Senolytika: Beliebter Anti-Aging-Mix verursacht Hirnschäden bei Mäusen
Anti-Aging-Wirkstoffe zeigen Nebenwirkungen im Gehirn: Studie weist auf Myelinverlust und gestörte Nervenzellfunktion bei Mäusen hin.
Die Aufnahme zeigt einen Gehirnschnitt einer Maus nach Behandlung mit Dasatinib und Quercetin. Der blau markierte Bereich stellt den Balken (Corpus callosum) dar, die gestrichelte Linie kennzeichnet den durch die Wirkstoffe geschädigten Abschnitt. © Crocker Lab / UConn School of Medicine
Senolytika gelten in der Anti-Aging-Forschung seit Längerem als Hoffnungsträger. Der Wirkstoffmix aus Dasatinib und Quercetin wird bereits in Studien zu altersbedingten Krankheiten wie Alzheimer oder Typ-2-Diabetes geprüft. Umso brisanter ist eine neue PNAS-Studie: Im Tierversuch verursachte die Kombination Schäden im Gehirn. Brisant ist das auch deshalb, weil solche Mittel in der Anti-Aging-Szene teils bereits verwendet werden, obwohl über mögliche Risiken für das Gehirn bislang kaum etwas bekannt ist.
Bei Dasatinib und Quercetin geht es um zwei Wirkstoffe, die in der Forschung gezielt gegen gealterte Zellen eingesetzt werden. Solche Zellen stehen im Verdacht, Entzündungen und altersbedingte Beschwerden mit anzutreiben. In der Studie zeigte sich jedoch ein problematischer Effekt: Nach der Behandlung verloren Mäuse große Teile ihres Myelins. Diese Schicht umhüllt Nervenfasern und sorgt dafür, dass Signale im Gehirn zuverlässig weitergereicht werden.
Welche Senolytika-Nebenwirkungen im Gehirn besonders auffallen
Die Versuche führte ein Team der University of Connecticut (UCONN) durch. Es testete den Wirkstoffmix an jungen Mäusen im Alter von sechs bis neun Monaten und an alten Tieren mit rund 22 Monaten. Das Ergebnis fiel in beiden Gruppen klar aus: Die Myelinschicht nahm sichtbar ab.
Myelin ist die Schutzhülle um Nervenfasern. Sie sorgt dafür, dass Signale im Gehirn schnell und sauber weiterlaufen. Wird diese Hülle dünner oder verschwindet sie, gerät die Kommunikation zwischen Nervenzellen durcheinander. Dann drohen Probleme beim Denken, Erinnern oder Gehen. „Wenn man diesen Cocktail einem Tier verabreicht, ob jung oder alt, wird das Myelin geschädigt, sodass es verschwindet. Bei den jungen Tieren sogar stärker als bei den alten“, erklärt der Immunologe Stephen Crocker.
Eine wichtige Nervenbrücke schrumpft deutlich
Besonders stark traf es das Corpus callosum. Diese Struktur verbindet die beiden Hirnhälften miteinander. Sie ist für viele Abläufe wichtig, weil Informationen ständig von einer Seite zur anderen wandern müssen. In den behandelten Mäusen war dieser Bereich teilweise deutlich verkleinert. Auf Aufnahmen des Gehirns fehlte dort sichtbar Gewebe.
Auch unter dem Mikroskop waren die Unterschiede klar zu erkennen. Gesunde Tiere hatten eine dichte Myelinschicht um ihre Nervenfasern. Nach der Behandlung mit Dasatinib und Quercetin war davon deutlich weniger übrig. In manchen Abschnitten fehlte die Hülle fast ganz. Solche Veränderungen kennen Ärzte auch aus anderen Zusammenhängen. Nach manchen Chemotherapien klagen Patienten über Konzentrationsprobleme und geistige Verlangsamung. Im Alltag hat sich dafür der Begriff „Chemo Brain“ eingebürgert.
Die Zellen sterben nicht, sie fallen zurück
Besonders interessant ist, was mit den betroffenen Zellen geschieht. Oligodendrozyten bilden normalerweise das Myelin und halten es instand. In den Versuchen gingen diese Zellen aber nicht zugrunde. Das macht den Befund so ungewöhnlich. Der Schaden entstand nicht durch ein Massensterben von Zellen, sondern durch einen Funktionsverlust.
