Neuer Mundkrebs-Test mit Bürste erkennt Krebs in einer Stunde
Ein Bürstentest soll Mundkrebs in unter 60 Minuten erkennen und vielen Patienten schmerzhafte Gewebeproben ersparen.
Ein neuer Bürstentest soll verdächtige Stellen im Mund schneller abklären – ohne klassische Gewebeprobe und mit einem Ergebnis in unter einer Stunde. © Unsplash
Rund 12.880 Menschen erhalten in Deutschland pro Jahr die Diagnose Krebs der Mundhöhle oder des Rachens. Viele Tumoren fallen erst spät auf, weil kleine Wunden, weiße Flecken oder raue Stellen im Mund lange harmlos erschienen. Ein neuer Mundkrebs-Test soll verdächtige Schleimhautveränderungen künftig schneller einordnen. Dafür reicht eine kleine Bürste.
Entwickelt und geprüft wurde das Verfahren von einem Forschungsteam unter Leitung der Queen Mary University of London. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Biomarker Research. Der Test zielt vor allem auf das orale Plattenepithelkarzinom, die häufigste Form von Mundkrebs. Das Verfahren liefert laut Studie innerhalb von weniger als 60 Minuten ein Ergebnis.
Wie der Mundkrebs-Test per Bürste funktioniert
Bisher müssen Ärzte bei einem Krebsverdacht häufig Gewebe herausschneiden. Eine solche Biopsie kann im Mund besonders schmerzhaft sein. Auf der Zunge ist der Eingriff heikel, am Zahnfleisch liegen Zähne und Knochen dicht darunter. Dazu kommen mögliche Blutungen, Infektionen und die Sorge vieler Patienten vor wiederholten Eingriffen.
Der neue Test funktioniert anders. Ärzte streichen mit einer sterilen Bürste über die auffällige Stelle. In der Untersuchung wurde der Bürstenkopf zehnmal gedreht, um Schleimhautzellen zu gewinnen. Anschließend analysiert ein PCR-Verfahren die Probe. Gesucht wird ein molekulares Muster aus vier Genen: INHBA, S100A16, YAP1 und POLR2A.
Die Methode heißt qMIDSV3. Sie baut auf einem älteren Verfahren auf, das noch eine winzige Gewebeprobe brauchte. Die neue Version kommt ohne Schnitt aus. Die Probenentnahme dauerte in der Studie meist weniger als fünf Minuten. Die Laboranalyse benötigt laut den Forschern weniger als eine Stunde.
Wie zuverlässig der neue Mundkrebs-Test arbeitet
Für die Auswertung nutzte das Team 1090 Bürstenproben von 545 Patienten. Darunter waren 443 Fälle von oralem Plattenepithelkarzinom, 63 Fälle von oraler Leukoplakie und 39 Fälle von oralem Lichen planus. Leukoplakien können als weiße Schleimhautveränderungen auftreten. Lichen planus ist eine entzündliche Erkrankung der Schleimhaut.
Jede Person gab zwei Proben ab: eine von der auffälligen Stelle und eine von einer Vergleichsstelle im Mund. Der Test berechnet daraus einen sogenannten Malignitätsindex. Dieser Wert soll anzeigen, ob die Probe eher zu Krebs passt oder eher zu einer nicht bösartigen Veränderung.
Besonders gute Ergebnisse lieferte die Methode bei der Unterscheidung von Mundkrebs und bestimmten gutartigen oder entzündlichen Schleimhautveränderungen. In dieser Auswertung erreichte der Test eine Genauigkeit von 95,5 Prozent. Die Sensitivität lag bei 95,7 Prozent, die Spezifität bei 95,1 Prozent. Schwieriger war die Abgrenzung zu unauffälliger Schleimhaut aus dem Mund derselben Patienten. Dort lag die Genauigkeit bei etwa 84 Prozent.
