Kerosin aus CO₂: Erste Anlage produziert Treibstoff für Passagierflüge
In den USA produziert eine Anlage erstmals Kerosin aus CO₂, Wasser und Ökostrom – nutzbar in heutigen Flugzeugen.
Aus abgeschiedenem CO₂, Wasser und erneuerbarem Strom entsteht in der Anlage in Moses Lake ein synthetischer Flugtreibstoff, den Airlines wie herkömmliches Kerosin nutzen können. © AirPlant™ One
Am Flughafen könnte künftig Treibstoff in den Tank fließen, der nicht aus Erdöl stammt. In Moses Lake im US-Bundesstaat Washington läuft nun eine Anlage, die Kerosin aus CO₂, Wasser und erneuerbarem Strom herstellt. Der Kraftstoff soll in heutigen Flugzeugen nutzbar sein – ohne neue Triebwerke, umgebaute Tankanlagen oder andere Abläufe im Luftverkehr.
Die Anlage heißt AirPlant One und stammt vom kalifornischen Unternehmen Twelve. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um die erste kommerzielle Anlage in den USA, die sogenanntes E-Jet-Fuel im größeren Maßstab produziert. Alaska Airlines und Microsoft gehören zu den frühen Partnern des Projekts.
Wie aus CO₂ jetzt Kerosin entsteht
Der Treibstoff entsteht in einem Power-to-Liquid-Verfahren. Vereinfacht gesagt: Twelve nimmt abgeschiedenes CO₂, Wasser und erneuerbaren Strom. Ein Elektrolyse-System spaltet und verbindet diese Stoffe neu. Daraus entstehen Kohlenwasserstoffe – also Moleküle, aus denen auch herkömmliches Kerosin besteht. Am Ende soll ein synthetischer Flugkraftstoff herauskommen, der sich im Flugzeug wie normales Kerosin nutzen lässt.
Für Airlines ist diese Eigenschaft entscheidend. Der synthetische Treibstoff erfüllt laut Twelve die Standards der ASTM International für kommerzielle Flugzeuge. Er kann als sogenannter Drop-in-Kraftstoff genutzt werden und passt damit zur bestehenden Infrastruktur.
Alaska Airlines will den neuen Treibstoff nutzen
Twelve meldet, dass die Anlage bereits normgerechten Treibstoff produziert. Der Kraftstoff werde geliefert und für die kommerzielle Luftfahrt verkauft. Alaska Airlines will regelmäßige Inlandsflüge mit dem E-Jet-SAF aus Moses Lake durchführen.
„Wir haben mit dem Bau von AirPlant One mit einer einfachen These begonnen: dass die Treibstoffe, die die Weltwirtschaft antreiben, überall auf der Welt aus erneuerbarem Strom und Luft hergestellt werden könnten“, sagt Nicholas Flanders, Mitgründer und Chef von Twelve. „Heute ist diese These in Betrieb.“
Twelve macht auch Rohstoffe für Kunststoffe neu
Neben Flugkraftstoff produziert AirPlant One auch E-Naphtha. Dieser synthetische Rohstoff kann klassisches Naphtha aus Erdöl ersetzen. Er dient als Grundstoff für Alltagsprodukte wie Kunststoffe, Verpackungen, Lösungsmittel und synthetische Fasern.
Twelve verweist auf frühere Anwendungen mit bekannten Unternehmen. Dazu gehören CO₂-basierte Polymere für Autoteile bei Mercedes-Benz, Brillengläser aus CO₂-basiertem Polycarbonat für PANGAIA und Inhaltsstoffe für Waschmittel von Procter & Gamble. Damit reicht das Projekt über die Luftfahrt hinaus und betrifft auch Branchen, die bislang stark von Erdölprodukten abhängen.
Für die Luftfahrt zählt jedoch vor allem die Klimabilanz. Twelve nennt bis zu 90 Prozent weniger CO₂-Emissionen über den Lebenszyklus im Vergleich zu konventionellem Kerosin. Diese Zahl bleibt eine Unternehmensangabe. Die Anlage produziert also keinen emissionsfreien Treibstoff, sondern einen Kraftstoff mit deutlich niedrigerer rechnerischer Klimabelastung.
Microsoft und Alaska Airlines sichern den Start ab
Microsoft unterstützte AirPlant One über seinen Climate Innovation Fund und schloss eine Abnahmevereinbarung für nachhaltigen Flugkraftstoff. Dabei nutzt der Konzern ein Book-and-Claim-Modell. Es soll helfen, Emissionen aus Geschäftsreisen bilanziell zu senken, auch wenn der konkrete Treibstoff nicht immer im jeweiligen Flugzeugtank landet.
Alaska Airlines war ebenfalls früh beteiligt. Bereits 2022 verpflichteten sie sich gemeinsam mit Microsoft, Treibstoff aus der Anlage abzunehmen. Alaska Star Ventures beteiligte sich zudem an einer Finanzierungsrunde von Twelve. Ryan Spies, Nachhaltigkeitschef von Alaska Airlines, nennt nachhaltigen Flugkraftstoff derzeit „die beste Technologie“ für die Luftfahrtbranche auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen.
Stromverträge sollen den Preis stabiler machen
Der wirtschaftliche Reiz liegt auch in berechenbaren Kosten. Herkömmliches Kerosin hängt am Ölpreis. Krisen, Fördermengen und Weltmarktbewegungen können die Ausgaben stark verändern. Twelve wirbt dagegen mit langfristig planbaren Preisen, weil der Treibstoff vor allem von Stromkosten abhängt.
Für Fluggesellschaften kann das viel bedeuten. Treibstoff gehört zu ihren größten Kostenblöcken. Twelve spricht von mehr als zehn Jahren möglicher Preissicherheit durch strombasierte Ausgangsstoffe. Wenn solche Verträge halten, würde synthetischer Kraftstoff auch betriebswirtschaftlich interessanter.
Kurz zusammengefasst:
- In den USA produziert die Anlage AirPlant One erstmals kommerziell Kerosin aus CO₂, Wasser und erneuerbarem Strom.
- Der synthetische Flugkraftstoff soll wie normales Kerosin in heutigen Flugzeugen funktionieren, ohne neue Triebwerke oder Umbauten am Flughafen.
- Twelve nennt bis zu 90 Prozent weniger CO₂-Emissionen über den Lebenszyklus, doch diese Zahl bleibt eine Unternehmensangabe und macht den Treibstoff nicht emissionsfrei.
Übrigens: Nicht nur Kerosin könnte künftig aus CO₂ entstehen – Forscher haben auch ein künstliches Blatt gebaut, das aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid flüssiges Methanol erzeugt. Warum das Yale-System so viel effizienter arbeitet als frühere Ansätze, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © AirPlant™ One
