ADHS-Diagnose bei Kindern: Warum die Jüngsten einer Klasse häufiger betroffen sind
Jüngere Kinder einer Klasse erhalten laut Studie häufiger eine ADHS-Diagnose und öfter einen sonderpädagogischen Förderstatus.
Im Klassenzimmer können wenige Monate Altersunterschied darüber mitentscheiden, wie Lehrkräfte Verhalten und Lernentwicklung von Kindern wahrnehmen. © Pexels
Kinder derselben Schulklasse lernen gemeinsam, schreiben dieselben Arbeiten und werden nach denselben Maßstäben beurteilt. Dabei wird oft übersehen, dass zwischen dem jüngsten und dem ältesten Kind eines Jahrgangs fast zwölf Monate liegen können. Im Erwachsenenalter fällt ein solcher Unterschied kaum auf. In der Grundschule kann er jedoch erhebliche Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Sprache, Verhalten und Lernentwicklung haben.
Eine neue Studie der Bergischen Universität Wuppertal legt nahe, dass dieser Altersunterschied weit über den Unterricht hinausreicht. Die Auswertung von Daten von mehr als 67.000 Schülerinnen und Schülern zeigt, dass die jüngsten Kinder eines Jahrgangs häufiger eine ADHS-Diagnose erhalten und öfter als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft werden. Erschienen ist die Untersuchung in der Fachzeitschrift Exceptional Children.
ADHS-Diagnose bei Kindern tritt bei den Jüngsten deutlich häufiger auf
Besonders deutlich fällt der Zusammenhang in der vierten Klasse aus. Dort erhielten die jüngsten Kinder eines Jahrgangs rund 52 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre älteren Mitschüler.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Wert überraschend hoch. Die Forscher fanden jedoch keinen Hinweis darauf, dass jüngere Kinder grundsätzlich häufiger von ADHS betroffen sind. Stattdessen sprechen die Ergebnisse dafür, dass altersbedingte Entwicklungsunterschiede die Wahrnehmung von Verhalten beeinflussen können.
In der untersuchten Stichprobe lag die ADHS-Häufigkeit bei Viertklässlern bei 2,1 Prozent. Schon wenige Monate Altersunterschied innerhalb derselben Klasse gingen mit deutlich unterschiedlichen Diagnosewahrscheinlichkeiten einher.
„Jüngere Kinder können insbesondere in der Grundschulzeit im Vergleich zu älteren Mitschülern eher als unaufmerksam, impulsiv oder lernschwächer wahrgenommen werden, obwohl solche Unterschiede häufig entwicklungsbedingt und altersgemäß sind“, sagt Bildungsforscherin Janka Goldan.
Viele Verhaltensweisen, die im Unterricht auffallen, entwickeln sich nicht bei allen Kindern im gleichen Tempo. Dazu gehören unter anderem:
- Konzentrationsfähigkeit
- Impulskontrolle
- Sprachentwicklung
- soziale Reife
Förderbedarf wird ebenfalls häufiger festgestellt
Die Untersuchung beschränkt sich nicht auf ADHS. Die Wissenschaftler analysierten auch die Vergabe sonderpädagogischer Förderbedarfe. Dabei zeigte sich ein ähnliches Muster. Kinder, die innerhalb ihres Jahrgangs zu den Jüngsten gehören, wurden häufiger als förderbedürftig eingestuft als ältere Klassenkameraden.
In der vierten Klasse lag die Wahrscheinlichkeit einer solchen Einstufung um rund 21 Prozent höher. In der neunten Klasse stieg der Unterschied sogar auf 25 bis 27 Prozent.
Besonders oft betraf dies die Bereiche Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Reifeunterschiede bei schulischen Bewertungen stärker berücksichtigt werden sollten.
Für viele Familien hat eine solche Einstufung weitreichende Folgen. Ein Förderstatus eröffnet zusätzliche Unterstützungsmöglichkeiten. Er kann jedoch auch den weiteren Bildungsweg beeinflussen.
