Venedig sinkt – Forscher halten im Extremfall sogar Verlagerung für möglich
Venedig sinkt, während der Meeresspiegel steigt. Schutzsysteme wie MOSE reichen langfristig nicht – selbst eine Verlagerung wird diskutiert.
Steigender Meeresspiegel wird zur wachsenden Gefahr für Venedig. © Wikimedia
Venedig gerät immer stärker unter Druck. Der Meeresspiegel steigt, zugleich senkt sich der Boden unter der Lagunenstadt weiter ab. Die sogenannte Königin der Adria ist besonders anfällig, da sie vielerorts nur knapp über dem Wasser liegt – an tiefen Punkten wie dem Markusplatz zeigt sich das schon heute. Um Venedig dauerhaft zu schützen, könnten klassische Sperrwerke – also bewegliche Schutzbarrieren gegen Hochwasser wie das MOSE-System – irgendwann nicht mehr genügen. Im Extremfall ziehen Forscher inzwischen sogar eine Verlagerung der Stadt in Betracht.
Mit jedem weiteren Anstieg des Meeresspiegels wird der Schutz Venedigs schwieriger. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam um den Klimaforscher Piero Lionello von der Universität Salento in der Fachzeitschrift Scientific Reports.
Warum Venedig sinkt und das Problem wächst
Venedig liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Mehr als die Hälfte der Stadt befindet sich auf einer Höhe zwischen 80 Zentimetern und 1,20 Metern. Gleichzeitig senkt sich der Boden unter der Stadt weiter ab. Im historischen Zentrum beträgt diese Absenkung etwa ein bis zwei Millimeter pro Jahr.
Parallel dazu steigt der Meeresspiegel. Bis zum Jahr 2100 könnte er je nach Entwicklung der Emissionen um rund 0,42 bis 0,81 Meter zunehmen. Extremwerte von bis zu 1,80 Metern gelten ebenfalls als möglich. Ohne Schutzmaßnahmen würden dann große Teile der Stadt regelmäßig überflutet.
Schutzsystem MOSE gewinnt Zeit – aber nicht unbegrenzt
Seit 2022 schützt das mobile Sperrwerk MOSE die Stadt vor Sturmfluten. Bei drohendem Hochwasser werden Barrieren an den Zugängen zur Lagune angehoben. So bleibt das Wasser draußen.
Das System funktioniert. Doch es wird zunehmend gefordert. Mit steigenden Pegeln müssen die Barrieren häufiger geschlossen werden. Das hat Folgen für den Schiffsverkehr, für die Wasserqualität und für die Technik selbst. In der Meldung der Universität Salento heißt es:
Das derzeitige System der mobilen Barrieren wird mit zunehmendem Meeresspiegel an seine funktionalen Grenzen stoßen.
Die Studie geht davon aus, dass sich die Lebensdauer des Systems mit zusätzlichen Maßnahmen verlängern lässt. Doch selbst dann bleibt eine Grenze. Ab einem bestimmten Punkt reichen kurzfristige Schutzmaßnahmen nicht mehr aus.
Neue Strategien greifen tief in die Stadt ein
Lionello und seine Mitautoren denken längst über den bisherigen Hochwasserschutz hinaus. Im Raum stehen Ringdeiche, die Venedig vom übrigen Wasserraum trennen würden, ebenso wie eine dauerhaft geschlossene Lagune. Auch der Rückzug aus besonders gefährdeten Bereichen gehört zu den Möglichkeiten. Im äußersten Fall nennen die Forscher sogar die Verlagerung einzelner Bauwerke.
„Jede Option bewahrt unterschiedliche Werte – doch keine kann alles erhalten“, formuliert Lionello den Zielkonflikt. Manche Maßnahmen schützen Häuser, Plätze und Infrastruktur, verändern aber das Landschaftsbild. Andere erhalten das Stadtbild eher, würden jedoch die Lagune und ihr Ökosystem massiv verändern.
