Neue Gen-Studie: Eingewanderte Bauern verdrängten Jäger in Europa
Vor über 8000 Jahren zogen Ackerbauern nach Europa und verdrängten die Jäger. Neue Gen-Daten zeigen: Nicht Ideen, sondern Menschen verbreiteten die Landwirtschaft.

Die Analyse uralter DNA-Daten belegt, dass Europas genetisches Erbe zu mehr als 75 Prozent von eingewanderten Bauern geprägt wurde. © DALL-E
Vor über 8000 Jahren begann ein Wandel, der Europa grundlegend veränderte: Menschen wurden sesshaft, hielten Tiere und bestellten Felder. Die Landwirtschaft entstand – und mit ihr Dörfer, Vorratslager und später Zivilisationen. Lange glaubte man, dieser Umbruch sei das Ergebnis kulturellen Austauschs gewesen. Doch eine neue Studie der Pennsylvania State University widerspricht dieser Annahme. Die Analyse zeigt: Nicht Ideen verbreiteten sich, sondern Menschen. Die Ausbreitung der Landwirtschaft war eng mit großflächiger Migration verbunden. Damit stellt die Studie grundlegende Vorstellungen über Europas Vergangenheit infrage.
Migration statt Wissenstransfer: So kam die Landwirtschaft nach Europa
Das Forschungsteam analysierte DNA-Daten von 1675 Menschen aus der Jungsteinzeit. Mithilfe mathematischer Modelle und Computersimulationen rekonstruierten sie, wie sich Ackerbau und Viehzucht in Europa ausbreiteten – und ob dieser Wandel durch Migration oder durch kulturelle Übernahme geschah.

Die zentrale Erkenntnis: Jäger und Sammler übernahmen die Landwirtschaft nicht. Stattdessen kamen Menschen, die diese Lebensweise bereits kannten, nach Europa.
Migration prägte Europa stärker als bisher angenommen
Nach der Ausbreitung stammten über 75 Prozent der DNA heutiger Europäer von diesen eingewanderten Bauern. Die einheimischen Jägergruppen hinterließen dagegen nur noch 10 bis 15 Prozent genetisches Erbe. Die Wissenschaftler sprechen von einem Bevölkerungsaustausch. Mit dem Ackerbau verschwand auch ein großer Teil der ursprünglichen Lebensweise.
Kulturelle Übernahme spielte kaum eine Rolle
Die Studie berechnete auch, welchen Anteil reiner Wissenstransfer an der Verbreitung hatte. Das Ergebnis: Nicht einmal einer von 200 Fällen lässt sich damit erklären, dass Jäger von Bauern lernten. Frühere Studien waren von bis zu 40 von 100 Fällen ausgegangen.
„Der kulturelle Einfluss lag bei nahezu null (0,5 Prozent)“, schreiben die Autoren. Die Vorstellung, dass Ideen zwischen Gruppen zirkulierten, sei damit kaum haltbar.
Nur einer von tausend Bauern überzeugte einen Jäger
Besonders deutlich wird das bei der sogenannten Lernrate: Von tausend Bauern brachte pro Jahr im Schnitt nur einer einem benachbarten Jäger den Ackerbau bei. Pro Generation entsprach das etwa 2,5 Prozent. Der Wandel geschah also nicht durch Dialog, sondern durch Zuwanderung.
Heiraten zwischen Gruppen waren selten
Auch genetisch blieben die Gruppen getrennt. Rund 98 Prozent aller Menschen heirateten innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft. Beziehungen zwischen Bauern und Jägern kamen nur in unter drei Prozent der Fälle vor:
Bauern und Jäger heirateten fast ausschließlich in der eigenen Gruppe.
Und doch hinterließen diese seltenen Verbindungen messbare Spuren.
Einzelne Orte mit hohem Jäger-Erbe
Manche Regionen Europas zeigen bis heute einen überraschend hohen Anteil an Jäger-DNA – zum Beispiel:
- Blätterhöhle (Deutschland): bis zu 85 Prozent Jäger-DNA bei späten Bauern
- Tangermünde (Deutschland): rund 63 Prozent
- Mont-Aimé (Frankreich): zwischen 50 und 63 Prozent
Diese Ausnahmen deuten auf lokalen Kontakt hin. Doch flächendeckende Vermischung fand nicht statt. Selbst in Skandinavien und Frankreich, wo beide Gruppen lange nebeneinander lebten, blieb genetischer Austausch die Ausnahme.
Landwirtschaft breitete sich im Norden langsamer aus
Im Norden verlief die Ausbreitung langsamer – wohl wegen des kälteren Klimas und dichterer Jägerbevölkerung. Dort blieb der genetische Einfluss der einheimischen Gruppen etwas stärker erhalten. Trotzdem war auch hier Migration der wichtigste Motor. Der kulturelle Beitrag blieb überall gering, unabhängig von Klima oder Region.
Alte Modelle hatten kulturelles Lernen deutlich höher eingeschätzt – teils mit Raten von bis zu zehn Prozent pro Generation. Die neuen Daten zeigen: Das ist kaum mit den genetischen Mustern vereinbar. „Mit rund 0,1 Prozent pro Jahr liegt die ermittelte Lernrate weit unter früheren Schätzungen“, heißt es in der Studie.
Landwirtschaft veränderte Europa – ohne echte Mischung
Die Forscher schlagen ein „drittes Szenario“ vor, das bisherige Modelle ergänzt: Selbst wenn sich die Landwirtschaft durch Migration verbreitete, muss das nicht automatisch einen vollständigen Austausch der genetischen Herkunft bedeuten. Denn wie die Simulationen zeigen, kann eine Ausbreitung auch dann überwiegend demografisch verlaufen, wenn kulturelle Vermischung und genetischer Austausch nur minimal sind.
Damit hinterfragen die Autoren eine verbreitete Annahme in der Forschung: dass ausbleibende genetische Veränderungen auf reinen Ideentransfer hindeuten. Die Studie zeigt, dass auch eine Migration ohne große Vermischung möglich ist – und dass genetische Stabilität nicht zwingend kulturelle Kontinuität bedeutet. Wer nur auf DNA-Daten schaut, kann sich täuschen. Entscheidender ist, wie Menschen lebten – und mit wem.
Kurz zusammengefasst:
- Die Landwirtschaft verbreitete sich in Europa nicht durch Ideen, sondern durch Migration ganzer Bevölkerungsgruppen.
- Weniger als 1 von 1000 Bauern überzeugte jährlich einen Jäger zum Ackerbau – der Wandel geschah fast ausschließlich durch Migration.
- Trotz enger Nachbarschaft heirateten über 98 Prozent innerhalb der eigenen Gruppe – die Jäger verschwanden, ohne sich stark zu vermischen.
Übrigens: Die Wiege der Primaten lag nicht im tropischen Regenwald, sondern in Regionen mit Kälte, Frost und starken Schwankungen. Warum gerade dieses raue Klima ihre Entwicklung prägte, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © DALL-E