Forscher schlagen Alarm: Schon Zehnjährige greifen zu Vapes
Bereits Kinder in der fünften Klasse vapen. Süße Aromen machen frühe Nikotinabhängigkeit wahrscheinlicher.
Süße Aromen und bunte Verpackungen lassen Vapes für Kinder oft harmlos wirken. Schulen testen deshalb neue Strategien, um schon Zehnjährige besser vor Nikotin zu schützen. © Magnific
Noch vor wenigen Jahren schien der Trend klar: Immer weniger Jugendliche rauchten klassische Zigaretten. Präventionskampagnen griffen, Rauchen verlor an gesellschaftlicher Akzeptanz, viele Schulen meldeten rückläufige Zahlen. Doch Einweg-E-Zigaretten verändern die Lage. Süße Aromen, grelle Farben und das Image eines harmlosen Lifestyle-Produkts erreichen inzwischen auch immer jüngere Kinder.
Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin beschreiben in einer neuen Studie, warum Prävention heute deutlich früher beginnen muss als noch vor einigen Jahren. Schon Elfjährige berichten in der Untersuchung von Mitschülern, die Vapes benutzen. Das Programm soll deshalb schon in der fünften Klasse starten.
Vapes locken Kinder mit Süßigkeiten-Geschmack
Viele Einweg-Vapes erinnern eher an Süßigkeiten als an Nikotinprodukte. Sie schmecken nach Cola, Blaubeere oder Vanille. Das macht sie für Kinder so verführerisch. Die Geräte sind klein, auffällig gestaltet und wirken auf viele harmlos. Der Dampf riecht süß statt streng. Die Hemmschwelle sinkt.
Marina Hinßen, Erstautorin der Studie an der Charité, berichtet: „20 Jahre lang war Nikotinprävention bei Kindern und Jugendlichen eine Erfolgsgeschichte. Doch nun beobachten wir, dass die langjährigen Erfolge durch Einweg-E-Zigaretten ausgebremst werden.“ Besonders alarmierend sei dabei: „Selbst Kinder, die vorher nie geraucht haben, greifen jetzt zur E-Zigarette.“
Nikotin bleibt eines der stärksten Suchtmittel. Bei jungen Menschen kann es die Entwicklung des Gehirns nachhaltig stören. Auch Lunge, Herz und Blutgefäße werden belastet. Chronische Atemwegserkrankungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle gehören zu den möglichen Folgen. Viele Kinder kennen diese Risiken kaum. In Gesprächen mit 10- bis 13-Jährigen zeigte sich, wie normal Vaping bereits geworden ist. Hinßen sagt:
Vaping ist für sie allgegenwärtig – aber die Risiken sind oft unbekannt.
Viele Kinder lehnen Vapes noch nicht klar ab
Die Forscher werteten zunächst eine Machbarkeitsstudie mit überwiegend 11- bis 12-Jährigen aus. Das Ergebnis zeigt, wie früh das Thema beginnt. Rund zwölf Prozent der Kinder hatten bereits Erfahrungen mit Nikotinprodukten gemacht. Genauer sah das so aus:
- 3,7 Prozent hatten schon Zigaretten ausprobiert
- 6,5 Prozent hatten Einweg-E-Zigaretten genutzt
- 7,6 Prozent hatten bereits Shisha-Erfahrung
Noch auffälliger war ein anderer Wert: 36 Prozent der Kinder, die noch nie geraucht hatten, galten als anfällig für späteres Vaping oder Rauchen. Viele hatten also noch keine klare innere Ablehnung gegenüber solchen Produkten.
Die Forscher beschreiben Einweg-Vapes deshalb als besonders problematisch. Farben, Geruch und die Erwartung süßer Geschmacksrichtungen erzeugen einen starken Reiz – selbst bei Kindern, die eigentlich nicht rauchen wollen.
Prävention startet jetzt schon in der fünften Klasse
Ursprünglich war das Schulprogramm für ältere Schüler gedacht. Nach den Gesprächen mit Schulen und Kindern änderte das Forschungsteam den Plan. Die Prävention beginnt nun bereits in der fünften Klasse – also mit etwa zehn Jahren.
