Früher römisch, heute im Vorteil: Wer südlich des Limes wohnt, lebt besser
In Deutschland verläuft bis heute eine unsichtbare Grenze: Der römische Limes wirkt noch immer auf Wohlstand, Gesundheit und Zufriedenheit.

Limes-Wachturm bei Ehrenbach: Wo einst die Römer wachten, leben Menschen bis heute länger und mit mehr Wohlstand. © Wikimedia
Die römische Grenzbefestigung fiel vor mehr als 1.700 Jahren – doch ihr Einfluss reicht bis in die Gegenwart. In Deutschland leben Menschen südlich des einstigen Limes länger, gesünder und mit mehr Wohlstand als in nördlichen Regionen – das zeigt eine neue Studie der Universität Jena und der Wirtschaftsuniversität Wien zum Einfluss der Römer. Besonders deutlich wird das entlang der alten Grenzlinie: dem Limes.
„Wer in Gebieten wohnt, die früher römisch waren, ist wohlhabender und lebt länger“, sagt Studienautor Fabian Wahl im Gespräch mit dem SPIEGEL. Seine Untersuchung verknüpft historische Geografie mit modernen Daten zu Gesundheit, Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit.
Mehr Zufriedenheit, bessere Gesundheit, längeres Leben
Wahls Team analysierte unter anderem psychologische Merkmale, Lebenserwartung und Wohlstandsniveau von rund 74.000 Personen – aufgeschlüsselt nach Regionen. Das Ergebnis: In jenen Gebieten, die einst römisch besetzt waren, zeigt sich ein durchweg positiveres Bild. Die Bevölkerung dort ist extrovertierter, gewissenhafter, weniger neurotisch und im Durchschnitt zufriedener mit dem eigenen Leben. Und: Sie lebt ein halbes bis ein ganzes Jahr länger.
Diese Unterschiede ließen sich nicht durch Klima, Bodenqualität oder moderne Infrastruktur erklären. Auch historische Einschnitte wie die deutsche Teilung oder die napoleonische Besatzung konnten den „Limes-Effekt“ nicht vollständig überlagern.

Wohlstand in Deutschland: Wo die Römer bauten, lebt man heute besser
Die Erklärung liegt laut den Forschern in den bleibenden Strukturen und Institutionen der römischen Zivilisation: Straßen, Wasserversorgung, Märkte, Stadtplanung. „Im Süden und Westen der heutigen Bundesrepublik haben die Römer Städte gegründet, Straßen gebaut und Wassermühlen errichtet“, so Wahl. Das habe den Regionen einen Entwicklungsvorsprung verschafft, der bis heute nachwirke.
Dieser „Frühstart“ zeigte sich auch in einer früheren Studie desselben Forschungsteams: Dort fanden sie Hinweise auf mehr unternehmerisches Denken und mehr Patentanmeldungen in den ehemals römischen Regionen. „Die Menschen melden mehr Patente an und gründen öfter Unternehmen. Nachts leuchten diese Gebiete heller“, sagt Wahl. Solche Effekte seien besonders in Teilen Baden-Württembergs sichtbar, wo der Limes schnurgerade durch die Landschaft verläuft – geografisch unbeeinflusst, aber kulturell prägend.
Persönlichkeitsprofile unterscheiden sich je nach Region
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: In den früher römisch verwalteten Regionen finden sich deutlich häufiger sogenannte adaptive Persönlichkeitsmerkmale – also Eigenschaften, die sich positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken. Dazu zählen emotionale Stabilität, soziale Offenheit und Verantwortungsbewusstsein.
Besonders markant war der Unterschied beim Neurotizismus, also der Neigung zu Ängstlichkeit, Unsicherheit oder Reizbarkeit. Diese war in den nördlich des Limes gelegenen Regionen deutlich ausgeprägter. In der südlichen Hälfte Deutschlands – etwa in Köln oder Mainz – zeigten die Menschen stabilere Werte.

Alte Städte, langlebige Effekte
Laut Wahl geht es nicht nur um bauliche Hinterlassenschaften. Vielmehr habe sich in den römisch geprägten Gebieten eine andere Form des städtischen Lebens entwickelt – mit langfristigen Folgen. „Römerstädte wurden häufig Bischofssitze, später auch freie Reichsstädte“, erklärt er. Selbst schwere Rückschläge wie die Pest oder der Dreißigjährige Krieg führten kaum zu dauerhafter Schrumpfung – im Gegenteil: Die Städte erholten sich rasch.
Warum sich Unterschiede über Jahrhunderte halten
Wie aber kann ein kultureller Effekt aus der Antike so lange überdauern? Wahl nennt zwei Gründe: Erstens ziehen Menschen bevorzugt in Regionen, die zu ihrer Mentalität passen. Zweitens wirken Anpassungsprozesse – wer in eine neue Umgebung zieht, übernimmt mit der Zeit auch deren sozialen Rhythmus. „Menschen, die von A nach B ziehen, gleichen sich an die Charakteristiken der Bevölkerung in B an“, sagt er.
Diese soziale Prägung erfolgt über Institutionen, Werte, Erzählungen – und sie wirkt langsam, aber nachhaltig. So bleibt ein kulturelles Profil über Generationen erhalten.
Kein Einfluss durch Religion oder politische Geschichte
Interessanterweise zeigten sich diese Effekte unabhängig von religiösen Prägungen. Während frühere Theorien – etwa von Max Weber – einen Zusammenhang zwischen Protestantismus und wirtschaftlicher Dynamik vermuteten, fanden Wahl und sein Team keinen solchen Einfluss. „Einen signifikanten Effekt hat das nicht – ganz anders als die Nähe zu Römerstädten und -straßen“, erklärt er.
Auch frühere politische Grenzen, wie die innerdeutsche Teilung oder die alliierten Besatzungszonen, konnten den Zusammenhang nicht aufheben. Selbst dort, wo sich konfessionelle und historische Linien kreuzen, bleibt der Limes-Effekt stabil.
Was der Norden tun kann – und warum es Zeit braucht
Lässt sich der Rückstand aufholen? Theoretisch ja – praktisch braucht es Zeit. „Man müsste stark in die regionale öffentliche Infrastruktur investieren“, sagt Wahl im SPIEGEL-Interview. Doch selbst mit hohem Einsatz lasse sich ein über 1.700 Jahre alter Vorsprung nicht in wenigen Jahrzehnten aufholen. „Man muss einen langen Atem haben – so wie die Römer.“
Die Studie liefert einen klaren Befund: Geschichte wirkt tief. Der römische Einfluss lebt weiter – nicht nur in alten Mauern, sondern im Alltagsleben von Millionen Menschen. Wer heute in Köln oder Mainz wohnt, profitiert von Entscheidungen, die in einer anderen Epoche getroffen wurden. Und wer im Norden lebt, erkennt darin vielleicht einen Ansporn: für mutige Investitionen in Infrastruktur, Bildung – und das kulturelle Selbstverständnis der Region.
Kurz zusammengefasst:
- In Deutschland leben Menschen südlich des einstigen Limes länger und mit mehr Wohlstand als in nördlichen Regionen – das zeigt eine neue Studie zum Einfluss der Römer.
- Der Grund liegt im immer noch lebendigen Erbe der Römer: Infrastruktur, Städtebau und kulturelle Ordnung haben bis heute messbare Auswirkungen.
- Diese römisch geprägten Gebiete zeichnen sich durch höhere Lebenszufriedenheit, gesündere Persönlichkeitsmerkmale und wirtschaftliche Stabilität aus.
Bild: © Gerda Arendt via Wikimedia unter CC0 1.0