Warum das Immunsystem den eigenen Körper attackiert – und Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes auslöst
Entzündungen sind ein wichtiger Schutzmechanismus, können aber gefährlich werden. Neue Erkenntnisse zeigen, wann das Immunsystem zur Bedrohung wird.

Clare Bryant und ihr Team der Universität Cambridge erforschen Wege gegen gefährliche Entzündungen. © Universität Cambridge
Das Immunsystem ist die wichtigste Verteidigung des Körpers gegen Krankheitserreger. Es erkennt Bakterien, Viren oder andere Eindringlinge und setzt eine Reaktion in Gang, um sie zu bekämpfen. Ein zentraler Bestandteil dieser Abwehr sind Entzündungen: Blut strömt vermehrt zu betroffenen Stellen, um Immunzellen dorthin zu transportieren. Die Stelle schwillt an, wird heiß und schmerzt – ein Zeichen dafür, dass der Körper aktiv gegen eine Bedrohung vorgeht.
Doch Entzündungen können auch schaden. Sie sind nicht immer eine Reaktion auf gefährliche Eindringlinge. Manchmal richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Prozesse und löst so chronische Entzündungen aus. Diese Art der Fehlsteuerung kann schwerwiegende Folgen haben, denn sie wird mit Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Diabetes in Verbindung gebracht. Clare Bryant, Professorin für angeborene Immunität an der University of Cambridge, untersucht, wie genau Entzündungen entstehen und wann sie problematisch werden.
Wenn der Körper eigene Prozesse angreift
Normalerweise erkennt das Immunsystem klar, was eine Gefahr darstellt. Doch laut Bryant gibt es eine entscheidende Schwachstelle: Bestimmte Eiweiße, die im Körper natürlich vorkommen, können vom Immunsystem fälschlicherweise als Bedrohung eingestuft werden. Dazu gehören fehlerhaft gefaltete Proteine wie Amyloid-Beta – eine Substanz, die bei Alzheimer-Patienten im Gehirn gefunden wird.
Diese fehlerhaften Proteine können Entzündungen in genau denselben Bereichen auslösen, in denen unser Immunsystem normalerweise auf Infektionen reagiert.
Prof. Clare Bryant
Wenn dieser Zustand anhält, entsteht eine chronische Entzündung, die den Körper dauerhaft belastet. Wissenschaftler nennen diesen Prozess „Inflammaging“ – eine Kombination aus „Inflammation“ (Entzündung) und „Aging“ (Altern). Besonders ältere Menschen sind betroffen, da das Immunsystem mit zunehmendem Alter oft unkontrollierter arbeitet.
Wie der Lebensstil Entzündungen beeinflusst
Neben genetischen Faktoren spielt auch der Alltag eine entscheidende Rolle: Laut der University of Cambridge begünstigt eine Ernährung mit viel Zucker und Fett Entzündungsprozesse im Körper. Auch Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes stehen in Verbindung mit chronischen Entzündungen. Das Problem: Entzündungen verstärken diese Erkrankungen wiederum, sodass ein Teufelskreis entsteht.
Wir haben erst in den letzten Jahren realisiert, dass viele Krankheiten nicht nur durch Infektionen verursacht werden, sondern dass die Art und Weise, wie unser Körper darauf reagiert, genauso entscheidend ist.
Prof. Clare Bryant
Forschungen zeigen, dass auch psychischer Stress das Immunsystem beeinflusst. Wer dauerhaft unter Druck steht, kann eine leichte, aber stetige Entzündung im Körper auslösen – mit langfristigen Folgen für die Gesundheit.
Neue Ansätze gegen chronische Entzündungen
Sport und Entspannungstechniken wie Meditation können helfen, das Immunsystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Doch nicht alle Methoden sind ungefährlich.
Einfach regelmäßig entzündungshemmende Medikamente wie Aspirin zu nehmen, ist keine Lösung.
Prof. Clare Bryant
Diese Medikamente haben Nebenwirkungen wie Magenprobleme und dürfen nicht unkontrolliert eingesetzt werden.
Stattdessen arbeitet Bryants Team an gezielten Therapien, die bestimmte Entzündungsprozesse blockieren, ohne das Immunsystem generell zu schwächen. Dafür setzt sie auf modernste Mikroskopietechniken, die es ermöglichen, einzelne Proteine in einer Zelle sichtbar zu machen. Dank der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus der Chemie und Physik kann ihr Team verfolgen, wie diese Proteine im Körper agieren und welche Rolle sie bei der Entzündung spielen.
Präzise Kontrolle statt blinder Bekämpfung
Die Wissenschaft steht noch am Anfang, aber die Erkenntnisse aus Cambridge könnten die Medizin grundlegend verändern. Ziel ist es, Entzündungen dort zu stoppen, wo sie Schaden anrichten, während das Immunsystem weiter effektiv gegen tatsächliche Bedrohungen arbeitet.
„Wir waren überrascht, wie wenige dieser Entzündungsproteine normalerweise aktiv sind“, berichtet Bryant. „Erst wenn eine Infektion auftritt, schalten sie sich zusammen und lösen eine Reaktion aus.“ Diese Entdeckung ist entscheidend, denn sie zeigt, dass die Aktivierung dieser Proteine gezielt beeinflusst werden könnte.
Ein wichtiger Durchbruch gelang dabei mit einer neuen Technik, die es erlaubt, fluoreszierende Markierungen an einzelne Proteine zu heften. Dadurch lassen sich ihre Bewegungen in lebenden Zellen exakt verfolgen. Das hilft Forschern zu verstehen, wann und wie Entzündungsprozesse ausgelöst werden. In Zusammenarbeit mit der Mathematikerin Julia Gog und dem Physiker Pietro Cicuta entwickelt Bryant neue experimentelle Methoden, um die Mechanismen hinter der Entzündungsreaktion noch genauer zu untersuchen.

Diese Erkenntnisse ermöglichen einen völlig neuen Ansatz: Anstatt Entzündungen generell zu unterdrücken, suchen Forscher gezielt nach Wegen, nur schädliche Prozesse zu blockieren. Damit könnten in Zukunft viele Krankheiten nicht nur besser behandelt, sondern möglicherweise sogar verhindert werden.
Kurz zusammengefasst:
- Das Immunsystem schützt den Körper vor Krankheitserregern, doch fehlerhafte Immunreaktionen können chronische Entzündungen auslösen, die mit Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes in Verbindung stehen.
- Neben genetischen Faktoren beeinflussen auch Ernährung und Stress Entzündungsprozesse, wodurch ein Teufelskreis entstehen kann, der bestehende Krankheiten weiter verstärkt.
- Forscher arbeiten an gezielten Therapien, um schädliche Entzündungen zu blockieren, ohne das Immunsystem insgesamt zu schwächen – moderne Mikroskopie-Techniken helfen dabei, die zugrunde liegenden Prozesse besser zu verstehen.
Bild: © Universität Cambridge
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