Das Programm trägt den Namen „nachvorn“. Es wurde gemeinsam mit Schülern, Lehrkräften sowie Fachleuten aus Gesundheitswesen, Psychologie und Pädagogik entwickelt und von der Deutschen Herzstiftung unterstützt. Ziel ist es, Kinder zu erreichen, bevor regelmäßiger Konsum entsteht. Drei interaktive Workshops bilden das Herzstück. Es geht nicht nur um Warnungen vor Gesundheitsschäden. Die Kinder lernen auch:
- wie Gruppendruck funktioniert
- wie man in einer Situation klar Nein sagt
- wie Werbung und Social Media Vapes attraktiver machen
- wie Stress ohne Nikotin bewältigt werden kann
Rollenspiele, Experimente und praktische Übungen machen die Inhalte greifbar. Die Kinder sollen die Strategien direkt im Alltag anwenden können.
Schulen brauchen Lösungen, die wirklich machbar sind
Viele Schulen haben kaum Zeit für zusätzliche Präventionsprojekte. Lehrkräfte arbeiten am Limit, personelle Ressourcen fehlen oft. Ein Programm funktioniert deshalb nur, wenn es in den Schulalltag passt. „Nachvorn“ besteht aus drei Unterrichtsblöcken. Geschulte Teams aus Medizin, Psychologie und Gesundheitswissenschaft übernehmen große Teile davon. Lehrer müssen nur wenig vorbereiten.
Getestet wurde das Programm in 13 Klassen. 92 Schüler nahmen an den Befragungen teil. Zusätzlich flossen Interviews mit 62 Schülern und Einschätzungen von 54 Fachleuten ein. Die Rückmeldungen waren klar positiv. Kinder und Lehrkräfte bewerteten das Programm gut und würden es anderen Schulen weiterempfehlen. Die Studie beschreibt eine hohe Akzeptanz und gute Umsetzbarkeit – auch an Schulen mit begrenzten personellen und finanziellen Mitteln.
Aktuell entwickelt die Charité das Programm zu einer digitalen Plattform weiter. Schulen sollen zwischen videobasierten Modulen und einer interaktiveren Variante wählen können.
Forscher fordern strengere Regeln für süße Vapes
Für die Forscher reicht Aufklärung allein nicht aus. Sie fordern auch politische Konsequenzen. Besonders kritisch sehen sie Aromastoffe, die E-Zigaretten für junge Menschen attraktiver machen.
Prof. Gertraud Stadler, Leiterin der Studie und des Arbeitsbereichs Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité, warnt deutlich: „Süße Geschmacksrichtungen werfen uns in der Suchtprävention um Jahre zurück.“ Aus ihrer Sicht braucht es strengere Regeln beim Jugendschutz: „Ein Verbot dieser Aromen wäre ein wichtiger Schritt, um Kinder besser zu schützen.“
Jetzt läuft die große Langzeitstudie
Die bisherigen Ergebnisse zeigen vor allem: Das Programm funktioniert im Schulalltag und kommt bei Kindern an. Ob es langfristig wirklich verhindert, dass junge Menschen mit Nikotin anfangen, soll nun eine größere Untersuchung klären.
Geplant ist eine kontrollierte Cluster-Studie mit mindestens 1.500 Berliner Schülerinnen und Schülern an 26 Schulen. Es ist die europaweit erste kontrollierte Studie zur E-Zigarettenprävention an Schulen. Die Kinder werden über drei, sechs und zwölf Monate begleitet. Hinßen erklärt: „Wir haben ein Tool entwickelt, das unmittelbar bei Kindern, Lehrkräften und Schulen ankommt. Jetzt geht es darum, es flächendeckend einzusetzen und zu testen, damit wir noch mehr Kinder und Jugendliche erreichen.“
Kurz zusammengefasst:
- Über 20 Jahre galt die Nikotinprävention bei Kindern und Jugendlichen als Erfolg, doch Einweg-E-Zigaretten bremsen diese Entwicklung deutlich aus.
- Vapes erreichen Kinder heute oft schon in der fünften Klasse, weil süße Aromen, bunte Designs und eine harmlose Wirkung die Hemmschwelle stark senken.
- Prävention beginnt deshalb früher: Kinder sollen bereits ab etwa zehn Jahren lernen, Gruppendruck zu widerstehen und bewusst Nein zu Nikotin zu sagen.
Übrigens: Nicht nur Vapes setzen Kinder unter Druck – auch der Schulalltag selbst belastet viele zunehmend. Neue Zahlen zeigen, dass bereits jedes vierte Kind psychisch deutlich belastet ist und Schule dabei oft eine zentrale Rolle spielt. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Magnific
