Forscher finden Demenz-Anzeichen in der Handschrift – ein simpler Schreibtest liefert Hinweise

Eine neue Studie aus Portugal zeigt: Ein auffällig langsames Schreibtempo kann ein frühes Demenz-Anzeichen sein.

Schon beim Schreiben nach Diktat zeigte sich in der Studie ein auffälliger Unterschied: Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung brauchten länger bis zum ersten Strich und setzten den Stift häufiger neu an. © Ana Rita Silva / Frontiers

Schon beim Schreiben nach Diktat zeigte sich in der Studie ein auffälliger Unterschied: Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung brauchten länger bis zum ersten Strich und setzten den Stift häufiger neu an. © Ana Rita Silva / Frontiers

Mit dem Alter verändert sich auch die Handschrift. Buchstaben werden kleiner, Bewegungen langsamer, der Stift setzt häufiger ab. Vieles davon gilt als normale Alterserscheinung. Doch manchmal verrät das Schreiben mehr über den Zustand des Gehirns, als es auf den ersten Blick scheint.

Forscher aus Portugal haben ältere Menschen deshalb nicht nur schreiben lassen, sondern jede Bewegung des Stifts digital vermessen. Auffällig wurden die Unterschiede vor allem dann, wenn die Aufgabe Konzentration verlangte – etwa beim Schreiben nach Diktat. Dann gerieten Tempo, Rhythmus und Bewegungsfluss messbar aus dem Takt, wie es aus ihrer Studie in Fachjournal Frontiers in Human Neuroscience hervorgeht.

Untersucht hat das ein Team um Ana Rita Matias von der Universität Évora. Die Forscher baten 58 ältere Menschen aus Pflegeeinrichtungen zum Schreibtest, 38 von ihnen mit kognitiver Beeinträchtigung, 20 ohne auffälligen Befund. Sie schrieben mit einem Tintenstift auf Papier, das auf einem digitalen Tablet lag. Dadurch sah das Team nicht nur, was am Ende auf dem Blatt stand, sondern auch, wie jeder einzelne Strich entstand.

Demenz verändert Handschrift vor allem beim anspruchsvollen Schreiben

Die Forscher interessierten sich besonders für den Weg zur Schrift. Sie erhoben die folgenden Daten:

  • Zeit bis zum ersten Strich
  • Dauer der Schreibbewegung
  • Zahl einzelner Stiftbewegungen
  • Größe der Schriftbewegung
  • Stiftdruck und Bewegungsflüssigkeit

Zuerst bekamen die Teilnehmer einfache Aufgaben. Sie sollten in 20 Sekunden mindestens zehn Linien ziehen. Danach sollten sie in derselben Zeit mindestens zehn Punkte setzen. Diese Tests trennten die Gruppen kaum. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung schnitten dabei nicht auffällig anders ab als die Vergleichsgruppe. Das ist ein wichtiger Befund, weil er reine Motorik als Erklärung schwächer macht.

Dann folgten Schreibaufgaben mit mehr geistiger Belastung. Die Teilnehmer mussten Sätze abschreiben oder nach Diktat schreiben. „Schreiben ist nicht nur eine motorische Aktivität, es ist ein Fenster ins Gehirn“, sagt Matias. Das beschreibt den Kern der Arbeit gut, denn die Auffälligkeiten lagen nicht einfach in unordentlichen Buchstaben. Sie zeigten sich im Tempo, im verzögerten Start und in einer stärker zerstückelten Bewegung.

Einfache Schreibtests reichen oft nicht aus

Die stärksten Unterschiede fanden die Forscher beim komplexeren Diktat. Dort erhöhte vor allem eine längere Bewegungsdauer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zur Gruppe mit kognitiver Beeinträchtigung gehörte. Auch die Zahl der Stiftbewegungen spielte eine Rolle. Wer häufiger neu ansetzte und weniger flüssig schrieb, fiel in den digitalen Messdaten eher auf.

Matias erklärt, was Diktate von einfachen Aufgaben unterscheidet: „Diktataufgaben sind sensibler, weil das Gehirn mehrere Dinge auf einmal tun muss: zuhören, Sprache verarbeiten, Laute in Schrift umwandeln und Bewegung koordinieren“, sagt sie. Ein längerer oder ungewohnter Satz belastet das Arbeitsgedächtnis stärker. Dazu kommen Sprachverarbeitung und Planung.

