81 Prozent vertrauen beim Wandern dem Smartphone – im Gebirge kann das gefährlich werden
Viele Wanderer setzen auf Google Maps & Co. – doch allgemeine Karten-Apps sind für alpines Gelände oft ungeeignet.
Sichere Navigation bedeutet beim Wandern nicht, das Smartphone wegzulegen, sondern im Notfall auf Alternativen wie Papierkarte oder Kompass zurückgreifen zu können. © Marius Dalseg, The Norwegian Trekking Association (DNT)
Auch beim Wandern ist das Smartphone heutzutage als Begleiter Gang und gäbe – digitale Navigation ersetzt für viele Outdoor-Fans längst Karte und Kompass. Der Standort erscheint als blauer Punkt, der Weg wirkt eindeutig, die Richtung klar. Doch diese scheinbare Präzision kann trügen. Im Gebirge entscheiden manchmal schon 50 Meter darüber, ob man sicher auf dem Pfad bleibt oder ungewollt ins schwierige Gelände gerät.
Eine Untersuchung der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) zeigt, wie stark sich das Orientierungsverhalten verändert hat. Die Teilnehmenden berichteten, wie sie sich draußen zurechtfinden. 81 Prozent nutzen digitale Karten auf dem Smartphone. Klassische Hilfsmittel wie Papierkarte oder Kompass geraten dadurch zunehmend in den Hintergrund.
Digitale Navigation dominiert beim Wandern
Von den 401 Befragten griffen 325 zu digitalen Karten auf dem Handy. 93 Prozent dieser Nutzer setzten auf allgemeine Dienste wie Google Maps oder Apple Maps. Spezialisierte Outdoor-Karten verwendeten 51 Prozent. Trainings- und Wander-Apps wie Komoot oder Strava kamen auf 26 Prozent. 15 Prozent orientierten sich sogar über Kartenfunktionen in sozialen Medien.
Diese Zahlen zeigen: Das Smartphone ist für viele zum zentralen Navigationswerkzeug geworden. Doch allgemeine Karten-Apps sind nicht für alpines Gelände entwickelt. Höhenlinien, Wegbeschaffenheit oder saisonale Sperrungen werden oft nur eingeschränkt dargestellt.
NTNU-Forscher Ole Edward Wattne warnt deshalb deutlich: „In anspruchsvollem Gelände sind die Abstände zwischen sicheren Wegen und gefährlichen Abzweigungen sehr gering. Wenn die digitale Spur 50 Meter falsch liegt, kann das gravierende Folgen haben.“
50 Meter können entscheidend sein
Eine Abweichung von 50 Metern klingt gering. Im Gebirge kann sie jedoch bedeuten, dass ein markierter Weg plötzlich in einer Geröllrinne oder an einer Felsstufe endet. Besonders bei Nebel oder schlechter Sicht steigt das Risiko zusätzlich.
Technik ist nicht unfehlbar. Ein leerer Akku, ein Sturz des Geräts oder fehlender Empfang können die Navigation abrupt beenden. Wer sich ausschließlich auf das Display verlässt, steht dann ohne Plan da. Die Befragten nannten im Schnitt fast sieben verschiedene Strategien zur Orientierung. Viele kombinieren digitale Hilfsmittel mit klassischen Methoden. Die Auswertung zeigt drei grundlegende Orientierungsarten:
- Soziale Strategien: anderen folgen oder nach dem Weg fragen
- Semantische Strategien: Schilder, Markierungen und Karten nutzen
- Räumliche Strategien: Geländeformen, Gipfel oder Flussläufe als Orientierungspunkte wahrnehmen
Diese Einteilung basiert auf einer bekannten Theorie zur Wegfindung, die ursprünglich für Städte entwickelt wurde. Laut Studie lässt sie sich auch auf Wälder und Berge übertragen. Wattne sagt:
Wir sollten der digitalen Generation beibringen, neben der Smartphone-Navigation auch soziale und räumliche Strategien zu nutzen. Mehrere Strategien sorgen für sicherere und bessere Erlebnisse in der Natur.
Social Media lockt in anspruchsvolle Regionen
Ein weiterer Aspekt betrifft soziale Medien. Spektakuläre Bilder von bekannten Ausflugszielen locken viele Menschen in anspruchsvolle Gebiete. Besonders unerfahrene Wanderer unterschätzen dort oft das Gelände.
Wattne weist auf britische Untersuchungen hin, nach denen Rettungseinsätze bei jungen Menschen zunehmen, die sich ausschließlich auf mobile Navigation verlassen. Das Risiko entsteht weniger durch das Smartphone selbst als durch das blinde Vertrauen in seine Angaben.
Analoge Hilfsmittel bleiben wichtig
Trotz der Dominanz digitaler Karten greifen viele weiterhin auf traditionelle Werkzeuge zurück. 48,9 Prozent nutzen Papierkarten. 41,1 Prozent orientieren sich mit einem Kompass. Diese Zahlen zeigen, dass analoge Methoden keineswegs verschwunden sind. Besonders als Reserve sind sie entscheidend. Papier benötigt keinen Akku. Ein Kompass funktioniert unabhängig vom Mobilfunknetz. Wer beides lesen kann, gewinnt Handlungsspielraum. Für mehr Sicherheit beim Wandern empfiehlt sich daher:
- Digitale Karten vorab prüfen und geeignete Outdoor-Karten wählen
- Akku-Reserve einplanen, etwa durch Powerbank
- Papierkarte und Kompass mitführen
- Gelände bewusst wahrnehmen und Landmarken einprägen
Es geht nicht darum, das Smartphone zu verbannen, so die Wissenschaftler, sondern:
Sichere Touren bedeuten nicht, das Handy wegzulegen, sondern Alternativen parat zu haben, falls die Technik versagt.
Kurz zusammengefasst:
- Digitale Navigation dominiert beim Wandern: 81 Prozent der Befragten nutzen Smartphone-Karten, doch schon GPS-Abweichungen von etwa 50 Metern können im Gebirge gefährlich werden.
- Allgemeine Karten-Apps sind oft ungeeignet für alpines Gelände: Sie zeigen Höhenlinien und Wegdetails nur unzureichend; außerdem kann Technik durch leere Akkus oder fehlenden Empfang jederzeit ausfallen.
- Mehr Sicherheit entsteht durch Kombination mehrerer Methoden: Papierkarte, Kompass, Geländewahrnehmung und Austausch mit anderen ergänzen die digitale Navigation sinnvoll und erhöhen die Orientierungssicherheit.
Übrigens: Das Smartphone bestimmt längst unseren Alltag und der Markt für Digital Detox wächst rasant. Warum bezahlte Bildschirm-Pausen selten dauerhaft helfen und das Problem oft nur verschieben, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Marius Dalseg, The Norwegian Trekking Association (DNT)
