1963 tauchte Surtsey aus dem Meer auf – heute sehen Forscher, wie Leben bei null beginnt

Seit 1963 beobachten Forscher auf Surtsey, wie auf einer neuen Vulkaninsel Schritt für Schritt ein Ökosystem entsteht.

Surtsey liegt rund 30 Kilometer vor Islands Südküste. Seit dem ersten Ausbruch am 14. November 1963 beobachten Forscher dort, wie Leben auf neuem Land entsteht.

Surtsey liegt rund 30 Kilometer vor Islands Südküste. Seit dem ersten Ausbruch am 14. November 1963 beobachten Forscher dort, wie Leben auf neuem Land entsteht. © Wikimedia

Ein paar schwarze Felsen im Nordatlantik, umspült von Wind, Wellen und Salzwasser: Als Surtsey 1963 südlich von Island aus dem Meer auftauchte, gab es dort weder Erde noch Pflanzen oder Tiere. Mehr als 60 Jahre später gehört das Leben auf Surtsey zu den ungewöhnlichsten Natur-Experimenten der Welt. Auf der jungen Vulkaninsel lässt sich verfolgen, wie sich ein Ökosystem von Grund auf entwickelt – und welche Rolle Vögel dabei spielen.

Nach dem ersten Ausbruch am 14. November 1963 wuchs die Insel innerhalb weniger Jahre auf rund 2,65 Quadratkilometer an. Island stellte das Gebiet früh unter Schutz. Bis heute dürfen nur wenige Wissenschaftler die Insel betreten. Dadurch blieb Surtsey weitgehend frei von menschlichen Einflüssen.

Eine aktuelle Untersuchung im Fachjournal Ecology Letters macht nun deutlich, welche Helfer das junge Leben auf Surtsey besonders voranbrachten: Vögel transportierten offenbar weit mehr Samen auf die Insel.

Wie das Leben auf Surtsey überraschend schnell begann

Surtsey bot anfangs kaum Halt für Leben. Der Boden bestand aus lockerer Vulkanasche, Salz und jungem Lavagestein. Doch schon kurz nach der Entstehung fanden die ersten Organismen ihren Weg auf die Insel.

Bereits 1964 fanden Wissenschaftler Kieselalgen an den Stränden. Samen und Pflanzenteile wurden an Land gespült. 1965 erschien mit dem Meersenf die erste Gefäßpflanze – also eine Pflanze mit einem inneren Leitungsnetz für Wasser und Nährstoffe, ähnlich wie Menschen Blutgefäße besitzen. Von diesem Zeitpunkt an begann ein Prozess, der Biologen als Primärsukzession bekannt ist: Ein Ökosystem entsteht dort, wo zuvor keines existierte.

Über die Jahrzehnte kamen weitere Arten hinzu. Heute wurden auf Surtsey 78 Gefäßpflanzenarten nachgewiesen. Zugleich entstanden neue Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Organismen.

Zwischen den dunklen Vulkanablagerungen wachsen heute zahlreiche Pflanzen. Sie gehören zu den ersten Bausteinen des jungen Ökosystems auf Surtsey. © Pawel Wasowicz
© Pawel Wasowicz Zwischen den dunklen Vulkanablagerungen wachsen heute zahlreiche Pflanzen. Sie gehören zu den ersten Bausteinen des jungen Ökosystems auf Surtsey. © Pawel Wasowicz

Vögel brachten mehr Pflanzen als Wind und Meeresströmungen

Viele der Pflanzen auf Surtsey hätten nach klassischen Lehrmeinungen eigentlich kaum dort ankommen dürfen. Lange galten Wind, Meeresströmungen oder besondere Samenmerkmale als wichtigste Erklärung dafür, wie Pflanzen abgelegene Inseln erreichen. Flughaare, Schwimmfähigkeit oder andere Anpassungen schienen ihnen einen entscheidenden Vorteil zu geben.

Auf Surtsey passt dieses Bild jedoch nur bedingt. Forscher aus Island, Ungarn und Spanien werteten für ihre Untersuchung die Besiedlungsgeschichte der Insel aus.

Stattdessen erwiesen sich Möwen, Gänse und Watvögel als wichtige Helfer. Die Tiere transportierten Samen in ihrem Verdauungssystem, über Ausscheidungen oder im Nistmaterial auf die Insel.

Vögel waren die wahren Pioniere von Surtsey.

