Eine Depression bleibt oft unerkannt – neuer Bluttest könnte das ändern

Ein Bluttest könnte Depressionen künftig früher erkennen. Entscheidend sind bestimmte Immunzellen im Blut.

Frau ist verzweifelt

Bei depressiven Symptomen altern bestimmte weiße Blutkörperchen offenbar anders als andere Zelltypen im Blut. © Pexels

Hinter Antriebslosigkeit, Rückzug oder ständiger Erschöpfung kann mehr stecken als nur Stress. Wer keine Freude mehr an Alltag, Freunden oder Hobbys empfindet, denkt oft zuerst an Überlastung – nicht an eine Depression. Ein einfacher Bluttest soll in Zukunft dabei helfen, die Erkrankung früher zu erkennen.

Ärzte stützen sich bisher vor allem auf Gespräche, Fragebögen und persönliche Beobachtungen. Blutuntersuchungen helfen meist nur dabei, andere Ursachen wie Hormonstörungen oder körperliche Erkrankungen auszuschließen. Ein objektiver Laborwert, der direkt auf eine Depression hinweist, fehlt bislang. Eine Untersuchung der New York University liefert nun einen wichtigen Hinweis darauf, wie sich das künftig ändern könnte.

Bluttest liefert Hinweise auf Depression

Als möglicher Marker im Blut kommen sogenannte Monozyten infrage. Das sind weiße Blutkörperchen, die zum Immunsystem gehören und bei Entzündungen eine wichtige Rolle spielen. Sie helfen dem Körper bei der Abwehr von Krankheitserregern und reagieren empfindlich auf dauerhafte Belastungen. Auch bei HIV spielen sie eine wichtige Rolle.

Die Forscher untersuchten das sogenannte biologische Alter dieser Zellen. Gemeint ist nicht das tatsächliche Lebensalter, sondern der Zustand der Zellen. Dieser lässt sich über chemische Veränderungen an der DNA messen. Solche Veränderungen zeigen, wie stark der Körper bereits durch Stress, Entzündungen oder Krankheiten belastet wurde.

Je älter diese Monozyten biologisch wirkten, desto häufiger traten typische depressive Symptome auf – vor allem Hoffnungslosigkeit, Freudverlust und das Gefühl des Versagens.

Warum eine Depression oft lange unerkannt bleibt

Viele Menschen verbinden eine Depression mit sichtbarer Niedergeschlagenheit. Doch häufig verändern sich zuerst kleine Dinge im Alltag. Betroffene schaffen weniger, ziehen sich zurück oder verlieren die Freude an Dingen, die früher selbstverständlich waren. Das wirkt nach außen oft wie Stress, Überlastung oder Schlafmangel. Eine Depression bleibt dadurch leicht unerkannt.

Auch für Ärzte ist die Abgrenzung schwierig. Müdigkeit, Appetitverlust oder innere Unruhe können viele Ursachen haben. Die Studie lenkt den Blick deshalb auf Symptome, die weniger sichtbar sind: Hoffnungslosigkeit, Freudverlust und das Gefühl des Scheiterns.

Ein Symptom stach besonders heraus

Für die Untersuchung wurden Daten von 440 Frauen ausgewertet. 261 Teilnehmerinnen lebten mit HIV, 179 nicht. Die Forscher nutzten dafür die bekannte CES-D-Skala. Das ist ein Fragebogen mit 20 Punkten zur Erfassung depressiver Symptome. Dabei unterschieden sie zwei Bereiche:

  • körperliche Beschwerden wie Müdigkeit, Appetitverlust oder innere Unruhe
  • nicht-körperliche Symptome wie Hoffnungslosigkeit, Interessenverlust oder Antriebslosigkeit

Das überraschende Ergebnis: Nicht die körperlichen Beschwerden zeigten den stärksten Zusammenhang mit den Blutwerten, sondern die emotionalen und kognitiven Veränderungen. Besonders deutlich war das bei der sogenannten Anhedonie. Das ist der Verlust von Freude und Interesse an Dingen, die früher wichtig waren – etwa Hobbys, soziale Kontakte oder alltägliche Routinen. „Das stellt vieles auf den Kopf, weil wir gesehen haben, dass diese Werte mit Stimmung und kognitiven Symptomen verbunden sind – nicht mit körperlichen Beschwerden“, sagt Studienautorin Nicole Beaulieu Perez.

