Seeigel in Italien: Wie ein Spaghetti-Gericht dem Meer schadet
Ein Spaghetti-Gericht heizt in Italien die Jagd auf Seeigel an – und bringt geschützte Meeresgebiete in Gefahr.
Seeigel gelten in Italien als Delikatesse – doch die Nachfrage nach Spaghetti ai ricci treibt Wilderer selbst in geschützte Meeresgebiete. © Unsplash
Vor Neapel reicht eine Nacht, damit Hunderte Seeigel vom Meeresboden verschwinden. In einem Fall holten Wilderer 976 Tiere in nur 75 Minuten aus dem Wasser. Mongabay berichtet über eine Jagd, die von Restaurants, Touristen und einem beliebten Spaghetti-Gericht befeuert wird: Spaghetti ai ricci, Pasta mit dem orangefarbenen Inneren der Seeigel.
Die Tiere sind klein, stachelig und für viele Gäste eine Delikatesse. Doch vor der Küste Kampaniens ist ihr Fang hochproblematisch. In der Region gibt es laut Küstenwache keine einzige kommerzielle Lizenz für frische Seeigel. Wer sie dort frisch serviert, bewegt sich daher sehr wahrscheinlich im illegalen Handel.
Seeigel in Italien verschwinden rasant
Im Meeresschutzgebiet Gaiola Unterwasserpark südlich von Neapel beobachtete der Meeresforscher Maurizio Simeone im Mai eine Szene, die dort niemand mehr für selten hält. Es war Nacht, Kameras zeigten ein Boot im Schutzgebiet, unter Wasser arbeitete ein Taucher. „Es war Mitternacht. Da waren sie wieder“, sagte Simeone gegenüber Mongabay.
Die Wilderer nutzten ein verbotenes System für lange Tauchgänge. Ein Kompressor auf dem Boot pumpt Luft durch einen Schlauch zum Taucher. So kann er den Meeresboden absuchen, ohne ständig aufzutauchen. Alle 20 Minuten gab er einen vollen Sack mit Seeigeln ab. Als die Küstenwache näher kam, warfen die Männer Tiere und Ausrüstung ins Wasser.
Wilderer holen Hunderte Tiere pro Stunde
Bei einem früheren Zugriff hatte dieselbe Methode einen besonders großen Fang offengelegt: 976 Seeigel in 75 Minuten. Bei der späteren Kontrolle zählte Simeone rund 500 Tiere in weniger als einer Stunde. Für ein kleines Schutzgebiet sind solche Mengen ein schwerer Verlust. Die Bestände wachsen nicht beliebig schnell nach.
Seeigel erfüllen im Mittelmeer eine wichtige Aufgabe. Sie fressen Algen und halten damit Flächen frei, auf denen andere Arten leben können. Gleichzeitig dienen sie Fischen als Nahrung, etwa Goldbrassen. Wenn ein Bestand plötzlich verschwindet, ändert sich das Nahrungsnetz. Fische suchen andere Reviere. Kleine, legale Fischer spüren das direkt in ihren Netzen.
Fischer verlieren wichtige Fanggründe
Ein Fischer aus Marechiaro brachte es gegenüber Mongabay auf den Punkt: „Wenn Wilderer jeden einzelnen Seeigel von den Felsen holen, haben die Fische keinen Grund mehr, in unseren Gewässern zu bleiben.“ Ein anderer sprach von einem unfairen Kampf. Die illegalen Sammler verdienten über den Schwarzmarkt, während legale Fischer mit leeren Netzen zurückblieben.
Die Küstenwache kennt das Problem. Roberto Larocca, Kommandant der Küstenwache in Neapel, sagte Mongabay: „Diese Leute haben nichts zu verlieren. Sie kalkulieren die Bußgelder in ihre Kosten ein und machen weiter.“ Die Kontrolle fällt schwer. Die Boote kommen nachts. Bei Gefahr versenken Täter Säcke und Geräte. Dann fehlt oft der Beweis.
Pasta treibt die Jagd weiter an
Spaghetti ai ricci haben in Teilen Italiens eine lange Tradition, vor allem auf Sardinien, in Apulien und auf Sizilien. In Kampanien kamen Seeigel erst später stärker auf Restaurantkarten. Simeone nennt Kochshows und den Tourismus als Treiber. Mehr Nachfrage bedeutet mehr Geld. Mehr Geld lockt Wilderer an.
Besonders heikel ist die Zeit im Mai und Juni. Dann schützt ein nationales Gesetz die Seeigel während der Fortpflanzungszeit. Der Fang ist in diesen Monaten verboten. Gleichzeitig beginnt die Tourismussaison – und die Nachfrage in Restaurants steigt. Für das Schutzgebiet Gaiola bedeutet das lange Nächte vor Überwachungskameras.
Schutzgebiete geraten massiv unter Druck
Die Mitarbeiter des Schutzgebiets sammeln inzwischen Daten aus Einsätzen der Behörden. Sie zählen, messen und wiegen beschlagnahmte Tiere. Aus einer Stichprobe aus dem Jahr 2025 ergab sich eine Schätzung: Wilderer könnten in zwei Stunden etwa 1500 Seeigel holen. Das entspräche rund 17 Prozent des Bestands im Gaiola-Schutzgebiet.
Der Meeresökologe Simone Farina vom Forschungszentrum Stazione Zoologica Anton Dohrn in Genua hält diese Größenordnung für gefährlich. „Das ist ein sehr hoher Anteil in sehr kurzer Zeit und gefährdet Jahre von Management und Naturschutz“, sagte er Mongabay. Farina arbeitet am URCHIN Project, das empfindliche Lebensräume und violette Seeigel im Gebiet untersucht.
Außerhalb der Schutzgebiete bleibt kaum etwas
Außerhalb geschützter Zonen sieht die Lage noch schlechter aus. Simeone und Farinas Team fanden im besonders geschützten Teil des Gaiola-Gebiets mehr als 90 Seeigel pro Quadratmeter. In ungeschützten Bereichen außerhalb des Schutzgebiets sank die Dichte teils auf 0,2 Tiere pro Quadratmeter. Deshalb steuern Wilderer gerade Schutzgebiete an. Dort finden sie noch, was anderswo fehlt.
Simeone kritisiert das nationale Regelwerk scharf. Pro Person sind 50 Seeigel für den Eigenbedarf erlaubt. An einem vollen Strand kann diese Zahl schnell große Bestände ausradieren. „Diese Zahlen wurden einfach aus der Luft gegriffen“, sagte Simeone. Er fordert eine nationale Lösung statt einzelner regionaler Verbote.
Kurz zusammengefasst:
- Ein beliebtes italienisches Spaghetti-Gericht erhöht die Nachfrage nach frischen Seeigeln, vor allem in touristischen Regionen wie Kampanien.
- Wilderer holen vor Neapel teils Hunderte Seeigel in kurzer Zeit aus dem Meer; in einem Fall waren es 976 Tiere in 75 Minuten.
- Seeigel sind wichtig für das Ökosystem, weil sie Algen fressen und Fischen als Nahrung dienen; verschwinden sie, geraten Schutzgebiete, Fischbestände und legale Fischer unter Druck.
Übrigens: Seeigel sind im Meer nicht nur Opfer von Überfischung, sondern können selbst ganze Lebensräume aus dem Gleichgewicht bringen. Fehlen ihre natürlichen Fressfeinde, fressen sie Kelpwälder kahl – und bedrohen damit die „Regenwälder der Meere“. Mehr dazu in unserem Artikel.
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