Wer mehrere Sprachen spricht, hat offenbar ein deutlich jüngeres Gehirn

Mehrsprachigkeit könnte mit einem messbar jüngeren Gehirn einhergehen. Bei vier Sprachen lag der Unterschied bei 13 Jahren.

Gruppe junger Menschen unterhält sich im Restaurant

Mehrere Sprachen zu sprechen, fordert das Gehirn täglich heraus – und könnte es länger jung halten. © Pexels

Ein englischer Begriff im Meeting, ein paar französische Sätze im Urlaub, zu Hause vielleicht Türkisch, Polnisch oder Arabisch: Viele Menschen springen im Alltag zwischen Sprachen hin und her. Meist passiert das automatisch. Für das Gehirn bedeutet es trotzdem Arbeit.

Neue Daten vom Forum 2026 der Federation of European Neuroscience Societies (FENS) verbinden Sprachen, Gehirn und Alterung auf auffällige Weise. In der Auswertung lag das geschätzte Hirnalter mehrsprachiger Menschen unter ihrem tatsächlichen Alter. Je mehr Sprachen die Teilnehmer beherrschten, desto größer fiel dieser Unterschied aus.

Sprachen lassen das Gehirn offenbar langsamer altern

Das Forschungsteam um Lucia Amoruso vom Basque Center on Cognition, Brain and Language in San Sebastián untersuchte Menschen aus dem Baskenland in Spanien. Dort sprechen viele Menschen Spanisch und Baskisch, teils auch Französisch oder Englisch. Die Teilnehmer beherrschten zwischen einer und vier Sprachen.

Zuerst erstellten die Wissenschaftler eine Art Uhr für das Gehirn. Dafür nutzten sie Daten von 728 Menschen. Gemessen wurde die Hirnaktivität mit Magnetoenzephalografie. Dieses Verfahren erfasst feine Magnetfelder, die entstehen, wenn Nervenzellen aktiv sind. Eine künstliche Intelligenz berechnete anschließend, wie typische Gehirnverbindungen in verschiedenen Lebensaltern aussehen.

Bei vier Sprachen wirkt das Gehirn deutlich jünger

Danach prüfte das Team eine zweite Gruppe mit 144 Menschen. Dabei verglich es das tatsächliche Alter mit dem errechneten Hirnalter. Wer nur eine Sprache sprach, diente als Vergleichsgruppe. Bei zweisprachigen Menschen lag das geschätzte Hirnalter im Schnitt rund sechs Jahre niedriger. Drei Sprachen kamen auf etwa sieben Jahre, vier Sprachen auf rund 13 Jahre.

Amoruso beschreibt den Befund so: „Einfach gesagt: Menschen, die mehr Sprachen sprachen, hatten tendenziell Gehirne, die jünger aussahen, als es für ihr chronologisches Alter zu erwarten wäre.“ Die Zahl der Sprachen allein erklärte den Zusammenhang nicht vollständig. Auch frühes Lernen und hohe Sprachbeherrschung gingen mit einem jüngeren Hirnalter einher.

Mehrsprachigkeit trainiert Aufmerksamkeit und Kontrolle

Für das Gehirn macht es offenbar einen Unterschied, ob jemand eine Sprache nur gelegentlich nutzt oder sicher zwischen mehreren Sprachen wechseln kann. „Das spricht dafür, dass mehrsprachige Erfahrung abgestuft wirkt: Es geht nicht einfach darum, zweisprachig zu sein oder nicht, sondern um Tiefe und Dauer der Spracherfahrung“, so Amoruso.

Der Mechanismus dahinter wirkt plausibel. Wer mehrere Sprachen nutzt, trainiert regelmäßig Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Kontrolle. Das Gehirn muss das passende Wort auswählen und konkurrierende Wörter unterdrücken. Es wechselt zwischen Regeln, Lauten und Bedeutungen. Diese Vorgänge fordern Netzwerke, die auch beim Denken und Erinnern gebraucht werden.

Warum Sprachen Gehirn und Alterung verbinden könnten

Mit dem Alter verändern sich Verbindungen zwischen Nervenzellen. Dadurch lassen Gedächtnis und Denktempo oft nach. Die neue Analyse deutet darauf hin, dass mehrsprachige Erfahrung mit stabileren Mustern im Gehirn zusammenhängen könnte.

Ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das nicht. Die Forscher berücksichtigten zwar Alter, Geschlecht und Bildung. Andere Einflüsse lassen sich trotzdem nicht ausschließen, etwa soziale Kontakte, geistige Aktivität oder Gesundheitsverhalten.

Sprachlernen fordert das Gehirn lebenslang

Professorin Christina Dalla von der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen war nicht an der Untersuchung beteiligt. Sie ordnet den Befund mit Blick auf bekannte Schutzfaktoren ein. „Wir wissen, dass viele Faktoren unsere Gehirngesundheit und geistigen Fähigkeiten im Alter beeinflussen können“, sagt sie laut FENS. Dazu gehörten Nichtrauchen, gute Ernährung, soziale und künstlerische Aktivität sowie Bewegung.

Dalla verweist auch auf geistige Anstrengung. Lernen aktiviert das Gehirn, besonders wenn es Mühe macht. Eine neue Sprache passt in dieses Muster. Wortschatz, Aussprache, Grammatik und Hörverstehen verlangen Geduld. Mit jeder echten Anwendung muss das Gehirn schnell entscheiden, welches sprachliche System gerade passt.

„Diese Studie legt nahe, dass das Lernen einer zweiten, dritten oder vierten Sprache unserem Gehirn helfen könnte, länger jünger zu bleiben – und je früher wir anfangen, desto besser“, sagt Dalla. Sprachlernen habe soziale, kulturelle und gesundheitliche Vorteile. Deshalb lohne es sich in der Schule, aber auch später im Leben.

Das Team will nun untersuchen, ob der Zusammenhang auch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer auftaucht. Außerdem interessiert die Forscher, ob eng verwandte Sprachen das Gehirn besonders fordern, weil sie schwerer auseinanderzuhalten sind.

Kurz zusammengefasst:

  • Mehrere Sprachen könnten mit langsamerer Alterung im Gehirn zusammenhängen: In einer Studie lag das geschätzte Hirnalter zweisprachiger Menschen rund sechs Jahre unter ihrem tatsächlichen Alter.
  • Der Unterschied nahm mit der Zahl der Sprachen zu: Bei drei Sprachen lag das geschätzte Hirnalter etwa sieben Jahre niedriger, bei vier Sprachen rund 13 Jahre.
  • Bewiesen ist damit kein direkter Schutz vor Demenz oder Alzheimer: Die Daten sprechen für einen Zusammenhang, doch Lebensstil, Bildung und soziale Aktivität können ebenfalls eine Rolle spielen.

Übrigens: Während Mehrsprachigkeit das Gehirn im Alter fordern kann, zeigen singende Mäuse, wie eng Stimme, Hören und Hirnverbindungen zusammenarbeiten. Warum schon wenige verstärkte Leitungen neue Kommunikation ermöglichen könnten, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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