Pawel Wasowicz vom Isländischen Naturforschungsinstitut

Für 62 der 78 nachgewiesenen Pflanzenarten fanden die Wissenschaftler Hinweise auf eine Verbreitung durch Wasservögel.

Eine Möwenkolonie beschleunigte die Besiedlung

Besonders aufschlussreich war die Entwicklung nach 1986. Damals entstand auf Surtsey eine große Möwenkolonie.

Vor ihrer Ansiedlung kamen durchschnittlich etwa 2,5 neue Pflanzenarten pro Jahr auf die Insel. Danach stieg die Zahl auf rund 3,5 Arten jährlich. Neue Pflanzenvorkommen konzentrierten sich auffällig stark auf den Bereich der Vogelkolonie.

Die Vögel brachten nicht nur Samen mit. Ihr Kot lieferte auch zusätzliche Nährstoffe. Auf den ursprünglich kargen Vulkanböden entstanden dadurch bessere Bedingungen für junge Pflanzen.

Andy Green von der Estación Biológica de Doñana in Spanien sieht darin eine wichtige Erkenntnis für die Zukunft: „Tiere – insbesondere Vögel – sind wichtige Motoren der Ausbreitung und Besiedlung von Pflanzen.“

Surtsey nur 16 Tage nach Beginn des Ausbruchs: Die junge Insel besteht noch fast vollständig aus Asche, Dampf und frischem Vulkangestein. Von Pflanzen oder Boden fehlt damals jede Spur. © Wikimedia
© Wikimedia Surtsey nur 16 Tage nach Beginn des Ausbruchs: Die junge Insel besteht noch fast vollständig aus Asche, Dampf und frischem Vulkangestein. Von Pflanzen oder Boden fehlt damals jede Spur. © Howell Williams, NOAA via Wikimedia unter Public Domain 

Wind und Wellen tragen die Insel langsam wieder ab

Während neues Leben entsteht, verändert sich die Insel selbst fortlaufend. Seit dem Ende der Eruption arbeiten Wind und Brandung daran, Surtsey wieder abzutragen.

Nach den Ausbrüchen erreichte die Insel eine Fläche von rund 2,65 Quadratkilometern. Bis 2019 schrumpfte sie auf etwa 1,24 Quadratkilometer. Besonders die lockeren Vulkanablagerungen wurden vom Meer abgetragen.

Der harte Lavakern hält bislang stand. Deshalb rechnen Forscher nicht damit, dass Surtsey in naher Zukunft ganz verschwindet.

Warum Forscher das Leben auf Surtsey weiter genau beobachten

Kaum ein anderer Ort auf der Erde erlaubt einen ähnlich unverfälschten Blick auf die Entstehung eines Ökosystems. Ohne Straßen, Landwirtschaft oder eingeschleppte Pflanzen lässt sich verfolgen, wie Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen neues Land Schritt für Schritt erobern.

„Langfristige Forschung wie auf Surtsey ist für die Biologie von unschätzbarem Wert“, sagt Wasowicz. „Sie erlaubt uns, ökologische Prozesse zu beobachten, die sonst unsichtbar bleiben würden – wie Leben neue Lebensräume besiedelt, sich verändert und anpasst.“

2008 erklärte die UNESCO Surtsey zum Weltnaturerbe. Die Insel bleibt damit eines der seltenen Fenster in einen Prozess, der normalerweise im Verborgenen abläuft: den Beginn neuen Lebens auf neuem Land.

Kurz zusammengefasst:

  • Surtsey entstand 1963 südlich von Island als neue Vulkaninsel; weil sie früh streng geschützt wurde, können Forscher dort bis heute beobachten, wie Leben auf völlig neuem Land beginnt.
  • Die ersten Organismen kamen schnell: 1964 fanden Wissenschaftler Kieselalgen, 1965 folgte mit dem Meersenf die erste Gefäßpflanze; inzwischen wurden 78 Gefäßpflanzenarten nachgewiesen.
  • Vor allem Möwen, Gänse und Watvögel brachten viele Samen nach Surtsey – für 62 der 78 Pflanzenarten fanden die Forscher Hinweise auf Verbreitung durch Wasservögel.

Übrigens: Surtsey zeigt, wie wichtig Vögel für neues Leben sein können – doch viele Seevögel verlieren durch wärmere Meere selbst ihren Lebensraum. Warum sie deshalb immer weitere Strecken fliegen müssen, lesen Sie in unserem Artikel.

Bild: © Michael F. Schönitzer via Wikimedia unter CC BY-SA 2.0

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