Wir sterben nicht an hohem Alter – Forscher erklären die wahren Todesursachen

Autopsien zeigen: Selbst Hundertjährige sterben nicht am Alter, sondern an klaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Krebs.

Älteres Paar von hinten

Ein hohes Lebensalter allein ist kein Todesurteil: Autopsien zeigen, dass selbst Hundertjährige an konkreten Krankheiten sterben – nicht am Alter selbst. © Pexels

Auf dem Totenschein steht fast nie „Alter“. Stattdessen finden Ärzte auch bei sehr alten Menschen fast immer eine konkrete Ursache: ein Herzinfarkt, eine Lungenentzündung, ein Gefäßverschluss. Selbst jenseits der 100 endet das Leben nicht einfach, weil die Jahre abgelaufen sind. Eine neue Übersichtsarbeit kommt zu einem klaren Befund: Das hohe Lebensalter macht verletzlicher, doch es ist nicht der Auslöser des Todes.

Autopsien liefern dafür deutliche Belege. Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen mit Abstand an erster Stelle und machen je nach Auswertung 35 bis 70 Prozent der Todesfälle im hohen Alter aus. Krebs folgt deutlich dahinter, ebenso Schlaganfälle oder schwere Infektionen. Auffällig ist, wie oft diese Krankheiten unentdeckt bleiben: Selbst Menschen, die kurz vor ihrem Tod noch als erstaunlich fit galten, weisen bei der Obduktion schwere Befunde auf. „Reines Alter“ findet sich in den Akten praktisch nicht.

Die Auswertung basiert auf Daten aus der Humanmedizin und der Tierforschung. Beteiligt ist unter anderem das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn. Dort haben Dan Ehninger und Maryam Keshavarz die Befunde systematisch zusammengetragen – und zeigen, warum die Frage „stirbt man an Alter?“ oft am Kern vorbeigeht.

Warum die Frage „stirbt man an Alter?“ in die Irre führt

Der Blick über den Menschen hinaus macht das Muster noch klarer. Bei Mäusen endet das Leben meist durch Krebs. In mehreren Studien lag der Anteil bei über 80 Prozent. Hunde zeigen ein ähnliches Bild, vor allem im höheren Alter. Primaten ähneln dem Menschen: Auch hier führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Statistik an. Insekten wie Fruchtfliegen sterben häufig an einem Versagen des Darms oder der Muskulatur. Bei Fadenwürmern spielen Infektionen und der Abbau einzelner Organe eine zentrale Rolle.

Überall wiederholt sich derselbe Befund: Das Leben wird durch wenige, artspezifische Schwachstellen begrenzt. „Dieses Muster verdeutlicht, dass Interventionen, die spezifische Pathologien beeinflussen, die Lebensspanne verlängern können, ohne notwendigerweise den Gesamtalterungsprozess zu verlangsamen“, schreiben Ehninger und Keshavarz.

Länger leben heißt oft nur: später krank werden

Ein Blick in die Geschichte stützt diese Sicht. Die Lebenserwartung in Europa hat sich seit dem 19. Jahrhundert fast verdoppelt. Der Hauptgrund lag nicht in einem langsameren Altern, sondern in sauberem Trinkwasser, Impfungen und Antibiotika. Infektionskrankheiten verloren ihre tödliche Macht. Die dominanten Todesursachen verschoben sich. Erst kamen Herzinfarkte und Schlaganfälle, später Krebs und neurodegenerative Erkrankungen.

Das Altern selbst blieb davon unberührt. Es verändert den Körper, schwächt Reparaturmechanismen und erhöht Risiken. Doch der Tod tritt ein, wenn ein konkretes Organ oder System versagt. Wer eine Gefahr überlebt, rückt in die nächste Risikozone nach.

Warum Altersuhren oft mehr versprechen als sie halten

Große Hoffnungen ruhen seit Jahren auf sogenannten Altersuhren. Sie messen biologische Veränderungen, etwa an der DNA-Methylierung, und liefern erstaunlich präzise Alterswerte. Für die individuelle Risikoeinschätzung sind sie nützlich. Für die Frage, ob das Altern verlangsamt wird, bleiben sie unscharf. Die Auswertungen beruhen auf statistischen Zusammenhängen, Kausalität fehlt.

Ein Vergleich macht das greifbar: Ein Gesicht verrät oft zuverlässig das Alter eines Menschen. Über die biologischen Prozesse dahinter sagt es wenig. Ähnlich verhalten sich viele Biomarker. Selbst neuere Ansätze, die eine „Alterungsrate“ berechnen, erfassen meist nur äußere Folgen, nicht den Kern des Geschehens.

Gebrechlichkeit misst Krankheit – nicht das Altern

Auch Gebrechlichkeitsindizes stehen in der Kritik. Sie bündeln sichtbare Merkmale wie Haltung, Muskelkraft oder Tumorlast zu einem Wert. Das ist praktisch, aber riskant. Verbessert sich ein dominantes Merkmal, fällt der Index besser aus. Der Eindruck eines umfassenden Effekts entsteht schnell, obwohl nur eine einzelne Krankheit beeinflusst wurde.

In der Praxis bedeutet das: Eine Therapie kann die Lebensqualität erhöhen und das Leben verlängern, ohne das Altern selbst zu bremsen. Beides wird oft verwechselt.

Hilft etwas wirklich gegen das Altern – oder nur gegen Krankheiten?

Nicht jede Maßnahme, die das Leben verlängert, bremst auch das Altern. Genau hier unterscheiden die Autoren zwei Effekte. Manchmal fühlen sich Menschen durch eine Behandlung insgesamt fitter – egal, ob sie jung oder alt sind. Dann liegt der Nutzen im besseren Ausgangszustand, nicht in einem langsameren Altern.

Von einer echten Bremswirkung sprechen die Forscher nur dann, wenn sich der körperliche Abbau mit den Jahren nachweislich verlangsamt. Das passiert deutlich seltener. Häufig verschiebt sich nur der Zeitpunkt, an dem Krankheiten auftreten. Dazwischen gibt es Übergangsformen.

Auch bekannte Ansätze wie Rapamycin oder intermittierendes Fasten passen in dieses Bild. Sie können die Lebenszeit verlängern. Doch oft altern Körper und Organe trotzdem im gleichen Tempo weiter. Der Gewinn entsteht, weil bestimmte Krankheiten später kommen – nicht, weil das Altern selbst langsamer wird.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen sterben nicht am hohen Alter, sondern fast immer an klar benennbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Schlaganfällen oder schweren Infektionen, selbst jenseits der 100 Jahre.
  • Altern erhöht das Risiko für solche Krankheiten, ist aber nicht die eigentliche Todesursache; Autopsien und Vergleiche über viele Tierarten hinweg zeigen, dass jeweils wenige, typische Schwachstellen das Leben begrenzen.
  • Viele Maßnahmen verlängern das Leben, ohne das Altern zu verlangsamen: Sie verschieben Krankheiten nach hinten, verändern aber oft nicht die Geschwindigkeit, mit der altersbedingte Veränderungen im Körper zunehmen.

Übrigens: Wenn wir nicht am Alter sterben, sondern an Krankheiten, stellt sich die nächste Frage fast von selbst: Lässt sich dieser Prozess bremsen? Der Altersforscher Nir Barzilai erklärt, warum Unsterblichkeit eine Illusion bleibt – und welche vier Medikamente das Altern messbar verlangsamen könnten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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