43 Prozent der großen Süßwasserarten eingeschleppt – fast jede zweite Art wird zum Risiko

Invasive Arten im Süßwasser breiten sich global aus – 43 Prozent der Großarten leben heute in fremden Gewässern.

Wels schaut in die Kamera

Große Welse zählen zu den Arten, die als invasive Arten im Süßwasser in fremde Gewässer eingeführt wurden und dort ökologische Risiken auslösen können. © Michel Roggo

Viele große Fische in europäischen Seen gelten längst als selbstverständlich. Doch ein erheblicher Teil dieser Tiere stammt ursprünglich aus anderen Regionen der Welt. Invasive Arten haben sich im Süßwasser zahlreicher Länder ausgebreitet – häufig, weil man sich wirtschaftliche Vorteile versprach. Was als Chance für Fischerei und Handel begann, entwickelt sich vielerorts zum Risiko.

Eine globale Analyse unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) macht deutlich, wie groß das Ausmaß ist. Von 216 bekannten großen Süßwassertierarten wurden 93 außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angesiedelt. Das entspricht 43 Prozent. Diese Tiere wiegen mindestens 30 Kilogramm. Fachleute sprechen von Süßwasser-Megafauna.

Weltweit 93 große Arten bewusst eingeführt

Die Einführungen erfolgten in 142 Ländern und Regionen auf allen Kontinenten außer der Antarktis. Besonders viele Arten wurden in den USA registriert, dort sind es 52. China folgt mit 28, Kanada mit 23. Auch Deutschland ist betroffen. Hier wurden 17 gebietsfremde große Süßwasserarten nachgewiesen.

Viele dieser Tiere kamen nicht zufällig. Anders als kleine Arten, die unbemerkt über Schiffe oder Ausrüstung eingeschleppt werden, wurden große Tiere gezielt eingeführt. Sie gelten als wirtschaftlich attraktiv oder ästhetisch reizvoll. Karpfen, Welse, Lachse, Schildkröten oder Krokodile versprachen Gewinne durch Fischerei, Aquakultur oder Handel.

Die Untersuchung ordnete die Auswirkungen systematisch ein. Sie nutzte dafür internationale Bewertungsrahmen, die ökologische und soziale Effekte erfassen.

Neue Arten bringen Geld

Hinter vielen Einführungen großer Süßwassertiere stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Die positiven Effekte verteilen sich jedoch ungleich. 57 Prozent der dokumentierten Vorteile betreffen die Produktion von Fisch als Lebensmittel für Menschen sowie Tierfutter, vor allem durch Aquakultur. Weitere 20 Prozent hängen mit Freizeit und Tourismus zusammen, etwa Sportfischen. 12 Prozent betreffen Materialien oder den Heimtierhandel.

In Bangladesch erzielt die kombinierte Zucht von Pangasius und Karpfen Gewinne von bis zu rund 11.000 Euro pro Hektar. In Chile erreichte der Export eingeführter Lachsarten 2018 einen Wert von etwa 4,8 Milliarden Euro. Rund 38.000 direkte Arbeitsplätze hängen dort an dieser Branche.

Große Tiere wurden teils sogar eingeführt, um Gewässer „zu verbessern“. Silberkarpfen und Marmorkarpfen sollten starkes Algenwachstum begrenzen. Graskarpfen sollten Wasserpflanzen reduzieren. Andere Arten kamen für den Heimtierhandel oder für Lederprodukte.

Fast jede zweite Art bringt auch erhebliche Risiken mit

Die wirtschaftlichen Vorteile erzählen nur einen Teil der Geschichte. Von 59 Arten, zu denen belastbare Daten vorliegen, verursachen 26 auch negative Auswirkungen. Insgesamt wurden 146 Fälle dokumentiert, in denen eingeführte Großtiere Menschen schaden. Die häufigsten Probleme betreffen:

  • Gesundheitsrisiken (63 Prozent), etwa durch Parasiten oder Schadstoffe.
  • Rückgang einheimischer Fischarten (10 Prozent) mit Folgen für Ernährung und Einkommen.
  • Sachschäden (10 Prozent), etwa durch springende Fische.
  • Sicherheitsrisiken (9 Prozent) durch aggressive Tiere.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist der Nilbarsch im Viktoriasee. Er sollte die Fischerei stärken. Stattdessen verdrängte er viele einheimische Arten. Fischer verloren ihre Lebensgrundlage. In betroffenen Gemeinden litten rund 40 Prozent der Kinder an chronischer Unterernährung. Auch etwa sechs Prozent der Mütter waren betroffen.

„Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, erklärt Studienautor Professor Fengzhi He.

Schäden zeigen sich oft erst spät

Viele Risiken bleiben lange unbemerkt. In Norditalien überschritten zwischen 2007 und 2009 rund 18 Prozent untersuchter Welse den zulässigen Grenzwert für Schwermetalle. Verbraucher bemerken solche Belastungen oft nicht sofort.

In Nordamerika verursachen springende Silberkarpfen Verletzungen und beschädigen Boote. Sollte sich die Art dauerhaft in den Großen Seen etablieren, drohen laut Prognosen mehr als 400.000 verlorene Angeltouren. Der Tourismussektor könnte Einnahmeverluste von rund 130 Millionen Euro erleiden.

Große Süßwassertiere verändern Ökosysteme besonders stark. Sie stehen häufig an der Spitze der Nahrungskette und beeinflussen Bestände, Pflanzenwachstum und Gewässerstruktur. Karpfen können Wasserpflanzen stark reduzieren. Raubfische verdrängen kleinere Arten.

Einmal etablierte Arten lassen sich kaum wieder entfernen. Die Kontrolle eingeführter Karpfen verschlang seit den 1960er Jahren weltweit mehr als 180 Millionen Euro.

Ein großer Wels schwimmt in einem See – solche Arten wurden vielerorts außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets angesiedelt und können dort ökologische Risiken verursachen.
© Michel Roggo Zwischen 2007 und 2009 überschritten in Norditalien rund 18 Prozent der untersuchten Welse den zulässigen Grenzwert für Schwermetalle. © Michel Roggo

Forschende fordern strengere Prüfungen

Die Einführung großer Süßwassertiere dürfte weiter zunehmen. Die wirtschaftlichen Erwartungen bleiben hoch. Deshalb empfehlen die Autoren strengere Risikobewertungen, bessere Überwachung und transparente Information über Chancen und Risiken. Prof. Sonja Jähnig, Letztautorin der Studie und Direktorin des IGB, empfiehlt daher: „Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen.“

Kurz zusammengefasst:

  • 43 Prozent aller großen Süßwassertiere wurden weltweit in neue Lebensräume gebracht – viele davon bewusst für Aquakultur, Fischerei oder Handel.
  • Invasive Arten im Süßwasser bringen zwar wirtschaftliche Vorteile, doch fast jede zweite eingeführte Art verursacht auch ökologische oder soziale Schäden.
  • Die Folgen zeigen sich oft erst Jahre später und betreffen ganze Ökosysteme, die Ernährungssicherheit und die wirtschaftliche Existenz lokaler Gemeinschaften.

Übrigens: Während invasive Arten das Süßwasser bereits stark verändern, geraten Flüsse weltweit noch von anderer Seite unter Druck – Forscher haben nun drei Stressfaktoren identifiziert, die Ökosysteme besonders stark schädigen. Warum Salz, Sauerstoffmangel und Sedimente für Flüsse so gefährlich sind und was das konkret bedeutet, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Michel Roggo

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