Wenn der Kopf aufgeben will – Belohnung hält das Gehirn auf Kurs

Kognitive Erschöpfung macht das Denken schwer – doch Belohnungen können das Gehirn trotz Müdigkeit zum Weitermachen motivieren.

Kognitive Erschöpfung im Gehirn: Belohnung stoppt den Effekt

Selbst bei starker mentaler Ermüdung bleibt das Gehirn aktiv – bestimmte Areale arbeiten weiter, sobald eine verlockende Belohnung in Aussicht steht. © Freepik

Viele kennen das Gefühl: Der Kopf ist müde, die Konzentration lässt nach, doch die Aufgaben hören nicht auf. Eine neue Studie zeigt nun, was im Gehirn geschieht, wenn kognitive Erschöpfung einsetzt. Und weshalb wir manchmal trotzdem weitermachen, obwohl uns längst die Energie fehlt. Zwei Hirnregionen übernehmen dabei eine zentrale Funktion.

Forscher der Johns Hopkins University untersuchten 28 gesunde Erwachsene zwischen 21 und 29 Jahren. Die Probanden mussten sich während einer MRT-Aufzeichnung an immer komplexere Buchstabenfolgen erinnern. Diese Aufgabe forderte das Arbeitsgedächtnis stark heraus – ähnlich wie es viele Menschen im Alltag erleben.

Gehirn reagiert auf Erschöpfung – und bleibt durch Anreiz aktiv

Bei zunehmender geistiger Belastung reagierte das Gehirn deutlich messbar. Besonders zwei Hirnbereiche waren auffällig aktiv:

  • Rechte Insula: erkennt, wie erschöpft oder angespannt der Körper ist
  • Präfrontaler Kortex: hilft dabei, Aufgaben zu planen und konzentriert zu bleiben
  • Beide Regionen zeigten doppelt so viel Aktivität wie zu Beginn der Tests
  • Trotz Müdigkeit machten viele weiter, wenn eine Belohnung winkte

Diese Ergebnisse der Studie zeigen, wie das Gehirn zwischen Erschöpfung und Anreiz abwägt – oft zugunsten des Weitermachens.

Belohnung motiviert trotz Müdigkeit

Die Versuchsteilnehmer wussten: Wer weitermacht, kann zusätzlich Geld verdienen. Neben einem festen Betrag von 50 US-Dollar erhielten sie für jede Runde bis zu 8 US-Dollar extra – abhängig von der Schwierigkeit. Der Anreiz reichte aus, um weiterzumachen, selbst wenn der Kopf bereits auf Pause schalten wollte.

Die Forscher sehen darin ein ausgeklügeltes Bewertungssystem im Gehirn. Der Aufwand wird ständig mit dem möglichen Gewinn abgewogen. Hauptautor Dr. Vikram Chib erklärt: „Unsere Studie wurde entwickelt, um kognitive Ermüdung hervorzurufen und zu sehen, wie sich die Entscheidung der Menschen, Anstrengung zu unternehmen, ändert, wenn sie Ermüdung spüren, sowie um die Areale im Gehirn zu identifizieren, wo diese Entscheidungen getroffen werden.“

Kognitive Erschöpfung lässt sich biologisch messen

Die Forscher gehen davon aus, dass geistige Erschöpfung nicht bloß ein subjektives Gefühl ist. Auch biochemische Prozesse spielen eine Rolle. Im präfrontalen Kortex könnten sich ähnlich wie bei Muskelermüdung Abfallprodukte ansammeln, die das Denken erschweren. Entscheidungen fallen dann schwerer, der Fokus lässt nach.

Auch körperliche und mentale Erschöpfung scheinen auf ähnlichen Mechanismen zu beruhen. Das zeigt, wie eng Körper und Geist miteinander verknüpft sind.

Kognitive Erschöpfung wird sichtbar – und behandelbar

Kognitive Erschöpfung hinterlässt eine messbare Spur im Gehirn. Sie beeinflusst nicht nur das subjektive Empfinden, sondern auch das Verhalten und die Entscheidungsfähigkeit. Für viele Menschen, die an chronischer Erschöpfung leiden, ist das eine wichtige Bestätigung.

Spannend ist auch: Zwei Menschen mit gleichem Erschöpfungsgrad trafen unterschiedliche Entscheidungen. Wer eine größere Belohnung in Aussicht hatte, strengte sich eher weiter an. Es zählt also nicht allein, wie müde man sich fühlt – sondern auch, welchen Wert man dem möglichen Ergebnis beimisst.

Neue Ansätze für Therapie und Diagnostik

Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen berichten häufig von starker geistiger Erschöpfung. Die Studienergebnisse machen Hoffnung: In Zukunft könnten gezielte Hirnscans zeigen, wie ausgeprägt die mentale Belastung wirklich ist – unabhängig davon, wie die Betroffenen sich äußern.

Diese Ergebnisse helfen uns zu verstehen, warum manche Menschen trotz Erschöpfung weitermachen, während andere aufgeben.

Dr. Vikram Chib

Das eröffnet neue Wege in der Behandlung. Medikamente oder Verhaltenstherapien könnten gezielt an den besonders aktiven Hirnarealen ansetzen.

Kurz zusammengefasst:

  • Kognitive Erschöpfung aktiviert messbar zwei Hirnregionen – die rechte Insula und der dorsolaterale präfrontale Kortex bewerten, ob sich weitere Anstrengung lohnt oder eine Pause nötig ist.
  • Geld als Anreiz kann das Gefühl von Müdigkeit überdecken, da das Gehirn Aufwand und Belohnung fortlaufend gegeneinander abwägt und bei Aussicht auf Gewinn trotz Erschöpfung aktiv bleibt.
  • Die Forschungsergebnisse ermöglichen neue Wege zur Diagnose und Behandlung, da mentale Müdigkeit biologisch messbar wird und gezielte Therapien bei Depression oder PTBS direkt an den betroffenen Hirnarealen ansetzen können.

Übrigens: Auch das richtige Licht zur richtigen Zeit kann helfen, wenn der Kopf schon vor dem Frühstück müde ist. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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