Ein kalter Untergrund bedeutet nicht, dass man sich gleich erkältet. Im Gegenteil: Das Wechseln von kälteren und wärmeren Umgebungen stärkt bei kontinuierlicher Bewegung das Immunsystem, denn die körpereigene Temperaturregulierung wird dadurch gefördert.
Regelmäßiges Barfußlaufen kann zudem die Beweglichkeit der Füße unterstützen und die Haltung verbessern. Fehlstellungen in der Hüfte, den Knien oder Rückenbeschwerden haben ihren Ursprung oft in schlechter oder unregelmäßig ausgebildeter Fußmuskulatur, wird auf der Webseite von „In Form“ erläutert. Es komme zu Ausweichbewegungen, die zu Dysbalancen führen können – wie bei einem Haus, dessen Fundament einseitig absackt. Barfußlaufen hilft also dabei, das Fundament unseres Körpers zu stärken. Wer bisher meist Schuhe trägt, sollte jedoch langsam beginnen: Muskeln und Sehnen müssen sich erst an die ungewohnte Belastung gewöhnen.
Kurz zusammengefasst:
- Barfußlaufen unterstützt die natürliche Entwicklung von Kinderfüßen: Unterschiedliche Untergründe trainieren Muskeln, Sehnen und Wahrnehmung und helfen dem Fußgewölbe, sich nach und nach auszubilden.
- Flache Füße sind bei kleinen Kindern meist normal: Der flexible Knick-Senkfuß verursacht laut S2k-Leitlinie nur selten Beschwerden; Einlagen oder Behandlungen sind in den meisten Fällen nicht nötig.
- Auch Erwachsene können vom Barfußlaufen profitieren: Es kräftigt die Fußmuskulatur, fördert die Beweglichkeit und kann einen stabileren Bewegungsablauf unterstützen – Anfänger sollten die Belastung jedoch langsam steigern.
Übrigens: Während barfuß laufende Füße ihre Muskeln trainieren, beginnt für die Socken zu Hause ein ganz anderes Abenteuer – manche verschwinden tatsächlich im Inneren älterer Waschmaschinen. Wie sie dorthin gelangen und was dagegen hilft? Mehr dazu in unserem Artikel.
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