Multitasking ist ein Mythos – Studie zeigt, warum unser Gehirn dabei schneller Fehler macht
Multitasking funktioniert nicht wirklich: Das Gehirn arbeitet Aufgaben nur nacheinander ab – selbst nach intensivem Training.
Auch intensives Training ändert nichts daran: Das Gehirn kann zwei Aufgaben nicht wirklich gleichzeitig verarbeiten. © Freepik
Im Büro laufen mehrere Programme parallel, das Telefon meldet sich, am PC ploppen neue Nachrichten auf. Wer alles gleichzeitig im Blick behält, gilt als organisiert und leistungsfähig. Multitasking erscheint dabei wie eine trainierbare Stärke – doch das Gehirn ist darauf nicht ausgelegt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Es verarbeitet Aufgaben nicht parallel, sondern springt sehr schnell von einem Schritt zum nächsten.
Dieser schnelle Wechsel zwischen mehreren To-dos erzeugt den Eindruck von Gleichzeitigkeit. Doch das ist ein Denkfehler: Tatsächlich existiert ein Engpass in der Informationsverarbeitung – ein zentraler Entscheidungsschritt im Gehirn, an dem festgelegt wird, wie auf einen Reiz reagiert wird. Jede Aufgabe muss diesen Verarbeitungsschritt einzeln durchlaufen. Schon kleine Störungen oder unerwartete Änderungen bringen das System aus dem Takt. Dann steigen Fehler und Reaktionszeiten deutlich.
Multitasking im Gehirn: Drei Tests bringen Klarheit
Die Untersuchung erschien im Fachjournal Quarterly Journal of Experimental Psychology. Beteiligt waren die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die FernUniversität in Hagen und die Hamburg Medical School. In drei Experimenten trainierten die Teilnehmenden zwei Aufgaben gleichzeitig.
Sie sollten mit der rechten Hand die Größe eines kurz eingeblendeten Kreises anzeigen. Gleichzeitig mussten sie sagen, ob ein Ton hoch, mittel oder tief klang. Dabei maßen die Forschenden Reaktionszeiten und Fehlerquoten. Die Übungen wiederholten die Teilnehmenden über mehrere Tage hinweg, teilweise bis zu zwölf Tage.
Training verringert Leistungseinbußen – beseitigt aber keinen Engpass
Frühere Studien hatten den Eindruck erweckt, dass diese Doppelaufgaben-Kosten durch intensives Training fast vollständig verschwinden könnten. Gemeint war: Wer zwei Aufgaben häufig genug gemeinsam übt, reagiert irgendwann nahezu genauso schnell und fehlerfrei wie bei einer einzelnen Aufgabe. Das wurde als Hinweis gedeutet, dass das Gehirn mit ausreichend Übung echte Gleichzeitigkeit erreichen kann.
Mit zunehmender Übung wurden die Personen tatsächlich schneller. Auch die Fehler nahmen ab. Das schien zunächst zu bestätigen, dass intensives Training Doppelaufgaben fast perfekt beherrschbar macht. Doch Prof. Torsten Schubert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erklärt: „Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte Phänomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn und als Nachweis dafür, dass unser Gehirn grenzenlos multitaskingfähig ist. Die Ergebnisse unserer Studie widersprechen dieser Annahme deutlich.“
Entscheidend ist ein sogenannter latenter Engpass. Bestimmte Verarbeitungsschritte blockieren sich gegenseitig. Das Gehirn kann sie nicht parallel ausführen. Es reiht sie hintereinander.
Kleine Änderungen bringen das System aus dem Takt
Nach der Trainingsphase veränderten die Forschenden einzelne Bestandteile der Aufgaben. Sie verlängerten gezielt bestimmte Verarbeitungsschritte. Anschließend beobachteten sie, wie sich das auf beide Aufgaben auswirkte. Das Ergebnis fiel klar aus:
- Verlängerte sich ein Engpass-Schritt der kürzeren Aufgabe, verlangsamte sich auch die zweite Aufgabe.
- Wurde ein Schritt der längeren Aufgabe verlängert, blieb die kürzere Aufgabe weitgehend stabil.
Dieses Muster belegt: Eine Aufgabe muss warten, bis die andere einen kritischen Verarbeitungspunkt durchlaufen hat. Training beschleunigt den Wechsel, es hebt die strukturelle Begrenzung jedoch nicht auf.
Schubert beschreibt den Mechanismus so: „Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, Prozesse hintereinander zu reihen, sodass sie sich nicht mehr stören.“ Er ergänzt: „Allerdings hat diese Optimierung ihre Grenzen. In besonders herausfordernden Situationen ermüdet unser kognitiver Apparat daher sehr schnell und wird fehleranfällig.“
Routine schützt nicht vor Fehlern
Schon kleine Abweichungen von einer gewohnten Situation verschlechtern die Leistung deutlich. „Unsere Ergebnisse zeigen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann, zum Beispiel beim Autofahren und gleichzeitigen Telefonieren“, so Prof. Tilo Strobach von der Hamburg Medical School.
Auch Berufe mit hoher Verantwortung sind betroffen. Fluglotsen oder Simultanübersetzer arbeiten unter enormem Zeitdruck. Sie müssen Informationen schnell verarbeiten. Dennoch gelten dieselben biologischen Grenzen.
Struktur schlägt Multitasking
Das Verständnis kognitiver Engpässe hilft dabei, Arbeitsprozesse realistischer zu gestalten. Wer mehrere Aufgaben strukturiert statt gleichzeitig angeht, arbeitet oft stabiler und fehlerärmer. Wichtig sind vor allem:
- klare Prioritäten
- bewusste Reduktion von Störungen
- strukturierte Abläufe statt paralleler Reizüberflutung
Prof. Roman Liepelt von der FernUniversität in Hagen ordnet den Nutzen der Studienergebnisse ein: „Das Verständnis solcher kognitiven Engpässe ist entscheidend, um Arbeitsprozesse, Lernumgebungen und auch Sicherheitsmaßnahmen im Alltag besser gestalten zu können.“
Kurz zusammengefasst:
- Multitasking funktioniert nicht wirklich: Das Gehirn kann keine zwei Aufgaben wirklich gleichzeitig verarbeiten, sondern arbeitet sie extrem schnell nacheinander ab – ein sogenannter „latenter Engpass“ verhindert echte Parallelverarbeitung, auch nach intensivem Training.
- Übung macht Abläufe schneller und sicherer, beseitigt den Engpass jedoch nicht; schon kleine Veränderungen einer Routine führen wieder zu längeren Reaktionszeiten und mehr Fehlern.
- Multitasking bleibt daher im Alltag riskant – etwa beim Autofahren oder bei komplexer Arbeit –, weshalb klare Priorisierung, weniger Ablenkung und strukturierte Abläufe die sicherere Strategie sind.
Übrigens: Wer im Arbeitsalltag ständig zwischen Aufgaben wechselt, übersieht laut einer Studie deutlich häufiger betrügerische E-Mails – Multitasking erhöht das Phishing-Risiko messbar. Mehr dazu in unserem Artikel.