Der neue Test könnte viele unnötige Biopsien verhindern
Trotzdem ist die hohe Trefferquote für die Praxis relevant. Denn viele auffällige Stellen im Mund sind gutartig, führen aber dennoch oft zu einer Gewebeprobe. Der neue Test könnte Patienten mit niedrigem Risiko früher erkennen und so mehr als 90 Prozent unnötiger Biopsien vermeiden.
Studienleiter Muy-Teck Teh, Professor für molekulare orale Onkologie an der Queen Mary University of London, sagt dazu: „Das Überleben bei Mundkrebs hängt direkt davon ab, wie früh er entdeckt wird. Doch unser aktueller Diagnoseweg ist grob: Die meisten Patienten mit einer verdächtigen Veränderung bekommen am Ende eine invasive Biopsie, obwohl die überwältigende Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie gutartig ist.“

Mundkrebs-Risiko lässt sich wiederholt und schonend prüfen
Der Bürstentest könnte vor allem bei regelmäßigen Kontrollen helfen. Manche Patienten haben dauerhaft auffällige Schleimhautstellen. Sie bleiben oft über längere Zeit harmlos, können sich aber in einzelnen Fällen zu Krebs entwickeln. Wiederholte Gewebeproben belasten diese Patienten körperlich und psychisch.
Teh beschreibt den Vorteil so: „Dieser Test verändert das. Er gibt Ärzten eine schnelle, genaue und nicht invasive Möglichkeit, Patienten zu sortieren. Und entscheidend ist: Er kann wiederholt werden.“ Dadurch könnten Risikopatienten engmaschiger überwacht werden, ohne dass jedes Mal Gewebe herausgeschnitten werden muss.
Noch ist qMIDSV3 kein Routinetest für Arztpraxen oder Kliniken. Die Untersuchung war eine diagnostische Fall-Kontroll-Studie. Die Patientengruppe stammte aus einer regionalen Population in Uttar Pradesh in Indien. Die Gruppen waren zudem unterschiedlich groß. Eine unabhängige gesunde Kontrollgruppe fehlte. Die Autoren verweisen jedoch auf frühere internationale Daten zum Vorgängertest aus Großbritannien, Indien und China.
Günstiger Test könnte schneller helfen
Für ärmere Regionen könnte das Verfahren interessant werden. Die Proben bleiben bei Raumtemperatur stabil. Eine Kühlkette ist also nicht nötig. Die Auswertung nutzt RT-qPCR-Technik, die seit der Corona-Pandemie in vielen Ländern verfügbar ist. Die Verbrauchsmaterialien kosten laut Studie weniger als zehn US-Dollar pro Probe.
Die Wissenschaftler suchen nun nach einem kommerziellen Partner, um den Test für die klinische Anwendung weiterzuentwickeln. Damit könnte das Verfahren laut Entwicklern innerhalb von zwei Jahren eingesetzt werden. Ein Selbsttest für gesunde Menschen ist qMIDSV3 damit nicht. Er soll Ärzte unterstützen, wenn im Mund bereits eine verdächtige Stelle auffällt.
Kurz zusammengefasst:
- Ein neuer Mundkrebs-Test nutzt eine kleine Bürste statt eines Skalpells: Ärzte streichen damit über eine verdächtige Stelle im Mund und untersuchen die Zellen anschließend auf molekulare Krebs-Signale.
- In der Studie erkannte der Test Mundkrebs innerhalb von weniger als 60 Minuten: Bei der Unterscheidung von Krebs und bestimmten gutartigen oder entzündlichen Schleimhautveränderungen lag die Genauigkeit bei 95,5 Prozent.
- Der Test ist noch kein Routinetest für alle Patienten: Er könnte aber künftig helfen, verdächtige Stellen schneller einzuordnen und vielen Menschen unnötige Gewebeproben zu ersparen.
Übrigens: Während der neue Bürstentest verdächtige Stellen im Mund ohne Skalpell abklären soll, arbeiten Forscher auch an anderer Stelle an schonenderen Zahnarztbesuchen. Ein Mini-Roboter könnte Zähne künftig so präzise für Kronen vorbereiten, dass Patienten Termine sparen – mehr dazu in unserem Artikel.
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