Frauen mit HIV sind besonders gefährdet

Ein Schwerpunkt der Studie lag auf Frauen mit HIV. Sie entwickeln deutlich häufiger Depressionen als andere Gruppen. Gründe dafür sind unter anderem chronische Entzündungen, soziale Belastungen, Stigmatisierung und die dauerhafte medizinische Behandlung.

Hinzu kommt ein praktisches Problem: Symptome wie Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme werden oft automatisch der HIV-Erkrankung zugeschrieben. Eine Depression bleibt dadurch leichter unerkannt. Perez erklärt: „Für Frauen mit HIV, die möglicherweise an Depressionen leiden, wollen wir besser verstehen, was passiert – und es früher erkennen, damit nicht die gesamte Gesundheit leidet.“

Das betrifft nicht nur das psychische Wohlbefinden. Depressionen erschweren oft auch die regelmäßige Einnahme wichtiger Medikamente. Dadurch kann sich die gesamte Behandlung verschlechtern.

Nicht jeder Bluttest zeigt Depression zuverlässig

Die Forscher verglichen zwei verschiedene Methoden zur Messung des biologischen Alters. Eine erfasste viele verschiedene Zelltypen gleichzeitig. Die andere konzentrierte sich gezielt auf Monozyten.

Nur die Monozyten-Messung zeigte einen klaren Zusammenhang mit depressiven Beschwerden. Die breitere Standardmessung blieb ohne eindeutiges Ergebnis. Das deutet darauf hin, dass nicht allgemeines Altern entscheidend ist, sondern ganz bestimmte Veränderungen im Immunsystem.

Ein fertiger Bluttest für die Arztpraxis existiert noch nicht. Dafür braucht es weitere Forschung. Langfristig könnte daraus aber ein Werkzeug entstehen, das Depression früher erkennt und Behandlungen gezielter macht. Perez ist der Meinung:

Was gemessen wird, kann besser behandelt werden.

Ein solcher Test könnte später sogar helfen, schneller das passende Medikament zu finden – statt lange verschiedene Therapien ausprobieren zu müssen. Perez resümiert abschließend: „Depression ist keine Erkrankung nach dem Einheitsprinzip – sie kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich aussehen. Deshalb ist es so wichtig, die verschiedenen Erscheinungsformen zu berücksichtigen und sich nicht nur auf eine klinische Diagnose zu verlassen.“

Kurz zusammengefasst:

  • Depression zeigt sich oft nicht zuerst durch Traurigkeit, sondern durch Hoffnungslosigkeit, Freudverlust und innere Leere – deshalb bleibt sie häufig lange unerkannt.
  • Eine Studie fand heraus, dass das biologische Altern bestimmter Immunzellen im Blut mit diesen psychischen Symptomen zusammenhängt, während körperliche Beschwerden wie Müdigkeit deutlich weniger aussagekräftig waren.
  • Ein spezieller Bluttest könnte künftig helfen, Depression früher und präziser zu erkennen, besonders bei Risikogruppen wie Frauen mit HIV, und dadurch Behandlungen schneller und gezielter ermöglichen.

Übrigens: Eine Depression endet oft nicht mit dem Verschwinden der Symptome – selbst die Handkraft bleibt bei vielen Betroffenen noch lange deutlich schwächer als bei Gesunden. Ein kurzer Händedruck könnte deshalb mehr über die Folgen einer überstandenen Depression verraten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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