Studie zeigt: Schon eine Nacht Verkehrslärm schadet dem Herz messbar

Bereits moderater Verkehrslärm kann Herz und Gefäße belasten: Studie findet messbare Stressreaktionen im Körper nach nur einer Nacht.

Frau schläft im Halbdunkel

Nächtlicher Verkehrslärm gehört für Millionen Menschen zum Alltag – schon moderater Straßenlärm kann laut Studie messbare Reaktionen von Herz und Blutgefäßen auslösen. © Pexels

Eine einzige Nacht mit Verkehrslärm kann den Körper messbar belasten. Selbst Geräusche, die viele Menschen kaum beachten, reichen offenbar aus, um das Herz-Kreislauf-System unter Stress zu setzen. Herzschlag, Gefäßfunktion und Schlaf verändern sich bereits nach wenigen Stunden.

Zu diesem Ergebnis kommt eine kontrollierte Untersuchung, die im Fachjournal Cardiovascular Research veröffentlicht wurde. Ein Forschungsteam der Universitätsmedizin Mainz beobachtete dabei, wie der Körper gesunder Erwachsener auf nächtlichen Straßenlärm reagiert. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst moderater Verkehrslärm biologische Prozesse beeinflussen kann, die für Herz und Gefäße wichtig sind. In der Studie zeigten sich messbare Veränderungen in der Gefäßfunktion, der Herzfrequenz und im Schlafempfinden der Teilnehmer.

Verkehrslärm verändert Herz und Blutgefäße schon nach einer Nacht

An der Studie nahmen 74 gesunde Erwachsene teil. Sie verbrachten mehrere Nächte unter unterschiedlichen Bedingungen. Eine Nacht verlief ohne zusätzliche Geräusche. In zwei weiteren Nächten hörten die Teilnehmer aufgezeichneten Straßenverkehr, der über Lautsprecher im Schlafzimmer abgespielt wurde.

Die Lautstärke lag im Durchschnitt bei etwa 41 bis 44 Dezibel. Dieser Bereich entspricht vielen Schlafzimmern in Städten oder Wohngebieten mit moderatem Verkehr. Einzelne vorbeifahrende Fahrzeuge erreichten kurzfristig etwa 60 Dezibel.

Am Morgen nach jeder Nacht untersuchten Ärzte verschiedene Funktionen des Herz-Kreislauf-Systems. Besonders im Blick stand die sogenannte Gefäßfunktion. Sie beschreibt, wie stark sich eine Arterie erweitern kann, wenn mehr Blut hindurchfließt. Diese Fähigkeit gilt als wichtiger Hinweis auf die Gesundheit der Gefäßinnenwand.

Die Ergebnisse zeigten deutliche Unterschiede. „Die Studie liefert kontrollierte experimentelle Hinweise darauf, dass akuter nächtlicher Straßenverkehrslärm direkt in die Regulation des Gefäßsystems eingreift“, sagt Studienleiter Omar Hahad. Nach den Lärmnächten reagierten die Blutgefäße weniger elastisch.

Die Blutgefäße besitzen eine empfindliche Innenhaut. Fachleute nennen sie Endothel. Diese dünne Zellschicht steuert unter anderem, wie weit sich ein Gefäß öffnen kann. Wenn diese Funktion gestört ist, verlieren Arterien an Elastizität. Dieser Zustand gilt als frühes Stadium vieler Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Schon moderater Straßenlärm löst messbare Stressreaktionen aus

Die Versuchsnächte unterschieden sich vor allem durch die Anzahl der Geräusche. In einer Nacht hörten die Teilnehmer 30 Verkehrslärm-Ereignisse, in einer anderen sogar 60.

Die wichtigsten Eckdaten der Untersuchung:

  • 74 gesunde Erwachsene nahmen teil
  • die Untersuchung erfolgte randomisiert, doppelblind und im Crossover-Design
  • jede Person verbrachte drei unterschiedliche Versuchsnächte
  • Geräuschpegel: durchschnittlich 41 bis 44 Dezibel
  • einzelne Geräusche erreichten bis zu 60 Dezibel

Jedes Geräusch dauerte etwa 1 Minute und 15 Sekunden. Zwischen zwei Ereignissen lagen ungefähr 9,5 bis 11,5 Minuten.

