Atomstrom wie vom Lieferservice: Schwimmendes Mini-Kraftwerk soll Stromlücken schließen

Core Power arbeitet an einem Mini-Atomkraftwerk auf dem Schiff. Der Reaktor soll 195 Megawatt liefern und Industrie mit Strom versorgen.

Ein Mini-Atomkraftwerk aus der Werft: Core Power prüft, ob der mPower-Reaktor von BWXT künftig auf schwimmenden Plattformen Strom für Häfen und Industrie liefern kann. © Core Power

Ein Mini-Atomkraftwerk aus der Werft: Core Power prüft, ob der mPower-Reaktor von BWXT künftig auf schwimmenden Plattformen Strom für Häfen und Industrie liefern kann. © Core Power

Ein Hafen braucht Strom für Schiffe am Kai. Ein Rechenzentrum läuft Tag und Nacht. Eine Fabrik stellt ihre Produktion auf Strom um. Dort wird Strom sofort gebraucht. Neue Leitungen, Umspannwerke oder Kraftwerke brauchen dagegen oft Jahre.

Core Power prüft deshalb eine ungewöhnliche Idee: ein kleines Atomkraftwerk, das nicht fest an Land entsteht, sondern wie ein Schiff in der Werft gebaut wird. Später soll es auf einer schwimmenden Plattform dorthin gebracht werden, wo besonders viel verlässlicher Strom gebraucht wird.

Dafür hat das britische Unternehmen am 17. Juni eine Machbarkeitsstudie gestartet. Sie soll klären, ob sich der mPower-Reaktor von BWX Technologies in schwimmende Kernkraftwerke einbauen lässt. Es handelt sich um einen kleinen Druckwasserreaktor der Generation III+, der 195 Megawatt elektrische Leistung liefern soll.

Läuft er dauerhaft, könnte er rechnerisch mehrere hunderttausend Haushalte mit Strom versorgen – oder große Verbraucher wie Häfen, Rechenzentren und Industrieanlagen beliefern.

Mini-Atomkraftwerk soll Strom vom Schiff aus liefern

Der ungewöhnliche Teil des Vorhabens liegt in der Bauweise. Schwimmende Kernkraftwerke könnten in Werften entstehen, also unter stärker kontrollierten Bedingungen als auf vielen Baustellen an Land. Danach würden sie an Küsten, Häfen oder Standorte mit hohem Strombedarf verlegt. Der Ansatz ähnelt eher dem Schiffbau als dem klassischen Kraftwerksbau.

Core Power erhofft sich davon kürzere Wege von der Planung bis zum Einsatz. An Land bremsen oft Flächenfragen, Netzanschlüsse, Genehmigungen und Bauverzögerungen. Eine Anlage aus der Werft könnte häufiger nach gleichem Muster entstehen. Das soll Kosten besser kalkulierbar machen und die technische Wiederholung erleichtern. Noch handelt es sich aber nicht um ein Bauprogramm, sondern um eine Prüfung der Voraussetzungen.

Warum ein Mini-Atomreaktor für Häfen und Industrie spannend wird

Der Bedarf an verlässlichem Strom wächst vor allem dort, wo große Anlagen rund um die Uhr laufen. Ein Rechenzentrum kann nicht einfach warten, bis eine neue Leitung fertig ist. Auch Chemiewerke, Stahlwerke oder große Häfen brauchen planbare Energie. Wind und Sonne helfen beim Umbau des Energiesystems, liefern aber je nach Wetter und Tageszeit schwankend.

Schwimmende Reaktoren sollen diese Lücke nicht überall schließen. Sie könnten vor allem an Orten interessant werden, an denen Platz fehlt oder der Netzausbau Jahre dauert. Core Power sieht mögliche Einsatzorte in der Nähe großer Abnehmer. Dazu zählen:

  • Häfen mit steigendem Bedarf an Landstrom
  • Industriegebiete mit hohem Stromverbrauch
  • Regionen mit schwacher Netzanbindung
  • Standorte, an denen neue Kraftwerksflächen schwer durchsetzbar sind

Die Machbarkeitsstudie prüft Technik, Kosten und Regeln

Die neue Studie soll klären, ob der mPower-Reaktor technisch in ein schwimmendes Kraftwerk passt. Dazu gehören Fragen der Kühlung, der Sicherheit, des Betriebs und der Verbindung zu Abnehmern an Land. Auch der Betrieb auf einer Plattform stellt andere Anforderungen als ein festes Kraftwerk. Hinzu kommen Wartung, Personal, Schutzkonzepte und die Anbindung an Hafenstrukturen.