Die Oligodendrozyten verloren ihre ausgereifte Form und kehrten in einen unreiferen Zustand zurück. Gleichzeitig geriet ihr Stoffwechsel aus dem Takt. Crocker beschreibt den möglichen Grund so: „Wir vermuten, dass die Medikamente den Zellen die Energie abschneiden, die sie brauchen, und die Zellen darauf reagieren, indem sie ihre Komplexität reduzieren und in einen jüngeren, aber weniger funktionalen Zustand zurückfallen.“ Damit rückt ein Mechanismus in den Blick, der in der Neurologie bislang weniger beachtet wurde.
Parallelen zu MS machen den Befund brisant
An diesem Punkt wird die Studie auch für die Forschung zu Multipler Sklerose interessant. Die veränderten Oligodendrozyten ähneln laut Team einer Zellpopulation, die man aus MS-Läsionen kennt. Auch dort geht Myelin verloren. Der neue Befund könnte deshalb helfen, besser zu verstehen, warum Nervengewebe seine Schutzschicht verliert, obwohl die betroffenen Zellen zunächst noch vorhanden sind.
Darin steckt zugleich eine zweite Spur. Wenn Zellen nicht abgestorben sind, sondern in eine Art Rückwärtsgang geraten, bleibt theoretisch die Chance auf Erholung. Darauf zielt die weitere Arbeit des Teams. Crocker sagt: „Wenn wir das nachahmen können, haben wir eine enorme Chance zu sehen, ob sich die Zellen erholen und das Gehirn reparieren können.“ Für die Forschung ist das ein spannender Punkt, weil daraus neue Ideen für die Behandlung von Demyelinisierung entstehen könnten.
Die Arbeit beruht jedoch auf Versuchen mit Mäusen und auf Untersuchungen an Zellkulturen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass derselbe Effekt beim Menschen genauso auftritt. Gleichzeitig sind die Befunde zu klar, um sie beiseitezuschieben. Sie legen nahe, dass der Eingriff in alternde Zellen im Gehirn Folgen haben kann, die bislang zu wenig beachtet wurden.
Der Anti-Aging-Mix ist längst kein Nischenthema mehr
Die Ergebnisse sind zusätzlich heikel. Die Kombination aus Dasatinib und Quercetin spielt in der Anti-Aging-Forschung schon länger eine wichtige Rolle. Sie soll alte, geschädigte Zellen beseitigen, die Entzündungen fördern und altersbedingte Beschwerden mit antreiben. Deshalb wird D+Q bereits in mehreren Zusammenhängen untersucht, darunter bei Typ-2-Diabetes, Alzheimer und altersbedingten Entzündungsprozessen.
Außerhalb der Forschung hat sich der Mix ebenfalls herumgesprochen. In der Anti-Aging-Szene wird er teils off-label genutzt, also ohne zugelassene Anwendung für diesen Zweck. Deshalb sind Daten zu möglichen Risiken so wichtig. Denn bei Wirkstoffen, die tief in Zellprozesse eingreifen, reicht es nicht, nur auf mögliche Vorteile zu schauen.
Kurz zusammengefasst:
- Eine neue Studie der University of Connecticut fand bei Mäusen Hirnschäden nach dem Anti-Aging-Mix aus Dasatinib und Quercetin.
- Geschädigt wurde vor allem das Myelin, also die Schutzschicht der Nervenzellen; außerdem schrumpfte mit dem Corpus callosum eine wichtige Verbindung zwischen den Hirnhälften.
- Für Menschen ist das kein Beweis, weil nur Mäuse und Zellkulturen untersucht wurden, doch die Daten zeigen mögliche Senolytika-Nebenwirkungen und liefern neue Hinweise auf Prozesse wie bei Multipler Sklerose.
Übrigens: Während Anti-Aging-Wirkstoffe Nebenwirkungen im Gehirn zeigen können, rückt eine neue Studie den Darm in den Fokus und zeigt, wie Bakterien den Alterungsprozess beeinflussen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Crocker Lab / UConn School of Medicine