Kosten steigen mit jedem Schritt deutlich an
Konkrete Größenordnungen machen deutlich, wie teuer langfristiger Schutz werden kann:
- Ringdeiche könnten zwischen 500 Millionen und 4,5 Milliarden Euro kosten
- Eine geschlossene Lagune würde mehr als 30 Milliarden Euro erfordern
- Eine mögliche Verlagerung von Bauwerken könnte bis zu 100 Milliarden Euro erreichen
Diese Summen liegen deutlich über den Kosten des bestehenden MOSE-Systems, das rund sechs Milliarden Euro verschlungen hat. Zugleich geht es in Venedig um weit mehr als um Geld. Die Stadt gilt als einzigartiges Kulturerbe. Ein vollständiger Verlust ließe sich nicht ersetzen.
Alltag und Wirtschaft geraten unter Druck
Venedig ist nicht nur ein historischer Ort, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Vor allem der Tourismus trägt die Stadt. Jedes Jahr kommen mehr als 22 Millionen Besucher, der Umsatz liegt bei zwei bis drei Milliarden Euro. Zugleich hat sich das Leben der Bewohner stark verändert. Die Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken.
Häufige Überflutungen erschweren den Alltag. Gebäude müssen angepasst werden, Wege werden unpassierbar, Infrastruktur immer wieder repariert. Auch neue Schutzbauten hätten ihren Preis. Hohe Deiche könnten das Stadtbild verändern, eine geschlossene Lagune würde die natürliche Verbindung zum Meer kappen.

Kritisch wird es nach den Berechnungen bei einem Meeresspiegelanstieg zwischen etwa 0,75 und 1,75 Metern. In diesem Bereich wäre ein grundlegender Strategiewechsel nötig. Frühestens könnte dieser Punkt ab den 2070er-Jahren erreicht werden, bei geringeren Emissionen erst deutlich später.
Große Schutzprojekte brauchen zudem einen langen Vorlauf. Planung und Bau dauern oft mehrere Jahrzehnte. „Entscheidungen müssen lange vor dem eigentlichen Risiko getroffen werden“, heißt es in der Mitteilung der Wissenschaftler.
Im Extremfall rückt sogar ein Umzug in den Blick
Bei sehr starkem Meeresspiegelanstieg könnten selbst große Schutzsysteme an ihre Grenzen kommen. Dann bliebe am Ende nur noch der Rückzug. Dazu gehört auch die Möglichkeit, einzelne Bauwerke an sicherere Orte zu verlagern.
„Die Verlagerung von Teilen der Stadt ist technisch möglich, aber nur als äußerste Option denkbar“, heißt es von den Forschern. Damit geht es längst nicht mehr nur um häufigere Überschwemmungen, sondern um die Frage, wie lange sich Venedig in seiner heutigen Form überhaupt noch erhalten lässt.
Kurz zusammengefasst:
- Venedig ist doppelt bedroht: Der Meeresspiegel steigt, und zugleich senkt sich der Boden unter der Stadt weiter ab. Dadurch geraten selbst bestehende Schutzsysteme wie MOSE langfristig an ihre Grenzen.
- In Scientific Reports beschreiben Piero Lionello und sein Team mehrere mögliche Wege für die Zukunft Venedigs: zusätzliche Deiche, eine dauerhaft geschlossene Lagune oder im Extremfall sogar die Verlagerung einzelner Bauwerke oder Teile der Stadt.
- Die entscheidende Erkenntnis lautet: Es geht in Venedig längst nicht mehr nur um häufigeres Hochwasser, sondern um die Frage, wie lange sich die Stadt noch schützen lässt – und welche Lösungen Kultur, Alltag, Natur und Sicherheit am ehesten bewahren.
Übrigens: Nicht nur Venedig gerät durch den Klimawandel unter Druck – auch Griechenlands antike Stätten werden zunehmend zu Risikozonen, weil Hitze, Brände, Starkregen und Steinschläge Orte wie Olympia oder Delphi bedrohen. Behörden reagieren bereits mit Evakuierungsplänen, Brandmeldesystemen und neuen Schutzanlagen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Laima Gūtmane (simka) via Wikimedia unter CC BY-SA 3.0