Core Power will außerdem die wirtschaftliche Seite prüfen. Ein schwimmendes Mini-Atomkraftwerk müsste nicht nur funktionieren, sondern auch bezahlbar bleiben. Für Betreiber zählt am Ende der Preis pro Kilowattstunde. Die Forscher und Ingenieure prüfen deshalb auch mögliche Geschäftsmodelle, Produktanforderungen und den weiteren Zulassungsweg. Core Power finanziert die erste Untersuchung selbst.

Core-Power-Chef spricht von wachsendem Stromdruck

Mikal Bøe, Chef von Core Power, sieht das Projekt als Antwort auf den steigenden Strombedarf. „Wir bauen, integrieren und betreiben schiffsbasierte Kernenergiesysteme, die verlässlichen Strom dorthin liefern, wo Industrie und Staaten ihn am dringendsten brauchen“, sagt Bøe. Aus der Idee soll ein Produkt werden, das sich mehrfach bauen und einsetzen lässt.

Bøe sieht in der Prüfung des mPower-Reaktors einen Schritt für die eigene Strategie. „Für Core Power ist diese Bewertung der mPower-Technologie ein bedeutender Schritt in unserer Strategie, die Entwicklung unserer vollständig modularen schwimmenden Kernkraftwerke zu beschleunigen.“ Damit meint Core Power Anlagen, die aus standardisierten Bauteilen entstehen und später an verschiedenen Orten arbeiten können.

Sicherheit bleibt beim schwimmenden Reaktor die härteste Frage

Ein Reaktor auf dem Wasser bringt andere Fragen mit als ein Kraftwerk an Land. Behörden müssten klären, welche Regeln für Bau, Transport, Betrieb und Stilllegung gelten. Auch Notfallplanung, Kühlung, Schutz vor Unfällen und die Verantwortung im Hafen brauchen klare Vorgaben. Ohne belastbare Zulassung kann aus dem Konzept kein kommerzieller Erfolg werden.

Hinzu kommt die politische Debatte. Kernkraft bleibt in vielen Ländern umstritten, auch wenn kleine modulare Reaktoren als neues Modell beworben werden. Befürworter verweisen auf verlässlichen Strom und geringe CO₂-Emissionen im Betrieb. Kritiker fragen nach Kosten, Sicherheit, radioaktivem Abfall und langen Genehmigungsverfahren. Schwimmende Anlagen verschieben diese Debatte zusätzlich aufs Wasser.

Die USA wollen beim Mini-Atomkraftwerk mit Schiffbau punkten

Bøe verweist in der Mitteilung auch auf die Vereinigten Staaten. „Die USA haben nukleares Fachwissen, die industrielle Basis und das maritime Erbe, um diesen Markt anzuführen“, sagt er. Core Power wolle diese Stärken verbinden und den Weg von der Technik zum fertigen Produkt beschleunigen.

Für Deutschland bleibt das Vorhaben vor allem wegen des Energiebedarfs interessant. Große Verbraucher brauchen verlässlichen Strom, während neue Netze und Kraftwerke oft lange Vorlaufzeiten haben. Das schwimmende Mini-Atomkraftwerk bietet dafür einen ungewöhnlichen Lösungsvorschlag. Die Machbarkeitsstudie muss nun klären, ob Technik, Aufsicht und Kosten zusammenpassen.

Kurz zusammengefasst:

  • Core Power prüft, ob ein Mini-Atomkraftwerk von BWXT künftig auf schwimmenden Plattformen per Schiff Strom liefern kann.
  • Der mPower-Reaktor soll 195 Megawatt elektrische Leistung erreichen und vor allem Häfen, Industrie und Regionen mit schwachen Netzen versorgen.
  • Noch geht es um eine Machbarkeitsstudie, die Technik, Kosten, Betrieb und Genehmigungen für schwimmende Kernkraftwerke klären soll.

Übrigens: Schweden geht beim Thema Mini-Atomkraftwerk bereits einen Schritt weiter und plant drei Reaktoren von Rolls-Royce für Industrie und Haushalte. Die Anlagen sollen ab Mitte der 2030er-Jahre Strom liefern. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Core Power

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