Bei Gift-Alarm: Vierbeiniger Roboter soll jetzt zuerst für die Feuerwehr reingehen
Ein Feuerwehr-Roboter soll bei Chemieunfällen zuerst Gefahrstoffe messen und Live-Bilder liefern, bevor Einsatzkräfte hineingehen.
Der kompakte Roboter auf vier Beinen trägt bewährte Messgeräte und soll der Feuerwehr bei Gefahrstoffen vorausgehen. © Helmut Lunghammer
Wenn in einer Industriehalle giftige Stoffe austreten, bleiben der Feuerwehr oft nur wenige Minuten. Die Einsatzleitung muss schnell wissen, welche Gefahr droht und wie weit sich die Schadstoffe ausgebreitet haben. Doch die ersten Messungen sind besonders riskant: Feuerwehrleute müssen schwere Schutzanzüge anlegen und in den betroffenen Bereich vordringen, obwohl anfangs kaum jemand die Lage sicher einschätzen kann.
Ein vierbeiniger Roboter könnte diese erste Erkundung künftig übernehmen. Er gelangt ferngesteuert in die Gefahrenzone, misst Schadstoffkonzentrationen und sendet Live-Bilder nach draußen. So bekommt die Einsatzleitung früher ein Lagebild, während Einsatzkräfte noch ihre Schutzkleidung vorbereiten.
An dieser Lösung arbeitet ein Team der Technischen Universität Graz mit Partnern aus Feuerwehr und Katastrophenschutz.
Roboter funkt Messwerte live nach draußen
Bei Gefahrstoffeinsätzen könnte sich der Ablauf deutlich ändern. Der Roboter wird ferngesteuert vorausgeschickt, sammelt Messwerte und überträgt Kamerabilder in Echtzeit. Die Einsatzleitung sieht dadurch früher, welche Gefahr droht und wo Einsatzkräfte besonders vorsichtig vorgehen müssen.
Robotikforscher Gerald Steinbauer-Wagner beschreibt das Konzept so: „Der Spürroboter kann im Einsatz vorgeschickt werden. Er misst Schadstoffkonzentrationen und liefert die Daten zusammen mit einem Kamerabild in Echtzeit aus dem Gefahrenbereich. Damit können die Einsatzkräfte die Lage beurteilen, ohne die gefährliche Zone betreten zu müssen.“
Die Entwickler wollten kein kompliziertes Forschungssystem bauen, das später kaum genutzt werden kann. Deshalb kombiniert der vierbeinige Roboter handelsübliche Technik mit Messgeräten, die bei Feuerwehren bereits im Einsatz sind.
Bewährte Technik macht den Roboter robuster
Auch bei der Orientierung und Datenübertragung setzt das Team auf eine möglichst eigenständige Lösung. Der Roboter soll auch dort arbeiten, wo GPS und andere Satellitensysteme nicht zuverlässig funktionieren – etwa in Hallen oder abgeschirmten Gebäudebereichen. Mobilität, Sensorik, Datenverarbeitung, Kommunikation und Visualisierung basieren auf kommerziell verfügbaren Komponenten.
Diese Bauweise soll den Einsatzalltag erleichtern. Je weniger Spezialtechnik nötig ist, desto einfacher lässt sich das System beschaffen, warten und in vorhandene Abläufe einbauen. Parallel entwickelte das Team eine passende Einsatztaktik. „Wir haben basierend auf einer umfassenden Anforderungsanalyse eine entsprechende robotische Taktik entwickelt und in bestehende Standard-Einsatzmaßnahmen integriert“, erklärt Steinbauer-Wagner.
Die Maschine soll Feuerwehrleute nicht ersetzen. Sie übernimmt vor allem Aufgaben, die am Anfang eines Schadstoffeinsatzes besonders heikel sind. Dazu gehören die Messung von Schadstoffkonzentrationen, die Übertragung von Live-Bildern und die Unterstützung der ersten Einschätzung.
Spürroboter übernimmt die riskantesten Minuten
Nach Einschätzung der beteiligten Fachleute sinkt dadurch das Risiko für die Einsatzkräfte. Die aktuelle Potenzialanalyse kommt außerdem zu dem Schluss, dass der Roboter Sicherheit und Effizienz steigern kann. Der Grund ist einfach: Wichtige Informationen liegen früher vor, bevor Menschen den belasteten Bereich betreten.
Bei groß angelegten Schadstoffübungen musste sich der vierbeinige Roboter bereits bewähren. Einsatzkräfte prüften dabei unter anderem Mobilität, Bedienbarkeit und Praxistauglichkeit. Steinbauer-Wagner zieht ein positives Fazit: „Die Ergebnisse der Feldtests waren hinsichtlich Mobilität, Benutzerfreundlichkeit und Einsatzwirksamkeit äußerst vielversprechend.“
Auch Gerald Czech vom Österreichischen Bundesfeuerwehrverband sieht großes Potenzial. Er sagt: „Wenn morgen ein echter Schadstoffeinsatz stattfindet, würde ich zuerst den Roboter in den Gefahrenbereich schicken.“ Für die Feuerwehr zähle im Schadstoffeinsatz jede Minute.
Feuerwehr gewinnt wertvolle Zeit
Czech erklärt den praktischen Nutzen so: „Wenn ein Roboter bereits während des Ausrüstens der Einsatzkräfte erste Messdaten und Bilder aus dem Gefahrenbereich liefert, gewinnen wir wertvolle Zeit für die Lagebeurteilung. Das erhöht die Sicherheit der Einsatzkräfte und verbessert die Einsatzführung.“
An der Untersuchung beteiligten sich neben der Technischen Universität Graz auch die Landes-Feuerwehrverbände Steiermark und Oberösterreich, die FH Oberösterreich sowie das Disaster Competence Network Austria.
Die Fachleute empfehlen, Spürroboter dauerhaft in Spezialeinheiten für Schadstoffeinsätze einzubinden. Außerdem sprechen sie sich dafür aus, die Ausbildung der Feuerwehrleute an die neuen taktischen Möglichkeiten anzupassen. Auch technische Vorgaben für die Beschaffung sollten einheitlicher werden.
Kurz zusammengefasst:
- Ein vierbeiniger Spürroboter kann bei Gefahrstoffeinsätzen vorausfahren, Schadstoffe messen und Live-Bilder liefern.
- Roboter sollen der Feuerwehr künftig helfen, die erste und gefährlichste Erkundung zu übernehmen.
- Die beteiligten Fachleute empfehlen, solche Systeme fest in Spezialeinheiten für Schadstoffeinsätze zu integrieren.
Übrigens: Roboter könnten nicht nur Feuerwehrleute in giftigen Gefahrenzonen entlasten, sondern eines Tages auch tief unter der Marsoberfläche nach Spuren früheren Lebens suchen. Wie Forscher einen Mars-Roboter 250 Meter tief in der Zugspitze testeten, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Helmut Lunghammer
