Europas Pflanzenwelt verändert sich rasant – und der Hauptgrund ist nicht der Klimawandel
Der Vegetationswandel in Europa wird laut Studie oft stärker durch Stickstoff als durch steigende Temperaturen angetrieben.
Düngemittel verändern Europas Vegetation deutlich und treiben laut Studie den Wandel vieler Landschaften stärker an als die Erwärmung. © Unsplash
Artenreiche Wiesen werden seltener, Feuchtgebiete verlieren typische Pflanzen, und in den Bergen verschieben sich ganze Lebensräume. Dieser Vegetationswandel in Europa fällt vielerorts auf und wird häufig vor allem mit dem Klimawandel erklärt. Doch daneben wirkt seit Jahrzehnten ein weiterer Einfluss im Hintergrund, der oft unterschätzt wird. Denn nicht die Temperatur allein verändert die Landschaften, sondern vor allem Stickstoff aus Dünger, Luftschadstoffen und intensiver Nutzung.
Beschrieben wird dieser Vegetationswandel in einer großen Studie, an der auch ein Team der Tschechischen Agraruniversität in Prag beteiligt war. Für die in Science Advances veröffentlichte Analyse werteten die Forscher 644.524 Vegetationsaufnahmen aus Europa aus. Sie verfolgten die Entwicklung von fast 14.000 Pflanzenarten über sechs Jahrzehnte. Das Ergebnis ist eindeutig: Der stärkste Wandel wird nicht durch die Erwärmung verursacht, sondern von einer Landschaft, die über Jahre immer nährstoffreicher und dichter geworden ist.
Vegetationswandel in Europa hat mehrere Ursachen
Viele verbinden veränderte Natur sofort mit dem Klimawandel. Hitzeperioden, Trockenheit und schmelzende Gletscher prägen das Bild. Für Pflanzen spielen jedoch mehrere Faktoren eine Rolle. Licht, Boden, Feuchtigkeit und Nährstoffe bestimmen, welche Arten sich durchsetzen.
Die Auswertung der Daten zeigt eine klare Verschiebung in der Artenzusammensetzung seit 1960. Pflanzen, die viele Nährstoffe benötigen, breiten sich stärker aus. Gleichzeitig nehmen Arten zu, die mit weniger Licht auskommen. Bestände werden dichter. Andere Pflanzen verlieren ihren Platz.
Auch die Zahlen machen das greifbar. Der Stickstoff-Zeigerwert stieg im Schnitt um 0,25 Punkte. Bei 62 Prozent der untersuchten Flächen lag der Anstieg bei mindestens 0,1 Punkten. Das entspricht bereits einem Prozent des gesamten europäischen Spektrums dieses Umweltfaktors.
Stickstoff verändert Landschaften spürbar
Stickstoff wirkt dabei als zentraler Treiber des Wandels. Er gelangt über Düngemittel, Luftschadstoffe und veränderte Nutzung in die Böden. Wenn Flächen seltener gemäht oder beweidet werden, wächst mehr Biomasse, und die Pflanzen stehen dichter. Dadurch erreicht weniger Licht den Boden, was wiederum die Zusammensetzung der Arten verändert.
Die Studie fasst das klar zusammen: „Unsere Ergebnisse deuten auf einen weit verbreiteten Trend zu dichterer Vegetation hin, angetrieben durch Überdüngung und Veränderungen der Bewirtschaftung.“ Dieser Prozess bleibt oft unauffällig, weil viele Flächen weiterhin grün und kräftig wirken. Es sinkt jedoch die Vielfalt, da anspruchsvolle Arten verschwinden und robuste Pflanzen sich stärker durchsetzen.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt in:
- laubabwerfenden Wäldern
- trockenen Graslandschaften
- Teilen von Gebüschen und Feuchtgebieten
Einige Lebensräume reagieren weniger stark. In bestimmten Graslandschaften bleibt die Entwicklung stabil. In nassen Wiesen oder Hochstaudenfluren gehen die Werte teilweise sogar zurück. Insgesamt bleibt die Richtung jedoch klar.
Das Klima wirkt, aber oft indirekt
Die Rolle der Temperatur fällt differenzierter aus als oft angenommen. In vielen Regionen zeigt sich kein klarer direkter Effekt in den Pflanzenbeständen. „Entgegen unseren Erwartungen fanden wir in den meisten Flächen keine Hinweise auf einen Temperaturanstieg in den Zeigerwerten“, schreiben die Autoren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Klimawandel keine Rolle spielt. Vielmehr wirkt er häufig indirekt, etwa wenn höhere Temperaturen zusammen mit mehr Kohlendioxid und Nährstoffen das Wachstum fördern. In solchen Fällen bilden Pflanzen mehr Biomasse, wodurch sich Bestände weiter verdichten,
In Wäldern zeigt sich ein kleiner Effekt. Dort nehmen Arten zu, die eher auf weniger sauren Böden wachsen. Der Wandel verläuft also unterschiedlich, je nach Standort und Nutzung.
In den Bergen verschiebt sich die Vegetation schneller
In Hochlagen wird der Einfluss der Erwärmung deutlicher. In alpinen und subalpinen Regionen breiten sich wärmeliebende Pflanzen seit etwa dem Jahr 2000 stärker aus. Kälteangepasste Arten geraten unter Druck. Der Grund liegt in den kurzen Distanzen zwischen Klimazonen. Pflanzen aus tieferen Lagen können leichter nach oben ausweichen. Im Flachland dauert dieser Prozess länger. Dort verändern sich Pflanzengemeinschaften langsamer.
Auch Feuchtgebiete verlieren typische Arten. Der Feuchte-Zeigerwert sank im Schnitt um 0,20 Punkte. Entwässerung, Trockenperioden und Eingriffe in den Wasserhaushalt verstärken diesen Effekt.
Was sich für den Schutz der Natur ableiten lässt
Die Ergebnisse zeigen: Entscheidend ist, den Eintrag von Stickstoff zu begrenzen. Das betrifft vor allem die Landwirtschaft und Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Weitere hilfreiche Maßnahmen sind:
- Pufferzonen rund um Schutzgebiete reduzieren Nährstoffeinträge
- extensive Bewirtschaftung hält Flächen offen
- regelmäßige Mahd und Beweidung fördern artenreiche Wiesen
Die Studienautoren warnen jedoch:
Die Verringerung von Stickstoffüberschüssen an der Quelle bleibt entscheidend, um die Pflanzenvielfalt zu schützen.
Kurz zusammengefasst:
- Europas Pflanzenwelt verändert sich seit Jahrzehnten nicht nur durch Erwärmung, sondern vor allem durch mehr Stickstoff aus Dünger, Luftschadstoffen und veränderter Landnutzung.
- Der Vegetationswandel in Europa macht Bestände dichter, verdrängt lichtliebende Arten und setzt Feuchtgebiete sowie Bergregionen besonders stark unter Druck.
- Wer die Artenvielfalt schützen will, muss deshalb nicht nur den Klimawandel bremsen, sondern auch Nährstoffeinträge senken und Lebensräume durch passende Bewirtschaftung offen und vielfältig halten.
Übrigens: Wie beim Vegetationswandel in Europa entstehen auch im Meer neue Lebensräume – ausgerechnet auf Plastik. Winzige Mikroben verwandeln Müll in produktive Ökosysteme und verändern so Nährstoffkreisläufe im Ozean. Mehr dazu in unserem Artikel.
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