Ein Jahr Unterschied bedeutet im Kindesalter oft sehr viel
Während Erwachsene einen Altersabstand von zwölf Monaten kaum wahrnehmen, sieht das bei Kindern anders aus. Zwischen einem achtjährigen Kind und einem Klassenkameraden, der fast neun Jahre alt ist, liegen oft deutliche Unterschiede in der Entwicklung.
Laut der Studie vergleichen Lehrkräfte die Kinder zwangsläufig mit ihren Mitschülern. Dadurch entsteht ein Bezugssystem, in dem jüngere Kinder häufiger als weniger konzentriert oder weniger weit entwickelt erscheinen können.
Für ihre Analyse nutzten die Forscher die unterschiedlichen Einschulungsstichtage der Bundesländer. Dadurch konnten sie untersuchen, welchen Einfluss das relative Alter innerhalb eines Jahrgangs auf spätere Diagnosen und Förderentscheidungen hat.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht allein Leistungen oder Verhaltensmerkmale über solche Entscheidungen bestimmen. Auch das Alter eines Kindes innerhalb seiner Klasse spielt offenbar eine Rolle.
Warum der Zusammenhang später schwächer wird
Interessant ist der Blick auf ältere Schüler. In der neunten Klasse fanden die Forscher keinen statistisch belastbaren Zusammenhang mehr zwischen dem relativen Alter und einer ADHS-Diagnose.
Viele Entwicklungsunterschiede verlieren mit den Jahren an Bedeutung. Kinder und Jugendliche holen in ihrer Entwicklung auf. Auffälligkeiten, die in der Grundschule noch deutlich sichtbar sind, fallen später oft weniger stark auf.
Anders verhielt es sich beim sonderpädagogischen Förderbedarf. Dort blieben die Unterschiede bestehen. Teilweise fielen sie sogar stärker aus als in der vierten Klasse. Die Autoren führen dafür mehrere mögliche Gründe an:
- Förderentscheidungen wirken oft über viele Jahre nach.
- Frühere Einstufungen können spätere Bildungswege beeinflussen.
- Erwartungen von Lehrkräften verändern sich mit bestehenden Diagnosen häufig dauerhaft.
„Was zunächst ein normaler Entwicklungsunterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern ist, kann durch diagnostische Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg haben“, sagt Franz G. Westermaier von der Bergischen Universität Wuppertal.
Forscher empfehlen altersgerechtere Bewertungen
Aus Sicht der Autoren sollten Diagnosen und schulische Förderentscheidungen den Entwicklungsstand eines Kindes stärker berücksichtigen. „Altersbedingte Reifeunterschiede beeinflussen diagnostische Entscheidungen systematisch“, schreiben die sie.
Sie sprechen sich deshalb für stärker standardisierte Verfahren aus. Zudem empfehlen sie unabhängige Fachleute aus unterschiedlichen Berufsgruppen, damit Bewertungen nicht allein auf Beobachtungen im Schulalltag beruhen.
Kurz zusammengefasst:
- Kinder, die innerhalb ihrer Klasse zu den Jüngsten gehören, erhalten laut der Studie häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere Mitschüler desselben Jahrgangs.
- Jüngere Schüler werden außerdem häufiger als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft, obwohl ein Teil der Unterschiede auf die normale Entwicklung im Kindesalter zurückgehen könnte.
- Die Forscher empfehlen, bei Diagnosen und Förderentscheidungen das Alter eines Kindes innerhalb der Klasse stärker zu berücksichtigen und standardisierte Verfahren einzusetzen.
Übrigens: Künstliche Intelligenz könnte Hinweise auf ADHS künftig schon Jahre vor der eigentlichen Diagnose erkennen. Ein Forschungsteam wertete dafür Gesundheitsdaten von mehr als 140.000 Kindern aus und fand auffällige Muster bereits im Vorschulalter. Mehr dazu in unserem Artikel.
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