Am Morgen zeigte sich eine klare Veränderung der Gefäßfunktion:

  • ruhige Nacht: 9,35 Prozent Gefäßdehnung
  • 30 Lärmereignisse: 8,19 Prozent
  • 60 Lärmereignisse: 7,73 Prozent

Schon diese Unterschiede gelten in der Herzmedizin als messbare Belastung für die Gefäße.

Herz reagiert sofort auf nächtliche Geräusche

Neben den Gefäßen reagierte auch das Herz selbst auf die Geräusche der Nacht. Während der Lärmbedingungen stieg die Herzfrequenz der Teilnehmer. Im Durchschnitt lag der Puls um etwa 1,23 Schläge pro Minute höher. Einzelne Spitzen lagen sogar bei fast 8 zusätzlichen Herzschlägen pro Minute.

Die Messgeräte zeichneten Herzfrequenz und Geräuschpegel während der gesamten Nacht auf. Dadurch ließ sich erkennen, dass der Puls häufig kurz nach einem Lärmereignis anstieg.

Auch subjektiv bemerkten viele Teilnehmer Veränderungen. Mehrere Aspekte des Schlafs verschlechterten sich während der Lärmnächte.

Zu den häufigsten Beobachtungen gehörten:

  • weniger erholsamer Schlaf
  • mehr Unruhe in der Nacht
  • schlechtere Einschätzung der eigenen Schlafqualität

Diese Eindrücke passten zu den physiologischen Messwerten.

Veränderungen zeigen sich sogar im Blut

Die Analyse von Blutproben lieferte zusätzliche Hinweise auf Stressreaktionen im Körper. Einige Proteine im Blut veränderten sich nach den Nächten mit Straßenlärm. Dabei handelte es sich um Moleküle, die an Entzündungs- und Stressreaktionen beteiligt sind. Sie spielen eine Rolle in Signalwegen des Immunsystems.

Die Veränderungen traten besonders bei Teilnehmern auf, deren Gefäße am stärksten reagierten. „Unsere Studienerkenntnisse könnten die molekularen Krankheitsmechanismen, die durch Lärm beim Menschen ausgelöst werden, erklären“, so Kardiologe Andreas Daiber.

Millionen Menschen schlafen nachts unter Verkehrslärm

Verkehrslärm gehört zu den häufigsten Umweltbelastungen in Europa. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur sind rund 150 Millionen Menschen regelmäßig gesundheitsschädlichem Straßenlärm ausgesetzt.

Auch in Deutschland betrifft das Problem viele Menschen. Nach Zahlen des Umweltbundesamts schlafen mehr als 11 Millionen Menschen nachts bei Straßenverkehrslärm von mindestens 50 Dezibel. Dieser Wert liegt sogar über den Geräuschpegeln, die in der Mainzer Untersuchung verwendet wurden.

Deshalb gelten die Ergebnisse als besonders relevant. Selbst vergleichsweise moderate Geräuschpegel führten bereits zu messbaren Veränderungen im Körper.

Kurz zusammengefasst:

  • Schon eine einzige Nacht mit moderatem Verkehrslärm kann messbare Veränderungen im Herz-Kreislauf-System auslösen: Die Herzfrequenz steigt, und die Elastizität der Blutgefäße nimmt ab.
  • In einer kontrollierten Humanstudie mit 74 gesunden Erwachsenen verschlechterte sich die Gefäßfunktion nach Lärmnächten deutlich – von 9,35 Prozent auf 8,19 Prozent bzw. 7,73 Prozent Gefäßdehnung.
  • Verkehrslärm beeinflusst außerdem Schlafqualität und Stressreaktionen im Körper; in Deutschland sind mehr als 11 Millionen Menschen nachts Straßenlärm von mindestens 50 Dezibel ausgesetzt.

Übrigens: Verkehrslärm entsteht nicht nur durch Straßen und Autos – auch das Verhalten am Steuer spielt eine große Rolle. Eine Studie zeigt, dass bewusstes Fahren den Geräuschpegel um bis zu 30 Prozent senken kann – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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