Im Schlaf könnte sich zeigen, ob Ihr Gehirn schneller altert als Sie

Gehirnalterung im Schlaf: Zeigen Hirnsignale ein höheres Alter, steigt laut einer neuen Studie das Demenzrisiko deutlich.

Während des Schlafs zeichnet die Elektroenzephalografie feine Hirnsignale auf, aus denen sich Hinweise auf das biologische Alter des Gehirns und ein mögliches späteres Demenzrisiko ableiten lassen. © Pexels

Während des Schlafs zeichnet die Elektroenzephalografie feine Hirnsignale auf, aus denen sich Hinweise auf das biologische Alter des Gehirns und ein mögliches späteres Demenzrisiko ableiten lassen. © Pexels

Nächtliche Hirnwellen könnten mit Hilfe von KI früh Hinweise auf ein erhöhtes Demenzrisiko geben. Darauf deutet eine große Studie unter Leitung der University of California in San Francisco (UCSF) und des Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston hin. Im Schlaf zeigen sich demnach offenbar Muster, an denen sich ablesen lässt, ob das Gehirn biologisch schneller altert als der Mensch selbst.

Bemerkenswert ist vor allem der Zeitpunkt. Die Signale tauchen offenbar Jahre vor einer möglichen Diagnose auf. Viele Teilnehmer galten bei der Schlafmessung noch als kognitiv unauffällig. Trotzdem zeigten ihre nächtlichen Hirnsignale bereits Unterschiede. Veröffentlicht wurde die Analyse in JAMA Network Open.

Gehirnalterung im Schlaf kann Jahre vorher auffallen

Für die Auswertung standen Daten von 7105 Erwachsenen aus fünf großen Langzeitstudien zur Verfügung. Entscheidend ist ein Messwert aus dem nächtlichen EEG: das geschätzte Hirnalter. Er gibt an, ob die Hirnaktivität im Schlaf eher zu einem jüngeren oder zu einem älteren Gehirn passt.

Lag das im Schlaf gemessene Hirnalter um zehn Jahre über dem tatsächlichen Alter, war das spätere Demenzrisiko um 39 Prozent höher. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn andere Einflüsse herausgerechnet wurden – etwa Vorerkrankungen, Schlafapnoe oder der geistige Zustand zu Beginn der Untersuchung. Selbst unter Einbezug eines bekannten genetischen Alzheimer-Risikofaktors zeigte sich noch ein Plus von 22 Prozent.

Auch statistisch fiel das Ergebnis robust aus. Die berechneten Werte sprechen dafür, dass der Zusammenhang nicht zufällig zustande kam. Zudem ähnelten sich die Resultate der fünf Langzeitstudien insgesamt deutlich, obwohl die Teilnehmergruppen unterschiedlich zusammengesetzt waren.

Übliche Schlafdaten erfassen vor allem Dauer, Schlafphasen oder Schlafeffizienz. Für diese Arbeit war das zu wenig. Entscheidend waren feinere Muster der Hirnaktivität, die in klassischen Schlafwerten kaum sichtbar werden.

„Die Gehirnaktivität im Schlaf bietet ein messbares Fenster dafür, wie gut das Gehirn altert“, sagt Yue Leng, Professorin an der University of California in San Francisco.

Aus 13 Hirnsignalen wird ein Alterswert

Das Modell nutzte 13 Merkmale der nächtlichen Hirnwellen. Dazu zählten langsame Delta-Wellen aus dem Tiefschlaf, Schlafspindeln – also kurze, schnelle Aktivitätsschübe im Gehirn – und weitere feine Signale, die mit Gedächtnisleistung und der Qualität des Schlafs zusammenhängen.

Aus diesen Merkmalen errechnete das Team einen einzigen Wert. Fiel er positiv aus, wirkte das Gehirn im Schlafsignal älter als es dem Lebensalter entsprach. Diese Abweichung hing mit einem höheren späteren Demenzrisiko zusammen.

Die Studie stützt sich auf eine breite Datenbasis. Die Teilnehmer waren 40 bis 94 Jahre alt. Zu Beginn hatte niemand eine bekannte Demenz. Die Nachbeobachtung lief teils über viele Jahre.

Wichtige Eckdaten der Analyse:

  • 7105 Erwachsene aus fünf Kohorten
  • 1082 spätere Demenzfälle
  • Nachbeobachtung je nach Studie zwischen 3,6 und 16,9 Jahren

Viele Teilnehmer waren anfangs unauffällig

Die meisten Teilnehmer galten bei der Schlafmessung noch als kognitiv unauffällig. Je nach Kohorte traf das auf 89,9 bis 99,6 Prozent zu. Das macht den Befund so relevant: In den nächtlichen Hirnsignalen zeigten sich bereits Auffälligkeiten, obwohl im Alltag noch keine klaren Anzeichen eines geistigen Abbaus erkennbar waren.

Für den Alltag taugt das Verfahren noch nicht als fertiger Frühtest. Die Autoren sprechen von einem vielversprechenden digitalen Marker, der weiter geprüft werden muss. „Es gibt keine einfache Lösung, um die Gehirngesundheit zu verbessern“, sagt Haoqi Sun vom Beth Israel Deaconess Medical Center.

Kurz zusammengefasst:

  • Nächtliche EEG-Daten können offenbar ein „Hirnalter“ berechnen, das mit dem späteren Demenzrisiko zusammenhängt: Lag dieses Hirnalter um zehn Jahre über dem tatsächlichen Alter, stieg das Risiko in der Studie um 39 Prozent.
  • Die Analyse stützt sich auf 7105 Erwachsene aus fünf Langzeitstudien, von denen 1082 später an Demenz erkrankten; die meisten Teilnehmer waren zu Beginn noch kognitiv unauffällig.
  • Für die Einschätzung waren nicht grobe Schlafwerte wie Schlafdauer entscheidend, sondern feine Muster der Hirnaktivität im Schlaf, die künftig als nichtinvasiver digitaler Marker für eine frühe Risikoerkennung dienen könnten.

Übrigens: Schlaf spielt womöglich nicht nur beim Altern des Gehirns eine größere Rolle als gedacht – auch bei ADHS könnten kurze schlafähnliche Phasen mitten im Wachzustand den Fokus immer wieder aus dem Takt bringen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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