Eine zittrige Handschrift allein sagt wenig aus. Auch Alter, Gelenkprobleme, Müdigkeit oder Medikamente können das Schreiben verändern. Ein Demenz-Anzeichen kann dann vorliegen, wenn ein Mensch beim Schreiben unter geistiger Belastung deutlich langsamer wird oder häufig unterbricht.

Demenz-Anzeichen zeigen sich eher unter Belastung

Bei den Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung hingen Startzeit, Schriftgröße und Dauer stärker mit der Schreibleistung zusammen. In der gesunden Vergleichsgruppe traten solche Verbindungen seltener auf. Das passt zu einer plausiblen Erklärung: Wer geistig stabiler ist, kann altersbedingte Verlangsamung eher ausgleichen. Bei kognitiven Problemen gelingt das schlechter.

„Wenn diese kognitiven Systeme nachlassen, wird das Schreiben langsamer, stärker zerstückelt und weniger koordiniert“, sagt Matias. Damit meint sie vor allem das Arbeitsgedächtnis und die sogenannte exekutive Kontrolle. Diese Fähigkeiten helfen dabei, eine Aufgabe zu planen, Informationen kurz zu behalten und die passende Handlung auszuführen.

Die Methode könnte deshalb für Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und geriatrische Untersuchungen interessant werden. Sie braucht kein großes Gerät – ein digitales Schreibtablett, ein Stift und kurze Aufgaben genügen. Die Untersuchung greift nicht in den Körper ein und lässt sich vergleichsweise günstig durchführen.

Der mögliche Nutzen liegt vor allem in drei Bereichen:

  • frühere Hinweise auf kognitive Veränderungen
  • Verlaufskontrolle bei älteren Menschen
  • objektivere Ergänzung zu Gesprächen und klassischen Tests
Die Teilnehmer schrieben mit einem Stift auf einem digitalen Tablet. Dabei erfasste die Technik nicht nur die Handschrift selbst, sondern auch Tempo, Druck und Bewegungsfluss jedes einzelnen Strichs. © Ana Rita Matias
© Ana Rita Matias Die Teilnehmer schrieben mit einem Stift auf einem digitalen Tablet. Dabei erfasste die Technik nicht nur die Handschrift selbst, sondern auch Tempo, Druck und Bewegungsfluss jedes einzelnen Strichs. © Ana Rita Matias

Warum die Studie noch keine Diagnose ersetzt

Die Arbeit hat jedoch klare Grenzen. Nur 58 Personen nahmen teil. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne weitere Prüfung auf alle älteren Menschen übertragen. Außerdem wertete das Team Medikamente nicht systematisch aus. Gerade in Pflegeeinrichtungen können Beruhigungsmittel, Antidepressiva oder Antipsychotika Bewegungen beeinflussen.

Schwere neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson schlossen die Forscher aus. Trotzdem bleiben allgemeine Gebrechlichkeit, Gesundheitszustand und Alltagssituation wichtige Faktoren. Weitere Untersuchungen mit größeren und vielfältigeren Gruppen müssen klären, wie zuverlässig solche Schreibdaten kognitiven Abbau anzeigen.

„Das langfristige Ziel ist es, ein Werkzeug zu entwickeln, das einfach anzuwenden, zeitsparend und bezahlbar ist“, sagt Matias. Es solle sich in den Alltag der Gesundheitsversorgung einfügen lassen, „ohne spezielle oder teure Ausrüstung“.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine Studie aus Portugal deutet darauf hin, dass das Handschrift-Tempo ein mögliches frühes Demenz-Anzeichen sein kann.
  • Besonders beim Diktat traten Unterschiede auf, weil das Gehirn dabei zuhören, Sprache verarbeiten und die Hand steuern muss.
  • Ein digitaler Schreibtest könnte Ärzte künftig bei der Früherkennung unterstützen, ersetzt aber keine medizinische Diagnose.

Übrigens: Nicht nur die Handschrift kann frühe Hinweise auf eine Demenz liefern, auch Blutwerte zeigen offenbar schon bei jungen Erwachsenen erste Warnzeichen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Ana Rita Silva / Frontiers

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